27 Jahre danach Wieder Kriegsstimmung an Jom Kippur
Hamburg - Verglichen mit Jom Kippur ist der Sabbat in Israel ein Tag ausgelassenen Treibens. An dem höchsten jüdischen Feiertag hält das Land etwa 24 Stunden lang den Atem an. Bis zum Sonnenuntergang fahren an diesem Montag keine Züge, Busse und Autos; der Ben Gurion Airport verwandelt sich in einen Parkplatz für Flugzeuge; Geschäfte, Kinos und Lokale sind geschlossen. Gläubige Juden gehen in sich und fasten. Doch dieses Jahr ist die Feiertagsstimmung nicht ganz so vollkommen.
Schon einmal, im Jahr 1973, war in Israel an Jom Kippur Krieg ausgebrochen. Damals nutzten Ägypten und Syrien den Tiefschlaf des jüdischen Staates aus und griffen an. Diesmal ist es Israel selbst, das sich auf den Militärschlag vorbereitet. So darf trotz des Feiertags ein Radiosender "on air" bleiben, um den eventuellen Kriegsausbruch sofort zu melden. Der Chefrabbiner der Armee hat die Soldaten vom Fasten entbunden. Das Land ist auf Krieg eingestellt. Wenn die Aufstände in den besetzten Gebieten und im Südlibanon nicht bis zum Abend eingestellt sind, wird Israel Vergeltung üben, droht der israelische Ministerpräsident Ehud Barak. Vergeltung wofür? Für die rund 90 Toten der vergangenen Tage? Die meisten von ihnen waren Palästinenser.
Von Rache hält Jizchak Frankenthal nichts. Dabei hätte er allen Grund dazu. Wenn Frankenthal bei einem seiner Vorträge das Laptop für eine Präsentation öffnet, sieht man einen jungen Soldaten auf dem Schreibtisch-Hintergrund: Arik, den Sohn des ehemaligen Geschäftsmannes. Es war im Sommer 1994: Frankenthal hatte gerade seine Fabrik verkauft und wollte ein neues Geschäft aufziehen, als der Tod des damals 19-Jährigen sein Leben änderte. Arik wurde von Palästinensern erschossen.
Frankenthal wurde daraufhin einer der Gründer des "Parents' Circle", eines Zusammenschlusses von Eltern, die ihre Kinder im Krieg oder bei Attentaten verloren haben. In der Organisation sind Israelis und Palästinenser vereint. Der Feind sind nicht die anderen, der Feind ist der Hass. "Wir haben unsere Kinder nur verloren, weil es keinen Frieden gab", sagt Frankenthal. Mit dieser Einstellung stehen die Aktivisten in der israelischen Gesellschaft jedoch oft im Abseits. Wenn die Mitglieder von "Parents' Circle" in den Straßen von Jerusalem für ihr Anliegen demonstrieren, schlägt ihnen meist nur Unverständnis entgegen. Manche Passanten beschimpfen sie.
"Wir brauchen E-Peace"
Auch Barak hat sich in der gegenwärtigen Krise dafür entschieden, auf Abschreckung statt auf Versöhnung zu setzen. Mit seinen Drohgebärden will der Premier wohl vor allem seinen innenpolitischen Gegnern beweisen, dass er stark ist. Doch die vermeintliche Stärke könnte all das zunichte machen, was der Premier während seiner eineinhalbjährigen Amtszeit erreicht hat. Immerhin hatte Barak im Mai die israelischen Streitkräfte aus dem Libanon zurückgezogen, und auch in der derzeit alles andere überschattenden Streitfrage Jerusalem war er den Palästinensern mehr entgegengekommen als je ein israelischer Ministerpräsident zuvor. Doch just als Barak bekannt gab, er könne sich neben einer israelischen Hauptstadt Jerusalem auch eine palästinensische Hauptstadt al-Kuds - so der arabische Name der Stadt - vorstellen, ließ Likud-Führer Ariel Scharon mit seinem provokanten "Besuch" des Tempelbergs ein Friedensabkommen in weite Ferne rücken.
Der Status von Jerusalem hätte in den Friedensverhandlungen überhaupt nicht diskutiert werden dürfen. Dieser Meinung ist zumindest Friedensnobelpreisträger Schimon Peres. "In dem Moment, in dem das Thema Jerusalem auf den Tisch gebracht wurde, bestimmte die Religion die Verhandlungen", sagt der Vorvorgänger von Premier Barak. "Und wo der Glaube beginnt, endet die Vernunft." Doch Peres ist optimistisch: Im Zeitalter des Internets seien die Chancen für den Frieden gestiegen. "Heute zählen nicht mehr Grundbesitz, sondern menschliche Ressourcen. Das Internet verbindet junge Leute auf der ganzen Welt und arbeitet somit für den Frieden. Nach E-Mails und E-Commerce brauchen wir jetzt E-Peace."
Deshalb müsse es den Palästinensern auch ermöglicht werden, an der New Economy teilzunehmen. Das "Peres Center for Peace" bemüht sich, israelische Firmen dafür zu gewinnen, in den besetzten Gebieten zu investieren. Als nächster Schritt sind israelisch-palästinensische Joint-Ventures geplant. "Je besser es den Palästinensern geht, desto bessere Nachbarn werden wir haben. Gute Nachbarn sind mehr wert als gute Maschinenpistolen." Doch seit der Zerstörung des Josephsgrabs in Nablus durch fanatische Palästinenser spricht plötzlich auch der Friedensnobelpreisträger in einem anderen Ton: Arafat habe bewiesen, dass man ihm nicht die Kontrolle über die heiligen Stätten in Ost-Jerusalem übergeben dürfe. Derzeit verlassen sich die Israelis offenbar doch eher auf gute Maschinenpistolen.