Letzte Ruhestätte: Belgrad blockiert Bestattungvon Milosevic in Serbien - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Letzte Ruhestätte Belgrad blockiert Bestattungvon Milosevic in Serbien

Die Regierung in Belgrad will nach Angaben des Sohnes von Slobodan Milosevic ein Begräbnis des jugoslawischen Ex-Präsidenten in seiner Heimat verhindern. Wahrscheinlich wird er jetzt in Moskau bestattet werden - zumindest vorläufig.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Den Haag/Moskau - "Die Behörden in Belgrad erlauben das nicht", sagte Marko Milosevic mit Blick auf das Begräbnis seines Vaters in Serbien. "Sie wollen dieses Ereignis verhindern. Sie bedrohen uns offiziell und inoffiziell". Damit widersprach er Erklärungen der serbischen Regierung.

Die Familie habe keine andere Wahl, als um eine vorläufige Beisetzung in Moskau zu bitten, sagte Marko Milosevic. Er habe dazu bereits die Moskauer Behörden kontaktiert. Seines Wissens sei der Moskauer Bürgermeister Juri Luschkow damit einverstanden. Milosevic brach heute Morgen von Moskau aus in die Niederlande auf, wo er den Leichnam seines Vaters abholen will.

Nach seiner Ankunft in Amsterdam sagte Marko Milosevic: "Er ist nicht gestorben, er wurde umgebracht. Es handelt sich um Mord." Milosevics Sohn wurde am Flughafen vom Anwalt seines Vaters, Zdenko Tomanovic, in Empfang genommen, der ihn nach Den Haag bringen wollte.

Er hatte in der Uno-Haft auf eine Behandlung seiner Herzkrankheit in Moskau und nicht nur in den Niederlanden gedrungen, was ihm allerdings verwehrt blieb. Russische Mediziner wollen nun die Obduktionsakten des Toten in Den Haag einsehen, nachdem in Moskau Zweifel an der Vorgehensweise bei der Autopsie aufgekommen waren. Serbische Pathologen, die bei der von niederländischen Kollegen ausgeführten Obduktion dabei waren, beschrieben die Autopsie hingegen als professionell. Laut vorläufigem Obduktionsbericht starb Milosevic an Herzversagen, ein toxikologisches Gutachten steht indes noch aus.

Milosevics Bruder Borislaw - früherer Botschafter in Moskau - warf dem Tribunal unterdessen vor, mit der verwehrten Behandlung in Moskau das Todesurteil über den Angeklagten gesprochen zu haben: "Alles war auf dieses Ergebnis ausgerichtet. Es war sozusagen Mord. Ich schrecke nicht davor zurück, das Wort zu benutzen."

Die Leiche des Ex-Präsidenten befand sich noch im dortigen gerichtsmedizinischen Institut, wurde aber schon zur Bestattung freigegeben. Über den Ort für die Beisetzung fiel zunächst noch keine Entscheidung. Ein Funktionär der Partei Milosevics erklärte heute in Belgrad, der dortige Haftbefehl gegen die Witwe Mirjana Markovic sei vorübergehend ausgesetzt worden. Damit wäre ihr die Teilnahme an einem Begräbnis in Serbien möglich. Andernfalls hatte Marko Milosevic eine vorläufige Beisetzung in Moskau in Aussicht gestellt.

Mehr als dreißig mutmaßliche Kriegsverbrecher schalteten heute eine Traueranzeige für Milosevic. Unter der Überschrift "Letztes Lebewohl für einen Haager Waffenbruder", drückten 34 in Den Haag Angeklagte der Familie Milosevics ihr "aufrichtiges Beileid" aus. Zu den Unterzeichnern der Anzeige in den regierungstreuen Blättern "Politika" und "Vecernje Novosti" gehört auch der kroatische General Ante Gotovina.

Am Morgen erklärte das Uno-Tribunal in Den Haag den Prozess gegen Milosevic auch förmlich für beendet. "Sein Tod beendet dieses Verfahren" sagte der Vorsitzende Richter Patrick Robinson . Milosevic stand seit dem 12. Februar 2002 vor Gericht. Ihm wurden unter anderem Völkermord vorgeworfen.

Milosevic glaubte an Verschwörung

Inzwischen sorgt ein posthum bekannt gewordenes Schriftstück des ehemaligen serbischen Präsidenten für Unruhe. In einem Brief an die russische Regierung behauptet Milosevic, er sei vom Uno-Tribunal mit Lepra-Medikamenten vergiftet worden. "Ich glaube, die Beharrlichkeit, mit der die medizinische Behandlung in Russland verweigert wurde, ist in erster Linie in der Befürchtung begründet, dass bei einer sorgfältigen Untersuchung entdeckt werden würde, dass aktive und mutwillige Schritte unternommen wurden, meine Gesundheit zu zerstören." Dies könne vor russischen Spezialisten nicht verborgen werden.

Den Brief, den der Anwalt des ehemaligen jugoslawischen Präsidenten, Zdenko Tomanovic, der Nachrichtenagentur AP in englischer Übersetzung übergeben hat, soll Milosevic am 8. März geschrieben haben. Er beschuldigt darin das Kriegsverbrechertribunal ihn vergiftet zu haben und zieht eine Untersuchung vom 12. Januar heran, bei der ein Antibiotikum in seinem Blut nachgewiesen wurde. Belgische Behörden hatten am Montag bestätigt, das Spuren eines Antibiotikums, dass normalerweise bei der Behandlung von Tuberkulose und Lepra verschrieben wird, bei Milosevic nachgewiesen wurden. Es handelt sich vermutlich um "Rifampicin".

Er habe während seiner gesamten fünf Jahre im Gefängnis nie ein Antibiotikum genommen, erklärt Milosevic in seinem Brief. "Während dieser gesamten Zeit habe ich auch nie irgendeine ansteckende Krankheit gehabt."

Der 64-Jährige schreibt, er habe den Befund seiner Blutwerte erst am 7. März erhalten. Diese Verzögerung sei nur dadurch zu erklären, "dass wir es mit Manipulation zu tun haben. In jedem Fall können diejenigen, die mir ein Medikament gegen Lepra aufzwingen, gewiss nicht meine Krankheit behandeln; ebenso wenig wie die, gegen die ich mein Land in Kriegszeiten verteidigt habe und die ein Interesse daran haben, mich zum Schweigen zu bringen".

"Milosevic wollte einfache Fahrt nach Moskau"

Der Toxikologe, der eigenen Angaben zufolge vor zwei Wochen eine Blutprobe Milosevics analysiert hat, vermutet eine ganz andere Verschwörung. Milosevic habe das Antibiotikum absichtlich eingenommen, um eine Behandlung im Ausland zu erzwingen. Zu dieser Version würden die Aussagen im Bittbrief an die russische Regierung passen. "Ich bin sicher, dass er die Medizin selbst genommen hat, weil er einen Fahrschein nach Moskau wollte", sagte Ronald Uges. Er habe den 64-Jährigen untersucht, weil die behandelnden niederländischen Ärzte wissen wollten, weshalb Milosevics Blutdruck trotz der Medikamente nicht sinke.

Der wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Völkermord angeklagte Milosevic war am Wochenende tot in seiner Zelle aufgefunden worden. Laut Autopsie-Bericht erlitt er einen Herzinfarkt.

Die belgische Tageszeitung "Le Soir" berichtete unter Berufung auf einen nicht genannten Uno-Mitarbeiter, dass im Januar in Milosevics Zelle nicht verordnete Medikamente gefunden wurden. Nach dem Fund dieser Medikamente hätten die Richter des Kriegsverbrechertribunals über Milosevics Antrag auf Genehmigung einer Reise nach Moskau beraten. Dieser sei dann abgelehnt worden. Überraschenderweise habe Milosevic dagegen keinen Widerspruch eingelegt.

lan/agö/ap/dpa/afp