Abschied von Bagdad "Sukran, habibi"
| "Ich weiß natürlich: einzig durch Glück habe ich so viele Freunde überlebt. Aber heute Nacht im Traum hörte ich diese Freunde zu mir sagen: Die Stärkeren überleben. Und ich hasste mich." Bertolt Brecht |
Bagdad/Amman - "Nur eine - für die Gesundheit", sagte Hassan immer, wenn man ihm eine Zigarette anbot. Dann lachte er, steckte sich den starken Tabak hinters Ohr, nickte mit dem Kopf und schlug kurz mit der rechten Hand auf sein Herz: "Sukran, habibi". Danke, mein Freund. Hassan, 34, arbeitet als Fahrer und gehörte in den letzten Wochen und Monaten zu den Königen von Bagdad. So lange die Krise noch kein Krieg war und sich die Weltpresse in Bagdad drängelte, entwickelten sich diese Führer durch den Behörden- und Stadtdschungel zu den Top-Verdienern. Für Tagespauschalen lotsten sie Fremde an die Orte, die diese sehen dürfen - und manchmal auch dahin, wo einen das Informationsministerium nicht sehen wollte.
Hassan lebt in einer Zwischenwelt, einer Stadt des Übergangs mit dem Namen Bagdad. In einem angeschlagenen System, das auf Einschüchterung und Angst beruht und das noch mal seine giftigen Krallen ausfährt, weil es bedroht wird. Da kann jedes Wort entscheidend sein und wir können Hassan auch (noch) nicht mit einem Foto zeigen. Offene Kritik am Saddam-Staat äußern die Menschen ohnehin nicht laut, weil das Sicherheitssystem noch funktioniert. Aber die auswendig gelernten Lobgesänge wollen sie auch nicht mehr anstimmen, weil sie damit rechnen, dass vielleicht in kurzer Zeit schon neue Herren bewerten, was richtig oder falsch ist - und allzu viel Nähe zum alten System dann einen schlechten Eindruck macht.
Müde, nur noch müde
Die meisten Menschen in Bagdad ziehen einfach den Kopf ein und warten ab. Sie sind müde, einfach müde, nach über 20 Jahren der Kriege, der Krisen, der Diktatur und auch des Embargos, das sie erdrosselt. Und sie sind des Wartens müde. Hassan flüchtete immer in Humor, wenn man auf Politik zu sprechen kam. So ließ sich am leichtesten das Thema wechseln. Er hat uns auf andere Weise erzählt und gezeigt, was sein Irak ist: ein buntes Land voller Lebenswille und Widersprüche, das so viel besitzt und so wenig übrig hat für seine Menschen.
Wer Irak sagt, meint Saddam und vergisst dabei über 24 Millionen Menschen. Als Iraker ist man weltweit stigmatisiert. Im Reich der Finsternis wird aber geliebt, gelacht, gelebt - und eben auch unendlich viel gelitten. "Halte die Luft an", sagte Hassan, als er uns aus der Stadt rausfuhr. "Ab jetzt", befahl er, "hier beginnt die Gefängnismauer". Und dann fuhr er mit hohem Tempo diese sandsteinfarbene Wand entlang, ohne zu kommentieren, was er uns da zeigt. Immer weiter und weiter, diese endlose, hohe Mauer, die nur alle 50 Meter von Wachtürmen durchbrochen wurde, auf denen Männer mit Maschinengewehren standen. Man würde ersticken, hielte man die Luft an bis zum Ende der Mauer. Niemand weiß, wie viele Menschen dahinter eingepfercht sind und was mit ihnen geschieht. Hassan blickte starr geradeaus, zündete seine Gesundheitszigarette an und inhalierte tief, während wir nach Luft schnappten.
Der Irak ist kein leichtes Land. Aber ein faszinierendes. Eine zusammengezimmerte Nation, Relikt der britischen Grenzziehung, in der nun seit Jahrzehnten nach dem Kitt gesucht wird, der diese in Stämmen und Familienclans aufgeteilte Gesellschaft zusammenhalten könnte. Ob Monarchie, Sozialismus, Religion oder Militärdiktatur: Alle sind gescheitert. Und ob der nächste Feldversuch am lebenden Objekt mit Demokratie gelingt, darf in einem obrigkeitshörigen bis -sehnsüchtigen Gebilde noch bezweifelt werden. Ethnische und religiöse Spannungen setzen den Irak unter Starkstrom - und wenn die Saddamsche Hochspannung, die schon so viele verbrannte, zusammenbricht, drohen neue, heftige, andere Blitze.
Jene, die das Embargo nicht trifft
Hassam fuhr uns in die Stadtteile Arassat und Mansur, wo vor nett herausgeputzten Häusern schicke deutsche Luxuskarossen parken, in den Boutiquen italienische Schuhe, Schweizer Schokolade und französischer Käse ausliegt. Hier wohnen jene, die kein Embargo trifft und die Saddam gefügig gemacht hat mit Geld und Macht. Und Hassan fuhr uns nach Saddam City, nach Kerbala, nach Basra im Süden, wo Saddam die Schiiten hungern lässt, weil sie es wagten, sich nach dem Golfkrieg 1991 gegen ihn aufzulehnen. Kleinkinder sterben dort an Durchfall, weil das Wasser verseucht ist und es keine Medikamente gibt.
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Dennoch gibt es selbst unter den Schiiten viele, die noch mit leuchtenden Augen von den siebziger und achtziger Jahren des Irak erzählen, als die Baath-Partei und in ihrem Gefolge Saddam das Land umkrempelten. Sie loben die Alphabetisierung, das Gesundheits-, Sozial- und Bildungssystem, von dem kaum was übrig geblieben ist. Sie erzählen gerne von jener Zeit, als Bagdad die pulsierendste Stadt des Orients war.
Geben und Nehmen
Aber ihr großer Führer elende Kriege angezettelt. Und um seine Macht im Innern zu stabilisieren, züchtete er menschliche Monster. Jene ewig Ergebenen, vor denen man sich noch wird fürchten müssen, wenn der Irak längst besiegt sein wird. Sie werden immer kämpfen, weil sie nichts zu erwarten haben, denn jeder weiß, dass bis heute das Blut von ihren Händen tropft. Saddam baute sein System auf Geben und Nehmen. Meistens nimmt er.
Dieser Montag des Abschieds erzählte zwei Geschichten, die sehr viel sagen über die Situation des Irak, über das Geben und Nehmen. Montag war ein Tag der Tränen. Tränen des Abschieds und der Ankunft. Für viele Ausländer in Bagdad, Journalisten, Diplomaten, Uno-Mitarbeiter und Hilfswerke, heißt es seit Montag, das Land zu verlassen. Zu ungewiss und damit zu unsicher ist das mögliche Kriegsszenario, vor allem in Bagdad. Beide Kriegsparteien dulden nur (journalistische) Augenzeugen, wenn sie ihnen nützen.
Kein Ruhmeskapitel der Mediengeschichte
Weder für Medien noch für Hilfsorganisationen gibt es ausreichend Aussichten, die ihre Neutralität und halbwegs sichere Arbeitsbedingungen garantieren. In Kuwait marschiert auch die Armee der Berichterstatter auf, die sich nervös wartend "embedden". Sie sollen über jene berichten, mit denen sie zusammen schlafen, essen, zittern und die sie im Zweifelsfall beschützen. Auf der irakischen Seite ziehen jene Journalisten, die bleiben wollen, um. Raus aus dem Hotel Al-Rashid, das mitten im Regierungsviertel steht und damit zum Ziel werden könnte. Die Kameras werden im Hotel Palestine aufgepflanzt, es steht auf der Ostseite des Tigris, nahe am Fluss. Das wird die Sichtweise des Westens, die einzige Perspektive aus Bagdad. Wer von dort raus will, kann das nur mit Genehmigung und in Begleitung des omnipräsenten Informationsministeriums. Der kommende Krieg, das ist schon jetzt deutlich, wird auch in die Mediengeschichte eingehen - und vermutlich kein Ruhmeskapitel.
Dennoch verlässt niemand Bagdad mit einem Gefühl der Erleichterung, dem Krieg oder diesem blutigen Polizeistaat zu entkommen. Dafür sind zu viele Bindungen zu den Menschen entstanden, die nicht die Wahl haben zu bleiben oder zu gehen, die nicht den richtigen Pass und das nötige Geld vorweisen können. Im Irak warten 24 Millionen Geiseln des Machtspiels um Öl, Weltordnung, Terrorbekämpfung und Religion auf das, was kommen mag.
Die irakische Angestellte in der Deutschen Botschaft, die dort täglich wortkarg den Kaffee servierte, brach in Tränen aus, als der deutsche Konvoi Richtung Jordanien aufbrach. Im Empfangsraum wurde das Porträt von Johannes Rau noch von der Wand genommen. Der Bundespräsident kann nicht mit ausreisen, es ist nur Platz für Handgepäck, aber er soll nicht stürzen. Als sich der deutsche Botschafter Claude-Robert Ellner von seiner irakischen Mitarbeiterin verabschiedet, verschwimmen diese Grenzen zwischen oben und unten, Chef und Angestellter, Deutscher und Irakerin, dem ständig um Fassung bemühten Diplomaten und der hemdsärmeligen Köchin. Es ist seine Umarmung und es sind ihre Tränen und er hält ihre Hand länger, viel länger, als er vielleicht selbst erträgt. Es mag für Diplomaten und Journalisten egal sein, ob sie nun in Kuwait-City, Amman oder Bagdad den Krieg kommentieren, weil sie der Wahrheit doch nirgendwo nahe genug kommen. Für die Menschen im Irak ist es nicht egal. Mit jedem Ausländer, der geht, verlieren sie ein Stück Hoffnung, dass sich die Welt für ihr Schicksal interessiert.
Ein Schicksal, das zynischerweise am Montag zwei Fäden miteinander verknüpfte. Während viele Ausländer aufbrachen, kehrten 941 Iraker heim. Der Iran tauschte Kriegsgefangene aus. 941 Männer gingen am Montag nach Hause, nach teilweise über 20 Jahren Kriegsgefangenschaft. Sie kehrten heim in ein Land, das sie nicht mehr kennen. In dem viele ihrer Angehörigen sie schon für tot hielten. Ihre Frauen vielleicht neu verheiratet sind. Ihre Kinder sie nur aus Erzählungen oder von Fotos kennen. Während fast jeder, der fliehen kann, aus dem Irak verschwindet, kommen sie nach über 20 Jahren aus einem Krieg zurück, um vielleicht bereits in zwei Tagen dem nächsten ins Auge zu sehen.
Ankunft und Abschied
"Das ist ein typisch irakischer Tag", sagte Hassan. Wir hatten Mühe, ihm in die Augen zu sehen, als die deutsche Delegation sich von Bagdad verabschiedete. Von einem Bagdad, das einen ratlos und berührt zurücklässt, das schon so viele Aufstiege und Niederlagen erlebt hat. Man wünscht Saddam Hussein zum Teufel, so schnell wie möglich, aber erträgt gleichzeitig den Gedanken nicht, dass die Millionen Wehrlosen wieder die ersten Opfer sein sollen einer Politik, in der die Grenzen zwischen Gut und Böse, Recht und Unrecht verschwimmen.
Auf der zähen Fahrt durch die Wüste Richtung Jordanien mit einer 20-köpfigen bunten Gruppe aus Deutschland, Österreich, Ungarn, Kanada und Tunesien kommt die Seele nicht hinterher. Die Stimmung im Konvoi mit sieben Fahrzeugen schwankt hilflos zwischen kindlicher Vorfreude auf sauberes Essen, Dusche, viel Schlaf und schlechten Witzen. Sie pendelt zwischen Weißt-Du-Noch-Geschichten und langem drückendem Schweigen, in dem jeder seinen Gedanken nachhängt, während die weite stille Wüste an einem vorbeifliegt und nur ein paar Schäfer und Beduinen auftauchen, die einer friedlichen Fata Morgana gleichen. Im gepanzerten Mercedes des Botschafters läuft in einer Endlosschleife deutsche Marschmusik. An der letzten Tankstelle vor der Wüste verharrt eine drei Kilometer lange Auto-Schlange. Am Wegesrand lässt sich Benzin und Wasser kaufen für den zehnfachen Preis. Der Krieg wird schon jetzt zum Geschäft.
Vereinzelt tauchen auf dem Weg und unter Brücken notdürftig getarnte Panzer auf, die keinen besonders wehrhaften Eindruck machen, eher, als würden sie sich wegducken und hoffen, dass es schnell vorbeigeht, wenn der Wüstensturm aufzieht. Diese müde Land wird eher implodieren als explodieren. Aber das Bagdad, das man verlässt, wird man so nicht wiedersehen. Und vermutlich auch viele Menschen nicht.
Die Hälse wenden sich gen Westen
An der Grenze geht die Sonne unter, es ist gespenstisch leer und still. Die 15 Meter hohe Statue des Führers mit dem rechten Arm zum Gruße Richtung Westen erhoben, wirkt starr und tot. War man bei der Einreise noch wütend auf die stundenlange Prozedur mit Formularen, Stempeln, ewigen Kontrollen und das dummdreiste Abkassieren, winkt dich nun freundlich der gleiche Beamte zu sich, der dir vor zwei Wochen noch die Einreise verweigern wollte, weil du ein Handy dabei hattest, das im Irak sowieso nicht funktioniert. Nun fragt er leise, ob man in Bagdad schon was höre, naja, über den Zeitpunkt, Sie wissen schon. Die Hälse an der Grenze wenden sich Richtung Westen und blicken den Ausreisenden lange nach.
Auf der jordanischen Seite wird man mit warmen Tee und ebenso warmen Worten empfangen. Die Blicke des Empfangskomitees wollen einem erzählen, dass man doch gerade noch dem sicheren Tod entronnen sei. Das eigene Gefühl erzählt einem, dass man gerade viele, viele Menschen enttäuscht und zurückgelassen hat. Nach elf Stunden Fahrt leuchtet am Abend Amman heim, aus den scheppernden Lautsprechern der Minarette trägt der Ostwind das Abendgebet fort.
"Ihr müsst doch glücklich sein"
In der jordanischen Hauptstadt warten Fotografen und Kamermänner vor der deutschen Botschaft. Ein französischer Fotograf bittet uns, für ihn eine Szene zu stellen. Wir sollen uns erleichtert in die Arme fallen: "Ihr müsst doch glücklich sein". Wir schütteln mit dem Kopf und blicken ratlos in die gleißenden Lichter der aggressiven Lampen. Es ist der Moment, wo etwas zerbricht, wo noch mal schmerzhaft deutlich wird, wie lange wir Journalisten schon Teil dieses Prozesses sind, der nun auf sein vorweggenommenes Ende zusteuert. In der Nacht will keiner allein sein. Man hockt todmüde aber schlaflos vor dem Fernseher und hört zu, wie George W. Bush in seiner Rede an die Nation den Countdown einläutet. Es bleiben noch 48 Stunden.
Die Gedanken gehen zurück zu Hassan, der die Größe besaß, uns beim Abschied zu trösten. Es sei richtig, dass wir gehen. In Deutschland sind die Menschen, die dich lieben. Die Du liebst. Deshalb musst Du gehen. Erzähle ihnen bitte von uns, von uns Irakern. Hier ist meine Familie. Ich will hier bleiben. Ich bin Iraker.
Abschied und Ankunft können eins sein. Auch wenn die Zukunft ungewiss ist. Sukran, Habibi. Lass uns bald wieder rauchen. Nur eine. Für die Gesundheit.