Abhörskandal Murdoch droht der amerikanische Alptraum
Abhörskandal: Murdoch droht der amerikanische Alptraum
Foto: Oli Scarff/ Getty ImagesRupert Murdoch ist erschöpft, dennoch gibt er sich trotzig. Ja, sagt er, der Abhörskandal um sein Londoner Revolverblatt " News of the World" nerve ihn, er sei "verärgert", "müde". Doch: "Ich werde darüber hinwegkommen."
Es sind die ersten längeren Einlassungen des 80-jährigen Medienmoguls, seit sich die Abhöraffäre so zugespitzt hat, dass inzwischen Murdochs gesamtes britisches Imperium bedroht ist. Er ruft die Zeitung, mit der er dazu am Donnerstag spricht, persönlich an. Er kennt die Nummer auswendig. Es ist sein eigenes Blatt, das "Wall Street Journal" ("WSJ").
Murdoch verteidigt sich und Sohn James, den Chef seines britischen Verlagsablegers News International. Auch sein US-Dachkonzern News Corp. habe sich nichts vorzuwerfen: Der habe die Krise "auf jede nur denkbare Weise extrem gut gehandhabt" und nur "kleine Fehler" gemacht. Der Schaden sei "nichts, was sich nicht wiedergutmachen" lasse. "Wir haben in diesem Land den Ruf, gute Arbeit zu machen", fügt er mit Blick auf die USA hinzu.
Das Timing des Murdoch-Interviews - eher ein über sein Hausblatt verbreitetes Memo - hat eine gewisse Ironie. War es doch ausgerechnet das "WSJ", dass vier Stunden zuvor mit einer Eilmeldung aufschreckte, die auch Murdoch in die Knochen gefahren sein dürfte: " FBI beginnt Ermittlungen gegen News Corp." Und damit, so freut sich nicht nur die langjährige Murdoch-Rivalin "New York Times" ("NYT"), ist der bisher exklusiv britische Skandal "über den Ozean geschwappt".
Hat "News of the World" 9/11-Opfer abgehört?
Schon bereut einer der vormaligen "WSJ"-Besitzer, das Blatt 2007 an Murdoch verkauft zu haben. "Wenn ich gewusst hätte, was ich jetzt weiß", sagte Christopher Bancroft, dessen Familie den "WSJ"-Verlag Dow Jones kontrollierte, dem "Guardian", "dann hätte ich stärker dagegen gekämpft." Auch Lisa Steele, ein weiteres Familienmitglied, sagte, ein Verkauf an Murdoch sei unter solchen Umständen "schwerer, wenn nicht unmöglich" gewesen. "Der Hackerskandal hat das Potential, dem Ansehen des 'Wall Street Journals' zu schaden", sagte auch Jay Ottaway, dessen Familie 6,2 Prozent am Verlag Dow Jones gehalten hatte, der Agentur Reuters.
Kein Wunder, dass Murdoch nun den Ruf seines Medienkonglomerats in den USA preist. Dessen US-Vorzeigeobjekt ist natürlich - neben dem konservativen Kabelkanal Fox News, der den Skandal bisher auffällig zurückhaltend thematisierte - das "WSJ", Rupert Murdochs persönlicher Stolz.
Das hat dort zu allerlei redaktionellen Verrenkungen geführt. Während die "WSJ"-Kommentarschreiber die Affäre als typisch britische Heuchelei abtun, rafft sich die separate Nachrichtenredaktion zu penibler Berichterstattung auf. Auch wenn sie den Verleger dabei möglichst gut aussehen lassen will: "Murdoch ungebeugt", lautet eine Schlagzeile.
Denn schließlich sind die FBI-Ermittlungen demnach erst in der Anfangsphase - zu früh, als dass sich daraus etwas schließen ließe. Sie sind quasi ein Reflex auf eine schriftliche Bitte des republikanischen Kongressabgeordneten Peter King an FBI-Direktor Robert Mueller.
Hintergrund ist ein Bericht des britischen "Daily Mirror", eines Konkurrenzblatts der Murdoch-Gruppe, wonach die inzwischen eingestellte "News of the World" nicht nur Engländer abgehört habe, sondern womöglich auch Hinterbliebene von 9/11-Opfern. Bisher haben die Amerikaner das Spektakel amüsiert aus der Ferne beobachtet. Doch 9/11-Opfer? Das ginge wohl zu weit - vor allem so kurz vor dem zehnten Jahrestag der verheerenden Terroranschläge.
Das FBI überprüfe den Bericht, melden mehrere US-Medien. Man werde sich das "von allen Seiten ganz genau anschauen", zitierte die "NYT" einen FBI-Insider. Gesteuert würden die Ermittlungen in der New Yorker FBI-Filiale, von den Einheiten für Cyber-Kriminalität und Korruption. News Corp. hat seine Konzernzentrale in New York.
Murdoch heuert Top-Anwälte an
Murdoch hat denn auch bereits Brendan Sullivan angeheuert, einen hochkarätigen Anwalt aus Washington, um News Corp. in den USA abzusichern. Sullivan hat unter anderem den Ex-Chef der New York Stock Exchange (NYSE), Dick Grasso, und den früheren US-Militärberater Oliver North verteidigt, eine zentrale Figur im Iran-Contra-Skandal von 1986.
Flankiert wird Sullivan von Joel Klein, dem früheren New Yorker Schulbeauftragten, der kürzlich zur News Corp. wechselte und den Murdoch jetzt mit der internen Untersuchung der Vorgänge beauftragt hat. Klein ist ebenfalls ein Staranwalt: Er war früher Justitiar im Weißen Haus unter Bill Clinton und führte 1998 das US-Monopolverfahren gegen Microsoft.
Die Hilfe der Edel-Advokaten könnte Murdoch gut gebrauchen. Denn der Kongressabgeordnete King ist der erste Republikaner, der ihm in den USA in die Parade fährt - wo Murdoch doch ein verbriefter Freund der Konservativen ist.
Murdoch könnte TV-Lizenzen verlieren
King beschäftigen die Vorwürfe offenbar sehr: Am 11. September 2001 starben auch mehr als 150 Menschen aus seinem Wahlkreis. King beruft sich in seinem Brief an Mueller auf Informationen des "Daily Mirror", wonach die "News of the World" versucht habe, die Telefonate und Sprachnachrichten von 9/11-Familien anzuzapfen und einen Ex-Polizisten zu bestechen, damit der Beamte bei der Aktion hilft. "Wenn sich diese Vorwürfe als wahr erweisen", so King, "würde das Verhalten eine Anklage wegen schwerer Straftaten rechtfertigen."
Zuvor hatten schon die Demokraten Murdoch gedroht: Senator John Rockefeller verlangte, "sicherzustellen, dass keine Privatsphäre von Amerikanern verletzt wurde". Sein Kollege Frank Lautenberg forderte Justizminister Eric Holder und die US-Börsenaufsicht SEC zu Ermittlungen auf, um zu klären, ob auch in den USA Menschen von dem Abhörskandal betroffen seien.
Lautenberg und die Senatorin Barbara Boxer zitierten den Foreign Corrupt Practices Act (FCPA). Nach diesem Anti-Korruptionsgesetz können Murdochs Konzerne länderübergreifend auch in den Vereinigten Staaten belangt werden, mit Strafen von 30 Millionen Dollar und 20 Jahren Haft.
Der US-Publizist Steve Brill, Gründer des Kabelsenders CourtTV, sieht auch schon Murdochs amerikanische TV-Lizenz bedroht: Er sei sich "ziemlich sicher", dass diese bei der Telekommunikationsbehörde FCC angefochten werden könnte, sagte er ABC. US-Stationen verlieren ihre Genehmigung, wenn ihnen der "gute Charakter" abgesprochen wird.
Der FCC-Vorsitzende Julius Genachowski sagte am Donnerstag vor dem US-Kongress, dass "jegliches Hacken von Telefonen untersucht werden" müsse. Er wich jedoch Fragen aus, ob seine Behörde auch in diesem Fall ermitteln würde.
Erste juristische Konsequenzen hat der Abhörfall für Murdoch in den USA jedenfalls schon. Mehrere institutionelle Anleger - darunter die Amalgamated Bank und einige Rentenkassen - haben Murdoch verklagt: Er nutze News Corp., "um sich selbst und seine Familie auf Kosten der Firma zu bereichern".