Afghanistan-Besuch Jung entging Attentat
Hamburg/München - Als sich Jung am 6. Juni im Landeanflug auf den Flughafen Kaia bei Kabul befunden habe, seien Geheimdienstwarnungen eingegangen, berichtete die "Bild am Sonntag". Die Anschlaghinweise seien "sehr konkret" gewesen, sagte der Sprecher des Bundesverteidigungsministeriums, Thomas Raabe, am Sonntag. Man habe Informationen erhalten, wonach der Anschlag am 6. Juni während Jungs Fahrt vom Palast des afghanischen Präsidenten Hamit Karsai zum Flughafen erfolgen sollte. "Daraufhin wurden Vorsichtsmaßnahmen ergriffen", erklärte der Ministeriumssprecher.
Nach der Landung sei Jungs Delegation auf gepanzerte Fahrzeuge verteilt und die Fahrstrecke geändert worden. Die Sicherheitslage für die deutschen Soldaten und Helfer in Afghanistan wird von Sicherheitsexperten der Bundesregierung laut "Bild am Sonntag" als "absolut dramatisch" beschrieben.
Die Gefahr wächst auch dadurch, dass die Nato-geführte Schutztruppe ISAF und die Koalitionstruppen unter Führung der USA wegen ihrer Vorgehensweise allmählich den Rückhalt in der Bevölkerung verlieren. In ungewöhnlicher Offenheit hatte sich der afghanische Präsident Hamid Karsai gestern über die Fahrlässigkeit der Soldaten beschwert. Allein in den vergangenen zehn Tagen seien bei Militäreinsätzen unter Führung der Nato oder der USA 90 Zivilpersonen ums Leben gekommen. Hilfsorganisationen vor Ort zufolge sind in Afghanistan seit Jahresanfang bereits mehr als 230 Zivilisten getötet worden.
Folter und Scheinexekutionen
Karsai zeigte sich besonders empört über die jüngsten Berichte über 25 Tote, darunter neun Frauen und drei Babys, beim Nato-Beschuss eines Dorfes im Bezirk Gereschk in der südlichen Provinz Helmand. "Man bekämpft keine Terroristen, indem man eine Kanone aus 37 Kilometer Entfernung auf ein Ziel abfeuert. Da muss es einfach zivile Opfer geben", sagte der Präsident. Und dann hätten die Nato-Soldaten das Dorf auch noch um 22 Uhr abends bombardiert. "Die Frage ist, warum?".
Einem Bericht des "Focus" zufolge ist es in der afghanischen Provinz Ghasni zu Fällen von Folter und Scheinexekution durch US-amerikanische und afghanische Soldaten gekommen. Zwei "Focus"-Reporter dokumentierten, wie bei einem Verhör im Dorf Niasollah ein US-Soldat zusammen mit einem afghanischen Kommandanten einen Verdächtigen mit einem Riemen an ein Militärfahrzeug band. Die Soldaten drohten dem an den Händen Gefesselten, ihn übers Geröll zu schleifen. Dann habe der US-Soldat den Motor gestartet und ihn zwei Minuten laufen lassen.
"Es funktioniert. Ich weiß von einem 13-jährigen Jungen, den hat man neulich zu erschießen gedroht. Und plötzlich hat er viel Nützliches erzählt", begründete US-Sergeant James Hill diese Praxis in "Focus". Eine weitere Folterszene habe sich in derselben Einheit der US-Armee ereignet. Auf der Suche nach Taliban-Kämpfern auf einem Bauernhof habe ein Kommandant des afghanischen Geheimdienstes unter den Augen seiner US-Kollegen einem alten Mann erst mit den Fäusten und danach mit dem Gewehrkolben hart in den Rücken geschlagen, bis der Mann einknickte, berichtete das Blatt.
mik/AFP/ddp