Ägypten: Wahlkampf mit einem Mordsgerücht - DER SPIEGEL
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Ägypten Wahlkampf mit einem Mordsgerücht

Der Wahlkampf in Ägypten wird sehr emotional geführt - und mit einem 40 Jahre alten Gerücht: Der 1981 ermordete Staatspräsident al-Sadat soll ebenfalls einen Mord auf dem Gewissen haben - an Vorgänger Nasser. Die Urheber der bösen Nachrede hoffen auf "Nostalgiestimmen".
Anwar al-Sadat (Archivfoto von 1970): "Gerechtigkeit ein für allemal"
Anwar al-Sadat (Archivfoto von 1970): "Gerechtigkeit ein für allemal"

Anwar al-Sadat (Archivfoto von 1970): "Gerechtigkeit ein für allemal"

Foto: ASSOCIATED PRESS
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Anwar al-Sadat

"Das ist niederträchtig und gemein", ereiferte sich Ruqiya Anwar vor einer aufgebrachten Zuhörerschar. "Wer meinen Vater in den Schmutz zieht, muss dafür büßen." Der Vater hieß , der vor 29 Jahren von islamistischen Extremisten ermordete Staatspräsident Ägyptens.

Gamal Abdul Nasser

Grund des von allen arabischen Medien wahrgenommenen Wutausbruchs: Muhammad Hassan Heikal, ein Busenfreund und politischer Berater des legendären Expräsidenten , der die Monarchie hinweggefegt und eine panarabische, antiwestliche Politik betrieben hatte, wartete mit einem Gerücht auf. Sein Nachfolger Anwar al-Sadat, Nobelpreisträger und Friedensvertragspartner Israels, habe den großen Nasser vergiftet. Er soll ihm Gift in den Kaffee geschüttet haben, den er, Sadat, ihm selbst zubereitet hatte, um ihn nach einem hitzigen Streitgespräch mit Palästinenserführer Jassir Arafat zu beruhigen.

Die Emotionen - pro und contra - überschatteten das Tagesgeschehen, zumal Heikal sich an das Gerücht "zufällig" wenige Tage vor dem 40. Todestag des immer noch populären Araberführers vom Nil erinnerte. Und das nicht in irgendeiner Teestube, sondern im arabienweit geschätzten Fernsehsender "Jazeera TV" im Golfemirat Katar.

Die oppositionelle Kairoer Tageszeitung "Ad-Dastur" brachte prompt ein Interview mit Gamal Abdul Nassers Sohn Abdul Hakim. Eine ganze Seite lang. Der Spross des vor vier Jahrzehnten verstorbenen Massenidols ist überzeugt: "Der Tod meines Vaters war kein natürlicher Tod." Mit Beweisen konnte er nicht aufwarten, brachte dafür aber in Erinnerung, dass der amerikanische Ex-Außenminister Henry Kissinger drei Monate vor dem Herzinfarkt seines Vaters frohlockt habe: "Die Welt wird sich in drei Monaten verändern."

Nicht alle glauben an das Gerücht

Schwach, aber Auftrieb für die Morgenluft verspürenden Neo-Nasseristen, die sich im Vorfeld der für November anberaumten Parlamentswahlen "Nostalgiestimmen" von sozial zu kurz gekommenen Landsleuten ausrechnen, die dem Vollbeschäftigungsprogramm und den Segnungen des "arabischen Sozialismus" nachtrauern.

Doch nicht alle Ägypter glauben dem Gerücht. Die Muslimbruderschaft, die vom Nasser-Regime blutig verfolgt wurde, hält sich bedeckt. Auch liberale Ägypter sind verärgert. Ein Sprecher der einflussreichen bürgerlichen Wafd-Partei hält die ganze Aufregung für "völlig ungerechtfertig". "Nasser starb einen normalen Tod, basta."

Sadat-Tochter Ruqiya ging nun vor Gericht und verklagte vor wenigen Tagen den Gerüchteaufwärmer Heikal. Sie verlangt "Gerechtigkeit, ein für allemal". Schon 2008 hatte sie Nassers Tochter Huda vor den Kadi gezerrt, weil diese behauptet hatte, Sadat habe Nasser vergiftet.

Der Langzeit-Chefredakteur der regierungsnahen Tageszeitung "Al Ahram" hat inzwischen kalte Füße bekommen und erklärt vorbeugend: "Ich habe doch nur ein Gerücht angesprochen, an das ich selbst nicht glaube."

Doch das glaubt auch kein Ägypter.