Afghanistan: Schwerste Luftschläge seit Kriegsbeginn - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Afghanistan Schwerste Luftschläge seit Kriegsbeginn

Augenzeugen im Norden Afghanistans berichten von den massivsten Luftangriffen seit Beginn des Krieges. Derweil wachsen die Zweifel am Erfolg der US-Strategie. Der Militärmachthaber von Pakistan warnt, Afghanistan könnte für die Amerikaner zum "bodenlosen Sumpf" werden.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Kabul/Washington - Nahezu drei Wochen unablässiger Luftangriffe hätten es nicht vermocht, die Herrschaft der Taliban über Afghanistan zu erschüttern oder die Nordallianz in die Lage zu versetzen, nennbare Geländegewinne zu erzielen, warnte der Militärmachthaber, Pervez Musharraf, am Samstag in einem Interview mit dem US-Sender ABC. "Wenn die Erreichung der militärischen Ziele oder ihre Lokalisierung und Identifizierung Schwierigkeiten bereitet, dann könnten die USA in der Patsche sitzen", sagte der General.

Die US-Angriffe an der Front 40 Kilometer nordöstlich von Kabul wurden von Truppen vor Ort als die schwersten seit Beginn des Luftkriegs bezeichnet. Unterdessen mehren sich die Stimmen derer, die an der Wirksamkeit der Luftangriffe zur Erreichung der erklärten Kriegsziele zweifeln.

Berichte über Hinrichtung gegnerischer Kommandeure

Den ganzen Samstag über bombardierten die US-Flugzeuge in mehreren Angriffswellen Stellungen der Taliban auf der Schomali-Ebene. Bereits in der Nacht zum Samstag hatten US-Flugzeuge Ziele in Kabul und in der Nähe des Flughafens der Hauptstadt attackiert. Offenbar trafen sie dabei ein Munitionslager der Taliban. Nach Angaben eines Arztes starben bei den Angriffen in Kabul zwei Zivilisten. Das Taliban-Regime berichtete auch von Angriffen auf Nischrab und Tagab, rund 50 Kilometer nordöstlich von Kabul. Dabei seien sechs Menschen getötet, zwölf weitere verletzt und 15 Häuser zerstört worden.

Die Truppen der Taliban haben nach eigener Darstellung einen Angriff der Nordallianz auf die strategisch wichtige Stadt Masar-i-Scharif zurückgeschlagen. Fünf gegnerische Kommandeure seien gefangen genommen und hingerichtet worden. Später bestritt jedoch ein Taliban-Sprecher, dass es zu Hinrichtungen gekommen sei.

Lebensmittelvorräte des Roten Kreuzes zerstört

Das US-Verteidigungsministerium bestätigte unterdessen, dass zum zweiten Mal in diesem Monat wieder versehentlich ein Lager des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK) und ein in der Nähe liegendes Wohngebiet getroffen wurden. Das Lager sei für ein Magazin der Taliban gehalten worden, hieß es. Während eines Angriffs am Donnerstag sei ein Wohngebiet getroffen worden, weil die Bombe ihr Ziel verfehlt habe. Bei Angriffen am Freitagabend wurden auch Tiefflieger eingesetzt. Das internationale Rote Kreuz hat die Bombardierung des IKRK-Lagers beklagt. In dem Lager in Kabul sei ein großer Teil der Lebensmittel und Decken gelagert worden, die das IKRK an die notleidende Bevölkerung verteilen wollte, hieß es in einer Erklärung vom Freitagabend. "Ein großes rotes Kreuz auf weißem Grund war klar auf dem Dach jedes Gebäudes zu erkennen", betonte das IKRK.

Irak versucht, islamische Länder zu mobilisieren

Die irakische Regierung verlangte unterdessen von der Organisation der Islamischen Konferenz (OIC), Schritte zur Beendigung der US-Angriffe in Afghanistan zu unternehmen. In einem Brief des irakischen Außenministers Nadschi Sabri an den OIC-Generalsekretär Abdeluhed Belkesis, der der Nachrichtenagentur AP zugespielt wurde, wurde außerdem kritisiert, dass die OIC bei ihrem Außenministertreffen am 10. Oktober die US-Angriffe nicht verurteilt, sondern lediglich Sorge über Verluste der Zivilbevölkerung bekundet habe. Aber selbst dieser gemäßigte Aufruf sei von den USA nicht respektiert worden. Deshalb müsse die OIC nun gemäß ihrer Charta die sofortige Beendigung der Aggression gegen ein islamisches Land fordern.

Unterdessen begann der Uno-Hochkommissar für Flüchtlinge, Ruud Lubbers, eine einwöchige Reise durch Flüchtlingslager in Pakistan. Am Samstag besuchte er ein Lager bei Quetta an der afghanischen Grenze. Lubbers sagte, in den letzten Wochen seien über 150.000 Flüchtlinge aus Afghanistan nach Pakistan gekommen. Diese Zahl werde bald 300.000 erreichen.

Mehr lesen über