Afghanistan-Kriegsdebatte Drin bleiben!
Bundeswehrsoldaten in Afghanistan: "Ein Abzug würde das Blutvergießen nicht beenden"
Foto: Maurizio Gambarini/ dpaDie Zahl der Toten in Afghanistan steigt, die Zahl der Kriegsgegner in Deutschland auch. Immer mehr Menschen fordern den Abzug. Es wäre der falsche Schritt. Die Mehrheit der Deutschen lehnt den Krieg in Afghanistan ab, das ist nicht erstaunlich. Aber wer spricht sich schon gerne für Krieg aus? Als Argument taugt es wenig. Die Mehrheit der Deutschen war gegen die Erweiterung der EU, die Mehrheit ist gegen Hilfe für Griechenland. Beides ist trotzdem sinnvoll.
Krieg, zumindest darin sind sich alle einig, ist eine furchtbare Sache. Er ist schmutzig, er kann aus Menschen Tötungsmaschinen machen, er produziert Tote, Verletzte, Verstümmelte. Er darf immer nur das letzte Mittel sein. Aber manchmal ist er notwendig. Afghanistan ist so ein Fall. Es geht um viel, allerdings nicht in erster Linie um Demokratie und Menschenrechte. Die sind in vielen Ländern bedroht, ohne das Deutschland Soldaten schickt. Das hat Angela Merkel in ihrer Regierungserklärung mit bemerkenswerter Offenheit auch so gesagt.
"Essen, trinken und sterben"
Es geht vor allem darum, ein stabiles Afghanistan zu schaffen, das nicht wieder zum Rückzugsort von Terroristen wird und die gesamte Region weiter destabilisiert. Darin liegt das Interesse des Westens an diesem Krieg. Dieses Ziel rechtfertigt die Opfer, die dort zu beklagen sind. Niemand kann garantieren, dass der Westen in Afghanistan dieses Ziel erreicht. Eins aber kann man sagen: Es ist der falsche Zeitpunkt, um abzuziehen. Zum ersten Mal seit dem Sturz der Taliban im Jahre 2001 hat die Allianz eine kohärente Strategie für Afghanistan. Die Taliban sollen in ihren Hochburgen militärisch massiv bekämpft werden. Gleichzeitig will die Nato die Bevölkerung besser schützen und so den zivilen Aufbau möglich machen.
Die Strategie basiert darauf, dass die westlichen Soldaten mit ihren afghanischen Kollegen "essen, trinken und sterben", wie es ein amerikanischer Oberst formuliert hat. Statt sich in Camps zu verschanzen, sollen sie raus in die Dörfer. Sie sollen beim Aufbau staatlicher Strukturen helfen. Dabei können sie selbst zur Zielscheibe werden. Es ist eine gefährliche Strategie, aber eine plausible.
Die Amerikaner haben im Irak gezeigt, dass man eine scheinbar aussichtslose Lage drehen kann, wenn man die eigene Vorgehensweise der Wirklichkeit anpasst. Ob dies auch in Afghanistan funktioniert, ist offen. Es steht zu viel auf dem Spiel, um es nicht wenigstens zu versuchen. Das Scheitern der Strategie zu erklären, bevor man sie umgesetzt hat, wäre fahrlässig.
Auch wenn der Westen erfolgreich ist, wird das Ergebnis nicht schön sein. Man muss sich mit den Taliban arrangieren. Unter den neuen Machthabern werden möglicherweise Kriegsverbrecher sein. Das alles ist nicht leicht zu vermitteln. Aber die Fähigkeit, der Bevölkerung unangenehme Wahrheiten zu erklären, unterscheidet den Staatsmann vom Politiker.
Ein Abzug würde das Blutvergießen nicht beenden
Und was wäre die Alternative? Ein Abzug würde das Blutvergießen in Afghanistan nicht beenden. Im Gegenteil, der Bürgerkrieg bräche dann mit voller Wucht wieder los. Rache und Vergeltung würde vor allem die treffen, die darauf vertraut haben, dass die Nato ihre Mission zu Ende bringt. Und was das für Pakistan, für die gesamte Region und für den weltweiten Kampf gegen den Terror bedeutet, das mag man sich gar nicht ausmalen. Das wissen auch diejenigen, die jetzt einen Abzug fordern. Deshalb ist ihre Forderung auch halbherzig. Natürlich wolle man das Land nicht Hals über Kopf verlassen, heißt es.
Es müsse ein geordneter Rückzug sein. Nur, was soll das sein? Wenn man sowieso alles verloren gibt, dann darf man das Leben von Soldaten keine Minute länger gefährden. Dann müsste man direkt raus aus Afghanistan. Alles andere wäre zynisch.
Man kann sich des Verdachts nicht erwehren, dass hinter dem Nein zum Krieg in Afghanistan noch ein anderes Motiv steht. Deutschland hat den schlimmsten Krieg der Weltgeschichte vom Zaun gebrochen. Dann hat es vier Jahrzehnte lang versucht, das friedfertigste Land der Welt zu sein. Krieg, das war etwas für die anderen. Wir hatten unsere Lektion gelernt. Jetzt zeigt sich, dass es vielleicht nicht ganz so einfach ist. Wer diejenigen, die anderen den Tod bringen wollen und den eigenen nicht scheuen, stoppen will, der kann vermutlich nicht sauber bleiben. Das ist schwer zu akzeptieren. Aber es bleibt trotzdem richtig.