Neue US-Vorwahlrunde Obama will Clinton überholen
New York - Das "Thank You" kam per Email. "Ihr habt getan, was die Zyniker nicht für möglich gehalten haben", schrieb Barack Obama gestern abend in einer Dankesbotschaft an seine Anhänger, die ihn am Super Tuesday unterstützt hatten. Dem folgte jedoch sofort die unvermeidliche Bettel-Floskel eines jeden Kandidaten: "Bitte spendet jetzt noch mehr."
Geld regiert die Welt. Zumindest regiert es diesen US-Vorwahlkampf, und vor allem bei den Demokraten. Seit ihrem Patt am Super Tuesday - sie gewann mehr Delegierte, er gewann mehr Staaten - setzen Hillary Clinton und Barack Obama alle Hebel in Bewegung, um ihre Wahlkampfkassen wieder zu füllen.
Denn am Wochenende stehen schon wieder vier weitere Vorwahlen an. Zwar nur in relativ kleinen Staaten, bei denen es insgesamt um 228 Delegierte geht. Doch wenn das Rennen wie bisher weiter Kopf an Kopf läuft, kommt es auf jede Stimme an - und bis dahin auch auf das magische Wort der Stunde: "Momentum."
SPIEGEL ONLINE hat zusammengestellt, wo es in diesen Wochenend-Primarys um was geht - und wer wo vorne liegt.
Louisiana - Sinnbild für Versagen der Bush-Regierung
Vorteil Obama. Der Bayou-Staat am Golf von Mexico bietet den Demokraten zwar nur 67 Delegierte für den Wahlparteitag im August, hat aber hohe symbolische Bedeutung. Bis heute gilt vor allem New Orleans nach der Katastrophe des Hurrikans "Katrina" 2005 als Sinnbild für das Versagen der Bush-Regierung und die "zwei Amerikas" - jenes Mantra des Ex-Kandidaten John Edwards, mit dem sich nun sowohl Clinton wie auch Obama schmücken wollen.
Letzterer hat in Louisiana jedoch den eindeutigen Vorteil. 32 Prozent der Bevölkerung sind Farbige, und bei denen ist Obama ungemein populär - zumal sich sein jazziger Stil mehr mit dem Louisiana-Naturell verträgt als Clintons eher kühles Auftreten. Obama ist in den letzten Wochen mehrfach in Louisiana gewesen, zuletzt am Donnerstag, wo er vor mehreren Tausenden an der Tulane University in New Orleans Erinnerungen an "Katrina" beschwor.
Obwohl Louisianas Delegierten proportional vergeben werden, also auch der Verlierer analog zum Stimmenanteil Delegierte bekommt, hat Clinton auf einen aktiven Wahlkampf am Ende verzichtet und den Staat so gut wie an Obama abgetreten. Nur Bill Clinton hielt gestern in Louisiana kurzfristig noch eine Veranstaltung in ihrem Namen ab.
Auch die Republikaner John McCain und Mike Huckabee kämpfen in Louisiana um 47 Delegierte.
Washington - Größte Trophäe des Wochenendes
Prognose schwierig. Der nordwestlichste Bundesstaat - nicht zu verwechseln mit der US-Hauptstadt Washington, die im District of Columbia liegt und am Dienstag wählt - gilt für die Demokraten als größte Trophäe dieses Wochenendes. Nicht nur wegen seiner 97 Delegierten, sondern auch, weil sich beide Kandidaten hier Chancen ausrechnen, mehr oder weniger berechtigt. Beide haben deshalb in den letzten Tagen intensiv Wahlkampf in Washington gemacht und traten zuletzt gestern beide in dem Bundesstaat auf - doch wohlweislich in unterschiedlichen Städten.
Für Obama spricht, dass Washington - das für seinen Dauerregen berüchtigt ist - statt einer "Primary" Caucusse wie in Iowa abhält, und bei denen schneidet er in der Regel besser ab. (Es sei denn, sie finden wie in Las Vegas in Spielcasinos statt, unter starker Mobilisierung Clinton-geneigter Latinos.) Für Clinton spricht, dass nur 4,5 Prozent der Bevölkerung in Washington Farbige sind. Die aktuellste Umfrage von Anfang Februar - vor dem Super Tuesday - gab Obama 53 Prozent und Clinton 40 Prozent. Obama führte dabei sowohl bei Frauen wie bei Männern und auch in allen Altersgruppen - außer den über 65-Jährigen.
Erste Ergebnisse aus Washington dürften, obwohl es an der Nordwestküste liegt, bereits vor Schließung der Wahllokale im südöstlichen Louisiana eintrudeln, da die Caucusse alle zur selben Zeit mittags stattfinden. Bei den Republikanern geht es hier um 40 Delegierte.
Nebraska - Vorteil für Obama
Vorteil Obama. Der flache Bauernstaat (Motto: "Endlose Möglichkeiten") in den "Great Plains" hat nur 1,7 Millionen Einwohner, die zu 93 Prozent weiß sind. Trotzdem ist Obama dort ebenso bekannt wie beliebt, unter anderem, weil seine Mutter im Nachbarstaat Kansas geboren wurde. Dieser indirekte Heimvorteil machte sich schon am Super Tuesday bemerkbar, als Obama die drei südlich angrenzenden Staaten Colorado, Kansas und Missouri gewann, wenn auch teils nur knapp.
Obama kommt außerdem zugute, dass die 31 Delegierten von Nebraska ebenfalls in Caucussen und nicht per direkter Vorwahl bestimmt werden. Clinton hat den Wahlkampf denn auch ihrer Tochter Chelsea überlassen, die sie mehrfach als Surrogatin in den Staat schickte, ohne sich selbst blicken zu lassen. Obama war zuletzt am Donnerstag in Omaha, der größten Stadt des Bundesstaates, wo er vor rund 10.000 Menschen sprach. Was ihm die Heimatzeitung "Omaha World-Herald" - obwohl der Kandidat eine Stunde zu spät war - mit einem riesigen, schmeichelhaften Titelfoto dankte, gekrönt von der Jubel-Schlagzeile: "Obama für einen Tag."
Ein offizielles Endergebnis dürfte im Square-Dance-begeisterten Nebraska allerdings erst mal auf sich warten lassen: Die Caucusse sind, je nach Bezirk, über den ganzen Tag verstreut.
Die Republikaner wählen in Nebraska erst Mitte Mai. Dafür halten sie heute in Kansas separate Caucusse ab. Dabei geht es um 39 Delegierte.
Maine - Symbolischer Sieg für Clinton?
Vorteil Clinton. In dem nordöstlichen Bundesstaat geht es zwar nur um 34 Delegierte. Doch könnte der US-Staat ein wichtiger, symbolischer Sieg für Clinton werden, wenn sie am Samstag in den anderen Staaten schlecht abschneidet. In Umfragen lag sie zuletzt 17 Prozentpunkte vor Obama - obwohl zu dem Zeitpunkt noch der dritte Kandidat John Edwards mit im Rennen war. An wen der beiden Edwards 16 Prozent-Anteil nach seinem Ausstieg geht, ist unklar.
Der Neuengland-Staat bietet allerdings Hoffnungsschimmer für beide Kandidaten - weshalb beide auch bis zuletzt hier auftraten. Maine ist zu 98 Prozent weiß (pro Clinton), sein Gouverneur John Baldacci unterstützt Clinton, die Clintons haben gute Connections in der Landespartei, und Maine hat eine lange Tradition, Frauen in politische Ämter zu wählen. Andererseits werden auch die Maine-Delegierten per Caucus bestimmt (pro Obama), und die größte Zeitung, der "Portland Press-Herald", hat sich hinter Obama gestellt.
Und so haben beide in Maine ihr schwerstes Geschütz aufgefahren: Sowohl Bill Clinton wie Ted Kennedy haben hier Wahlkampf gemacht. Ob es was nützte, wird sich morgen zeigen.