Afghanistan: Chaotische Situation in Kundus - DER SPIEGEL
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Afghanistan Chaotische Situation in Kundus

Die Nordallianz hat mit dem Sturm auf die letzte nordafghanische Taliban-Hochburg Kundus begonnen. Zuvor hatte es widersprüchliche Meldungen über den Erfolg der Kapitulationsverhandlungen gegeben.
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Kabul - Zunächst hieß es, Taliban und Nordallianz hätten sich bei den Kapitulationsverhandlungen geeinigt. Dann wurde gemeldet, die Gespräche seien gescheitert, die Nordallianz rücke auf die Stadt vor. Am Abend berichtete das staatliche Fernsehen im benachbarten Usbekistan unter Berufung auf den Nordallianz-General Abdul Raschid Dostam sogar, die Stadt sei gefallen. Bei dem Vorrücken der Nordallianz auf die Stadt hätten sich über zehntausend Taliban-Kämpfer ergeben. Nähere Angaben dazu sowie eine Bestätigung von unabhängiger Seite waren nicht erhältlich.

Nordallianz-Innenminister Junus Kanuni sagte am Donnerstag der Nachrichtenagentur Reuters, die Gespräche seien eine Finte der Taliban gewesen. "Im Moment rücken unsere Streitkräfte vor. Wir hoffen, dass wir bis morgen Kundus genommen haben". Zuvor hatten General Dostam und der Taliban-Kommandeur der seit Tagen belagerten nordafghanischen Stadt, Mullah Faisal, noch gesagt, sowohl die afghanischen als auch die ausländischen Kämpfer würden die Waffen niederlegen. Kundus ist neben Kandahar die letzte größere Stadt unter Taliban-Kontrolle.

"Wir haben versucht, das Thema Kundus durch Verhandlungen zu lösen, aber wir sind gezwungen worden, die militärische Lösung zu suchen", sagte Kanuni. Die Taliban hätten bei den Verhandlungen versucht, die Nordallianz zu spalten. "Es war eine politische Taktik. Sie wollten Zeit gewinnen. Sie hatten überhaupt nicht vor, sich zu ergeben." Die Taliban hätten sich nur einem bestimmen Teil der Nordallianz ergeben wollen. In der Stadt befänden sich 15.000 Soldaten der Taliban, darunter 9000 bis 10.000 ausländische Kämpfer.

Zuvor hatte ein Sprecher der Nordallianz gesagt, die Afghanen könnten nach Hause zurückkehren. Die Söldner aus arabischen Ländern, Pakistan und Tschetschenien würden hingegen vor Gericht gestellt. Sie gehören zur al-Qaida-Organisation des muslimischen Extremisten Osama Bin Laden, den die USA wegen der Anschläge in New York und bei Washington jagen. Ein Sprecher der US-Regierung sagte in der pakistanischen Hauptstadt Islamabad, die USA könnten einem Abzug der afghanischen Taliban zustimmen. Die nicht-afghanischen Soldaten sollten dagegen entwaffnet und festgehalten werden, bis klar sei, was weiter mit ihnen geschehen solle.

Wiederholt war bei den am Dienstag begonnenen Verhandlungen von einer Bereitschaft der afghanischen Taliban zur Aufgabe berichtet worden, die die ausländischen Kämpfer jedoch abgelehnt hätten. Diese befürchten den Berichten zufolge, von der Nordallianz getötet zu werden und wollten bis zum Tode kämpfen. Sollte Kundus an die Nordallianz fallen, würden den Taliban als einzige größere Stadt noch Kandahar im Süden des Landes bleiben. Vor dem Beginn der US-geführten Angriffe am 7. Oktober hatten die Taliban etwa 90 Prozent Afghanistans kontrolliert.

Pakistan verfügte am Donnerstag die Schließung der Taliban-Botschaft in Islamabad. Sie war die letzte diplomatische Vertretung der Taliban. Zuvor mussten sie ihre Konsulate in den Städten Peshawar und Quetta schließen.

Die USA schickten weitere Soldaten für die Suche nach Bin Laden nach Zentralasien. Bisher suchen US-Sondereinheiten den Süden Afghanistans nach Bin Laden, zu dem die Taliban eigenen Angaben keinen Kontakt mehr haben. US-General Tommy Franks sagte in Usbekistan, auch der Einsatz konventioneller Bodentruppen sei "noch nicht vom Tisch".

In Kabul landete nach Uno-Angaben ein erstes Flugzeug der Vereinten Nationen mit Hilfslieferungen. Die Maschine aus Islamabad habe unter anderem Nahrungsmittel und andere Hilfsgüter in die Stadt gebracht, teilte ein Uno-Vertreter in Rom mit. In Afghanistan sind nach Uno-Angaben mehrere Millionen Menschen dringend auf Hilfslieferungen angewiesen.