Vorwahlkampf: Clinton feiert ihren wertlosen Triumph - DER SPIEGEL
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Vorwahlkampf Clinton feiert ihren wertlosen Triumph

Hillary Clinton hat im kleinen US-Bundesstaat West Virginia bei den Vorwahlen überragend gesiegt. Doch Barack Obama wird sie dadurch nicht gefährlich, sein Vorsprung ist einfach zu groß. Dennoch: Sie zelebriert ihren Triumph - und bekräftigt, weiter im Rennen bleiben zu wollen.
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Washington - Um kurz nach 21 Uhr klettert Hillary Clinton endlich auf die Bühne in Charleston. Der Jubel auf ihrer überfüllten Wahlparty lärmt schon seit langem so ohrenbetäubend, als stünden die Möbelpacker für den Umzug ins Weiße Haus bereit. Denn gleich nach der Schließung der Wahllokale haben die US-Fernsehsender Clinton zur klaren Siegerin in West Virginia ernannt. Ihre Berater sind so euphorisch, dass sie den Reportern die beste Wahlnacht aller Zeiten versprechen. Clinton scheint das ähnlich zu sehen. Sie blickt lange in die jubelnde Menge, dann sagt sie langsam, jedes Wort genießend: "Es ist beinahe wie im Himmel."

Ihre Anhänger jubeln ausgelassen "Hillary, Hillary" - und die Szene sieht auf dem Fernsehschirm so aus, wie sich die Clintons wohl vor einem Jahr diesen ganzen Vorwahlkampf ausgemalt haben. Vielleicht sogar noch vor ein paar Monaten: Als eine Art Krönungsmesse: Clinton, die strahlende Spitzenreiterin, die unumstrittene Standartenträgerin der Demokraten. Der lästigen Konkurrenz meilenweit enteilt. "Ich bin die stärkste Kandidatin für das Präsidentenamt", ruft Clinton.

Es ist ein verdammt schöner Augenblick für die Bewerberin. Allein, er will nicht verweilen. Dafür sorgen schon die TV-Kommentatoren, die genüsslich in die schöne Blase pieken: "Die Clintons leben wohl in einer anderen Realität", urteilen die einen. "Die Zahlen sind einfach gegen sie", die anderen. Das Fazit lautet einhellig: Ihr Sieg ändert nichts. Er ist zu unbedeutend. Er kommt zu spät.

Denn West Virginia ist ein sehr kleiner US-Bundesstaat - und einer, dessen Wählerschichten Clinton deutlich favorisierten. Nur vier Prozent der Wähler sind Afroamerikaner, es leben dort viele der Demokraten, die sie seit Beginn der Vorwahlen unterstützen: weiße Arbeiter mit wenig Bildung, ältere Frauen, Kriegsveteranen.

Durch ihren klaren Sieg (am Ende sind es 67 zu 26 Prozent) holt Clinton etwa zehn Delegierte im Rennen für den Nominierungsparteitag im August auf - sie liegt aber weiterhin nahezu uneinholbar rund 170 Delegierte hinter ihrem Rivalen Barack Obama zurück. Nur noch fünf Bundesstaaten werden bis zum 3. Juni bei den Demokraten abstimmen. In einigen von denen ist Obama deutlich favorisiert. Die Super-Delegierten, Parteihierarchen mit besonderem Stimmrecht, sind in Scharen zu ihm übergelaufen.

Und doch: "Es ist nicht vorbei, bis die Lady im Hosenanzug sagt, es ist vorbei", hat Clinton in den vergangenen Tagen bei Auftritten aus dem Brief einer Unterstützerin verlesen. Die Lady im Hosenanzug (bei der Siegesfeier in West Virginia trug sie eine orangefarbene Jacke und eine schwarze Hose) lässt keinen Zweifel, dass für sie der Kampf noch nicht vorbei ist. "Let's keep going", verschickt ihr Team als E-Mail-Botschaft. "Ich bin entschlossener denn je, weiterzumachen", ruft Clinton mit fester Stimme.

Immerhin attackiert sie ihren Rivalen Barack Obama nicht wieder. Sie redet sogar von ihrer Bewunderung für ihn. Ihre fast halbstündige Rede dreht sich darum, wie sie siegen kann - nicht wieso er verlieren muss.

Ob Clinton daran wirklich noch selber glaubt, ist derzeit das liebste Gesprächsthema unter US-Polit-Junkies. Manche spekulieren, sie wolle nur bis nächste Woche Dienstag durchhalten, wenn sie für die Abstimmung in Kentucky favorisiert ist. Doch für den Tag ist auch ein klarer Obama-Sieg in Oregon prognostiziert - der ihn noch näher zur Ziellinie bringen würde.

Viele Experten sagen voraus, dass Clinton einen engagierten Wahlkampf in den nächsten Wochen finanziell kaum noch durchhalten kann. Schon jetzt gibt ihr Team rund 20 Millionen Dollar Schulden zu. Andere glauben, sie wolle hervorheben, nur mit ihr als Vizepräsidentschaftskandidatin könne Obama im November siegen. Aus dessen Umfeld ist für die Idee eher gedämpfte Begeisterung zu vernehmen. Doch viele Demokraten mögen nach wie vor die Idee eines solchen Teams. Wenn Clinton weiter mit Siegen wie dem in West Virginia ihr politisches Gewicht betont, könnte der Druck auf Obama für ein solches Angebot an sie steigen.

Der Senator aus Illinois hatte West Virginia schon im Vorfeld abgeschrieben. Nur ein paar halbherzige Auftritte absolvierte er in dem Bundesstaat. Zwar vermeidet Obama peinlich den Eindruck, sich der Nominierung bereits sicher zu sein. Doch Referenzen zu Clinton sind aus seinen Reden verschwunden. Er reist bereits in Bundesstaaten, die im Kampf gegen den republikanischen Kandidaten John McCain wichtig werden. Kommende Woche will er sich allein drei Tage Zeit nehmen, um Wähler in Florida zu umwerben - ein entscheidender "Swing State" für die Schlacht ums Weiße Haus.

Obama ist auch schon dazu übergegangen, sich auf Themen zu konzentrieren, die ihm im Zweikampf mit McCain schaden könnten. Er trägt nun demonstrativ einen Anstecker der US-Flagge am Revers - nachdem er für seine Weigerung, das zu tun, heftig kritisiert worden war. Er versucht, Gerüchte über seinen angeblichen muslimischen Glauben (15 Prozent der Amerikaner sind davon laut Umfragen überzeugt) zu zerstreuen, indem er immer wieder sagt: "Ich bin Christ." Er spricht häufiger von seiner Liebe für die USA.

John McCain hält in diesen Tagen schon staatsmännische Reden zum Klimaschutz, am Freitag wird er den rechten Flügel seiner Partei bei der Jahrestagung der mächtigen Waffen-Lobby umgarnen. McCain macht Fehler dabei, er widerruft alte Positionen, doch noch kümmert sich fast niemand darum.

Im Gegenteil: Die Republikaner konzentrieren sich lieber weiter auf das Dauerduell der Demokraten. "Leute in West Virginia können einen Elitisten von weitem riechen", analysierte Bushs Ex-Wahlkampfguru Karl Rove die Ergebnisse triumphierend auf Fox News. Obamas Schwierigkeiten passen hervorragend in die republikanische Strategie, ihn als abgehoben zu zeichnen. Als zu intellektuell, zu wenig patriotisch - als irgendwie nicht wirklich amerikanisch.

Selbst die Republikaner rechnen nicht mehr mit einem Clinton-Comeback. Ex-Baptistenprediger Mike Huckabee, der am Schluss der republikanischen Vorwahlen einige Wochen als aussichtsloser Herausforderer gegen McCain durchhielt, darf im Sender CNBC analysieren, wie sich Außenseiterin Clinton wohl fühlt. Er erinnert daran, dass Clinton sich gerne mit "Rocky" vergleicht, dem tapferen Helden aus dem Kino-Hit der siebziger Jahre. "Sie will zeigen, dass sie bis zum Ende durchhält", glaubt Huckabee.

"Rocky" verliert am Ende des Films den entscheidenden Kampf, unklar ist aber, ob Hillary Clinton den Film bis zum Ende angesehen hat.