Argentinien: Auf der Suchenach einem bisschen Leben - DER SPIEGEL
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Argentinien Auf der Suchenach einem bisschen Leben

Wer zuerst kommt, wühlt zuerst. Mit Sonderzügen schwärmen nachts die Hungrigen aus den Elendsvierteln in die Hauptstadt Argentiniens. Sie durchsuchen den Müll, um so über den nächsten Tag zu kommen.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Buenos Aires - Wenn der Tag zu Ende geht, machen sie sich auf die Suche, um den nächsten zu überleben. Zu Tausenden strömen am Abend und Nachts die Hungrigen aus den Vorstädten in die Stadt. Ihr Ziel sind die Müllbeutel der Millionenmetropole, die Reste, die Buenos Aires am Abend in Plastik verpackt auf die Straße legt, wo sie jede Nacht eingesammelt werden. Aber der Job für die reguläre Müllabfuhr ist schwieriger geworden.

Denn jetzt kommen vorher die Arbeitslosen und Hungrigen aus den ständig wuchernden Armenvierteln, die Buenos Aires umschlingen, und reißen die Müllsäcke auf in der Hoffnung auf Papier, Glas, das sich für ein paar Centavos recyceln lässt - oder auf der Suche nach Essensresten.

Ganze Straßen sind übersät von den durchwühlten Müllresten, die der Wind weiterträgt. Auf der einen Seite setzt die Bahn bereits Sonderzüge ein, um den Treck der Müllsucher noch bewältigen zu können. Andererseits würde die Stadtverwaltung das in ihren Augen den Tourismusbetrieb störende Müll-Gefilze gerne beenden.

Für die Hungernden aus den Vorstädten geht es um das nackte Überleben. "Entweder ich finde genug, oder meine Kinder hungern“, sagt Carlos Almendro. So einfach ist das. Und so schwer. Jeden Tag wieder. Der 45 Jahre alte Dreher ist seit der vor vier Jahren einsetzenden Rezession arbeitslos und hat die Hoffnung auf einen "normalen“ Job längst aufgegeben: "Hier kannst du nichts mehr erwarten.“ Über 15 Millionen der 35 Millionen Argentinier leben bereits unter der Armutsgrenze, Tendenz steigend.

Die Zukunft verfrühstückt

Jeden Abend macht er sich mit seinem Sohn auf den Weg in die große Stadt, mit einem Einkaufswagen aus dem Supermarkt, auf kleinen Droschken, die von abgemagerten Pferden geschleppt werden, ziehen sie mit den anderen durch die Straßen und wühlen sich mit nackten Händen durch Windeln, verfaultes Obst, stinkende Konserven für ein Stück Leben.

Bei dem Wettrennen "wer zuerst kommt, wühlt zuerst“ bildet sich langsam ein System mit fest abgesteckten Gebieten und Regeln. Während es für Lateinamerika kein neues Bild ist, dass Menschen auf Müllhalden ihre Siedlungen gründen, weil das ihr "Acker“ ist, macht sich in Buenos Aires ein neues Phänomen breit. In den "normalen“ Wohnsiedlungen der Mittelklasse suchen nun die Bewohner verschämt im Schutz der Dunkelheit den Müll des Nachbarn ab.

Menschen im Müll

Durch die U-Bahn-Züge und Cafés ziehen Studenten, Rentner, kleine Kinder und legen wortlos Feuerzeuge, Filzstifte oder kleine Kärtchen mit Heiligenbildern auf den Schoss der Passagiere oder den Tisch der Café-Gäste in der Hoffnung, dass ihnen jemand ein paar Münzen dafür in die Hand drückt.

Carlos glaubt nicht mehr daran, dass Argentinien wieder hochkommt. "Wir haben uns selbst betrogen und uns betrügen lassen“, sagt er im Hinblick auf die Zeit des festen Wechselkurses, als es für jeden Peso einen US-Dollar gab, das Land sich übernahm und seine Zukunft verfrühstückte, weil es Musterschüler des IWF spielen wollte. "Viele haben sich benommen wie Maden im Speck“, sagt Carlos: "Jetzt sind wir Menschen im Müll."