Republikaner-Favorit McCain Alptraum-Gegner für die Demokraten
Washington - John McCains Anhänger feiern frenetisch, alle Lautsprecheransagen gehen im Jubel unter. Erst als der Kandidat gegen halb zehn Uhr Ortszeit am späten Abend ans Mikrofon tritt, wird es still. McCain hat triumphiert heute Abend. Aber im Moment seines großes Sieges wirkt er verhalten. "Heute haben wir einige wichtige Staaten gewonnen, in einer Abstimmung, die einer nationalen Vorwahl ziemlich nahe kommt", sagt er, als müsse er sich erst selbst noch davon überzeugen.
McCain hat gewonnen in den wichtigen Staaten im Nordosten, in New Jersey und New York, aber auch in Missouri und Illinois, in Oklahoma und vor allem in Kalifornien, wo ein Fünftel aller zur Nominierung nötigen Delegiertenstimmen vergeben wird. "Ich habe es immer gemocht, von hinten zu kommen, aber wir müssen uns daran gewöhnen, dass wir jetzt offiziell vorne liegen", sagt McCain. Er macht eine Pause, er ist bleich, aber er schmunzelt. "Und es macht mir gar nichts aus."
Tatsächlich hat John McCain überraschend klar gesiegt. Sein Konkurrent Mitt Romney hat einige kleinere Staaten gewonnen, dazu Massachusetts, wo er Gouverneur war. Mike Huckabee, der politisch begabte Baptistenprediger aus Arkansas, hat überraschend gut abgeschnitten und in vier Südstaaten gewonnen. Das lässt Romneys Erfolge noch kläglicher aussehen.
McCains Sieg ist eine fast unglaubliche Comeback-Geschichte. Im vergangenen Sommer war er pleite, er konnte nicht mal mehr seinen Wahlkampfbus bezahlen. Er zerstritt sich mit seinen Mitarbeitern, und jene, die noch blieben, mussten meist ohne Gehalt weiter arbeiten. Wenn er damals irgendwo auftauchte, steckten die Leute die Köpfe zusammen und sprachen von der Tragödie eines sturköpfigen alten Mannes, der nicht mehr weiß, wann es vorbei ist.
Zum Schluss lieh McCain sich drei Millionen Dollar, um überhaupt weitermachen zu können - und musste vorher noch eine Lebensversicherung abschließen, weil die Bank offenbar fürchtete, der 71-Jährige überlebe den Wahlkampf nicht.
Nun, ein gutes halbes Jahr später, sieht es aus, als sei McCain die Nominierung kaum noch zu nehmen. Aber er feiert nicht.
Noch nicht.
Er ist abergläubisch. Vielleicht fürchtet er, dass ihm der Sieg doch noch durch die Finger gleiten könnte.
Erbitterte McCain-Gegner vom rechten Parteiflügel
Der Vietnam-Veteran hat an diesem Abend warme Worte für seine Gegner übrig. Und dann spricht er vor allem vom "großen Privileg, die republikanische Partei führen zu dürfen, die Partei, die mir eine Heimat gegeben hat".
Er sagt lauter Sachen, die diejenigen beruhigen sollen, die fürchten, er sei eigentlich gar kein Republikaner.
McCain betont die konservativen Prinzipien. Dass er den Staat klein halten will und die Staatsausgaben noch kleiner. Dass die Richter am Obersten Gerichtshof das Recht umsetzen und nicht erfinden sollen.
Es ist die Geste eines Siegers, der die Hand zur anderen Seite ausstreckt. Denn wohl kaum irgendwo hat McCain so erbitterte Gegner wie im rechten Flügel seiner Partei. Rechte Kommentatoren und Moderatoren der großen Radio-Shows hatten sich zu einer regelrechten Anti-McCain-Brigade formiert.
Schon seit Wochen hetzt der rechte Radio-Talker Rush Limbaugh in seiner täglichen Show gegen McCain. Je näher der Vietnam-Held der Nominierung gekommen war, umso böser wurden die Attacken. McCain "ist seiner Partei so oft in den Rücken gefallen, ich kann gar nicht sagen, wie oft", wetterte Limbaugh. Der Radiomann sagt, seine Partei solle lieber die Wahl verlieren, als von McCain geführt werden. "Wenn ich denke, dass das Land unter allen leiden wird: Hillary, Obama, McCain - dann sollten doch lieber die Demokraten die Verantwortung abkriegen und nicht die Republikaner das Debakel verursachen."
"Den Daumen in die Augen wahrer Konservativer gestochen"
James Dobson, Chef einer erzkonservativ-christlichen Gruppe, die sich traditionelle Familienwerte auf die Fahne geschrieben hat, warnte gestern in einer anderen Radio-Show: "McCain ist kein Konservativer, im Gegenteil, er hat seinen Daumen in die Augen der wahren Konservativen gestochen."
Die Sendungen der Rechten sind beliebt. Allein Limbaugh erreicht wöchentlich 13,5 Millionen Hörer.
Aber die Wähler haben offenbar nicht auf das Trommelfeuer gegen McCain gehört. Und anstatt Königsmacher für Mitt Romney zu sein, zeigt sich nun, dass der Einfluss der rechten Meinungsmacher kleiner ist als gedacht.
Romney hatte versucht, den Rückenwind des Talkradios zu nutzen, und die Wahl zum Kampf um "die Seele und Richtung der republikanischen Partei" deklariert. Nun haben die Wähler für McCains Richtung entschieden.
Sie wollen offensichtlich weg vom sklavischen Gehorsam zur Parteidoktrin, die immer weiter nach rechts rückt. Und dazu passt McCain, der sich darstellt als ein Mann mit Prinzipien, Urteilsvermögen und Entscheidungsfreude.
"Ich mag seine klaren Worte"
Die Amerikaner wünschen sich - das zeigt auch Barack Obamas Erfolg - eine Führungspersönlichkeit und niemanden, der wie Romney seine Überzeugungen geschmeidig der jeweiligen Windrichtung anpasst. "Ich habe für Ehrlichkeit und Integrität gewählt", sagt Rentnerin Mary Dobbins aus New Hampshire. "Alles andere kommt dann schon." Das fasst die Einstellung vieler McCain-Wähler zusammen.
Noch stärker als sonst ist diese Abstimmung zu einer Charakterwahl geworden. Oft sind die Wähler gar nicht John McCains Meinung. Aber sein Charakter wird von ihnen positiv bewertet.
"Ich mag seine klaren Worte", sagt etwa der Immobilienmakler Rick Page aus Illinois. "Er nennt die Dinge beim Namen, so wie sie sind. Das hört sich nicht immer toll an, das will man oft gar nicht hören - aber man weiß, woran man bei ihm ist."
Das erklärt einen eigentlich paradoxen Zustand: Die kriselnde Wirtschaft ist zum wichtigsten Wahlkampfthema geworden - ein Thema, bei dem McCain inhaltliche Schwächen hat. Aber weil seine Person alles überstrahlt, gewinnt er trotzdem.
Dasselbe gilt für den Irak-Krieg: McCain ist ein eiserner Befürworter des Kriegs, er stritt sich mit Präsident George W. Bush nur um die richtige Strategie - trotzdem bekommt der ehemalige Marinepilot nun die Stimmen der republikanischen Kriegsgegner.
Am Donnerstag will McCain auf einer Konservativen-Konferenz in Washington weiter versuchen, die Zweifel der Rechten an seiner Kandidatur zu zerstreuen. Dabei hilft, dass John McCain in allen Umfragen als jener Republikaner mit den besten Chancen gilt, die Demokraten im November zu schlagen. Frank Fahrenkopf, früherer Vorsitzender der republikanischen Partei, drückt es so aus: "McCain ist schwer zu stoppen, weil er für so viele wählbar ist. Und wie ich die Partei kenne, will sie nicht verlieren."