Horror ohne Ende in Nahost: Neue Selbstmord-anschläge - Im Gegenzug Arafats Amtssitz zerstört - DER SPIEGEL
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Horror ohne Ende in Nahost Neue Selbstmord-anschläge - Im Gegenzug Arafats Amtssitz zerstört

Zweimal binnen zwei Stunden schlugen palästinensische Terroristen zu. In einem israelischen Badeort wurden über 30 Personen durch Schüsse verletzt, in Jerusalem exlodierte ein Sprengsatz in einem Café. Dort starben mindestens 11 Menschen. Israels Luftwaffe zerstörte daraufhin den Amtssitz von Palästinenser-Präsident Arafat.
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Jerusalem - Der Horror kam zum Ende des jüdischen Feiertags Sabbat. Bei zwei neuen Selbstmordanschlägen wurden mehr als 88 Menschen verletzt, möglicherweise sogar mehr als 100. Mindestens 13 Israelis kamen ums Leben, ebenso drei palästinensische Attentäter.

So starben bei einem Selbstmordanschlag auf ein voll besetztes Café in unmittelbarer Nähe der Residenz von Ministerpräsident Ariel Scharon in Jerusalem mindestens elf Menschen; mehr als 54 weitere wurden schwer verletzt. Scharon hielt sich zum Zeitpunkt des Attentates nicht in seiner Residenz auf.

Der Selbstmordattentäter von Jerusalem war ein 22 Jahre altes Mitglied der radikalen Hamas-Organisation aus dem Flüchtlingslager el Arub im Westjordanland. Auch die Al-Aksa-Brigaden, der militante Arm der Fatah-Bewegung von Palästinenser-Präsident Jassir Arafat, bekannte sich zu dem Attentat.

Vier Tote und 34 Verletzte in Netanya

In Netanja hatten zuvor mindestens drei Palästinenser etwa 15 Minuten lang das Feuer auf eine Partygesellschaft und Passanten eröffnet. Dabei kamen zwei Israelis und zwei Attentäter ums Leben, ein Dritter konnte möglicherweise fliehen. Unter den Opfern sind auch ein sieben Monate altes Kind und ein älterer Mann, der versehentlich von israelischen Sicherheitskräften erschossen wurde, als er vor seinem Hotel hinter einem Blumentopf Schutz suchte. Mindestens 34 Personen wurden verletzt. Zu dem Anschlag bekannten sich die Al-Aksa-Brigaden.

Gerücht über Deutsche unter den Opfern dementiert

Anfängliche Meldungen über zwei mögliche Deutsche unter den Opfern zog der Nachrichtensender n-tv am Sonntagmorgen zurück. Es hätten sich Zweifel an der Glaubwürdigkeit eines angeblichen Augenzeugens ergeben, sagte ein Sprecher des Senders der Nachrichtenagentur Reuters. Auch das Auswärtige Amt sagte, die israelische Polizei habe die Angaben des Augenzeugens nicht bestätigt. Der angebliche Augenzeuge hatte sich n-tv zufolge telefonisch bei dem Sender gemeldet und berichtet, zwei seiner Freunde seien bei dem Selbstmordattentat auf ein Café in Jerusalem ums Leben gekommen. Er selbst sei nur leicht verletzt. Der Augenzeuge nannte seinen eigenen Namen und die Vornamen der Freunde. Die Sprecherin des Auswärtigen Amtes sagte weiter, von israelischer Seite lägen keine Angaben über Ausländer unter den Anschlagsopfern vor.

Zu dem Attentat auf das Café hat sich unterdessen die radikale Palästinenser-Organisation Hamas bekannt. Außerdem wurde bei einem Feuerüberfall mutmaßlicher militanter Palästinenser nach Angaben des israelischen Rundfunks am Samstagabend eine israelische Autofahrerin getötet. Ein 15-jähriges palästinensisches Mädchen wurde dagegen bei Bethlehem von israelischen Soldaten erschossen.

Im Gegenzug Arafats Zentrale zerstört

Unmittelbar nach den Anschlägen starteten israelische Kampfhubschrauber zu einer neuerlichen Vergeltungsaktion und beschossen nach palästinensischen Angaben den Gebäudekomplex Arafats in Gaza mit etwa 30 Raketen. Dabei wurden mindestens 20 Personen verletzt. Nach Korrespondentenberichten der BBC soll der Amtssitz dabei vollkommen zerstört worden sein. An der Militäroperation beteiligten sich auch israelische Kriegsschiffe, berichtete der britische Fernsehsender.

Unterdessen schlug der Versuch der israelischen Armee, einen hochrangigen palästinensischen Geheimdienstmitarbeiter zu liquidieren, fehl. Anstelle von Abdelkarim Awaf wurde am Samstagabend dessen Bruder Samir von einer israelischen Rakete getötet. Nach palästinensischen Angaben wurden auch Einrichtungen der Sicherheitskräfte in Ramallah von Raketen getroffen.

Bei Angriffen auf Gaza-Stadt im Laufe des Samstags wurden palästinensischen Angaben zufolge mindestens 24 Menschen verletzt. In der Nacht drang die Armee zudem mit Panzern und Planierraupen in das Dorf Tal el Sultan bei Rafah im südlichen Gaza-Streifen ein. Per Lautsprecher seien alle Männer von mehr als 14 Jahren aufgefordert worden, ihre Häuser zu verlassen, berichteten Augenzeugen. Offenbar wolle die Armee militante Palästinenser festnehmen. Die israelische Armee zog sich dagegen am Abend aus dem palästinensischen Flüchtlingslager von Tulkarem im Westjordanland zurück. Bei der Besetzung des Lagers hatten israelische Soldaten 16 Palästinenser getötet und mehr als 80 verletzt.

Mehrere Hundert Festnahmen

Schon am Samstagnachmittag hatten sich die Spannungen gesteigert. Israels Armee hatte aus Tulkarem im Westjordanland etwa 500 Männer zum Verhör in einen Militärstützpunkt gebracht. Die palästinensische Autonomie-Regierung nannte eine Zahl von 640 Internierten, berichtet die Agentur Reuters. Nach dem israelischen Besatzungsrecht dürfen die Gefangenen vier Tage lang, ohne Kontakt zu einem Anwalt aufzunehmen, festgehalten werden.

Bewohner Tulkarems berichteten, am Freitagmorgen seien alle männlichen Bewohner im Alter zwischen 14 und 40 Jahren von israelischen Soldaten über Lautsprecher aufgefordert worden, sich vor der UNO-Schule zu versammeln. Die Männer, darunter auch meherere Dutzend Polizisten, seien dann zum zwei Autostunden entfernten Armeestützpunkt Ofer in der Nähe von Ramallah gebracht worden.

Ein Armeesprecher sagte, bei Verdacht auf "terroristische Betätigung" würden die Männer vor Gericht gestellt oder in Polizeihaft genommen, die bis zu sechs Monate dauern darf. Bei der Besetzung des Lagers in Tulkarem waren 16 Palästinenser getötet worden. Die palästinensische Autonomie-Regierung sprach von Kriegsverbrechen der Israelis in dem Lager, in dem 15.000 Palästinenser leben.

Weiteres Flüchtlingslager gestürmt

Am Abend wurde der erneute Sturm von israelischen Soldaten auf ein weiteres Flüchtlingslager nahe Bethlehem gemeldet. Dabei griff die Armee nach palästinensischen Angaben das Deheische-Lager von drei Seiten an. Alle Männer hätten zuvor das Lager verlassen. Angaben über Opfer oder Verletzte lagen am frühen Abend noch nicht vor. Es ist das fünfte Flüchtlingslager, das die israelische Armee im Gazastreifen und Westjordanland in den vergangenen Tagen gestürmt hat.

Aus Protest gegen die anhaltende Militäroffensive der israelischen Armee wollen die arabischen Dörfer in Israel sowie die autonomen Palästinensergebiete an diesem Sonntag in den Generalstreik treten. Am Samstag hatten mehrere zehntausend Bürger in der Stadt Sahnin gegen die Militäroperationen protestiert.

Scharon: "Verhandlungen unter Feuer"

Scharon hatte am frühen Samstag eigentlich eine, wenn auch zweideutige, Kehrtwende angekündigt: Nach einem Telefonat mit US-Außenminister Colin Powell hatte Scharon im israelischen Fernsehen gesagt: "Verhandlungen über ein Ende der Schießereien werden unter Feuer stattfinden. Dies sind die Verhandlungen, um einen Waffenstillstand zu erreichen." Im Falle palästinensischer Anschläge werde Israel aber zurückschlagen, fügte er hinzu. Grundsätzlich sei er jedoch bereit, Gespräche über die Umsetzung des vom amerikanischen Geheimdienstchef George Tenet vorgelegten Plans für eine Waffenruhe aufzunehmen. Der heutige Abend dürfte die Aussichten auf ein Ende des neuen Nahost-Terror-Kriegs allerdings nicht begünstigen.

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