9.-Mai-Feier Moskau wird zum Hochsicherheitstrakt
Es soll auf keinen Fall regnen am Montag. Der Himmel wird in feierlichem blau erstrahlen, wenn mehr als 50 Staats- und Regierungschefs mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin den 60. Jahrestag des Sieges über Nazi-Deutschland feiern. Den Wetter-Job erledigt die Luftwaffe: Sie impft etwaige Wolken über der russischen Hauptstadt mit Chemikalien, die drohende Wolkenbrüche in Nichts auflösen sollen.
Zu den internationalen Gästen gehören US-Präsident George W. Bush, Frankreichs Präsident Jacques Chirac, Japans Ministerpräsident Junichiro Koizumi und Bundeskanzler Gerhard Schröder. Großbritanniens Premier Tony Blair sagte seine Teilnahme ab. Er begründete sein Fernbleiben in einem Telefonat mit Putin damit, dass er nach dem Wahlsieg Zeit für die Regierungsbildung brauche, teilte der Kreml mit.
Um möglichst jedes Sicherheitsrisiko angesichts der hochkarätigen Besucher auszuschließen, sind jede Menge Sicherheitskräfte im Einsatz: 20.000 Polizisten, 5000 Soldaten des Innenministeriums und 2000 Angehörige der paramilitärischen Polizeitruppe Omon.
Sie schaffen seit Tagen Obdachlose und Straßenkinder aus der Hauptstadt fort - 100 Kilometer vor die Tore der Stadt. Eine solche Aktion hat es seit der Olympiade 1980 nicht mehr gegeben. Flugabwehrraketen überwachen die Flugverbotszone über der City und private Rettungswagen unterliegen seit Wochenbeginn einem Fahrverbot, weil die Sicherheitskräfte laut einem Bericht der "Financial Times" angeblich Informationen darüber haben, dass Anschläge unter Zuhilfenahme solcher Ambulanzen geplant seien.
Lieber die Stadt verlassen
Den Einwohnern Moskaus haben die Behörden geraten, sich aufs Land, in Datschen, zu Freunden in der Umgebung zurückzuziehen. "Üblicherweise fahren die Moskauer gern in die nahe Umgebung der Stadt. Das ist eine gute Tradition", forderte Oberbürgermeister Juri Luschkow sie auf, die Stadt zu verlassen. Wer dennoch in der Stadt bleibt, wird Probleme bekommen, sich im Zentrum zu bewegen. Schon am Wochenende werden Straßen gesperrt. Ab Sonntag, wenn die Staatsgäste landen, zum Beispiel alle Zufahrtstraßen zu den drei Flughäfen.
In den inneren Zirkel gelangen sowieso nur Inhaber von Sicherheitsausweisen. Am Montag braucht man eine solche Karte sogar stellenweise, um die U-Bahn benutzen zu können. Einige Stationen direkt nahe dem Roten Platz werden komplett geschlossen; die Züge rattern dort durch, ohne anzuhalten.
Parade zwischen Gum und Lenin-Mausoleum
Schon seit Tagen ist der Platz selbst nur noch eingeschränkt zu betreten. Die Vorbereitungen für die Parade laufen längst: Vor dem Lenin-Mausoleum bauen Arbeiter ein Rednerpult auf, rechts und links davon die Tribünen für die Gäste aus dem In- und Ausland. Am anderen Ende des Platzes, vor dem Kaufhaus Gum, entsteht die Tribüne für die Veteranen.
Die russische Führung befürchtet besonders, dass tschetschenische Rebellen den Aufmarsch internationaler Politprominenz für Anschläge nutzen könnten. Die Anspannung hat noch deutlich zugenommen, seit gestern bekannt gegeben wurde, dass Pläne von Terroristen vereitelt wurden, Städte im Nord-Kaukasus mit Gift und Sprengstoff anzugreifen. Sicherheitskräfte haben demnach ein Waffenlager an der tschetschenischen Grenze ausgehoben und nahe Grosny einen Lkw mit einer Tonne Sprengstoff abgefangen.
Die Staatsgäste sollen von all dem möglichst nichts mitbekommen. Sie sollen sich allein von der Parade auf dem Roten Platz beeindrucken lassen. Mehr als 2000 Veteranen ziehen in nachgebauten Militärfahrzeugen aus dem zweiten Weltkrieg an der Ehrentribüne vorbei. Junge Soldaten sollen mit dem Know-how von heute beeindrucken und die Luftwaffe eine Show-Einlagen über dem gigantischen Platz fliegen. Wenn das Wetter es zulässt.