Afghanistan Sturm auf Kundus
Kabul - Ungeachtet einer angeblichen Kapitulation Tausender eingeschlossener Taliban-Kämpfer tobten am Freitag schwere Gefechte um Kundus. Die Nordallianz setzte Panzer, Artillerie und Granatwerfer ein, berichtete der US-Fernsehsender CNN. Zeitweise hätten sie Unterstützung durch amerikanische B-52-Bomber erhalten. Verzweifelte Zivilisten hätten versucht die Stadt zu verlassen. Kundus ist die einzig verbliebene Taliban-Bastion im Norden des Landes.
"Wenn die Taliban nicht aufgeben, werden wir sie eliminieren", drohte der Nordallianz-General Abdul Raschid Dostam. Er behauptete, der Taliban-General Mullah Feisal habe in Verhandlungen eine Kapitulation bis Sonntag zugesagt. Den schätzungsweise 3000 bis 10.000 Milizionären sei freies Geleit in ihre Heimat versprochen worden.
Dagegen würden die ebenfalls eingekesselten ausländischen Mitkämpfer nach den Worten Dostams in Afghanistan vor Gericht gestellt werden. Die meisten kommen aus arabischen Ländern und aus Pakistan. Die USA wollen nicht, dass diese Milizionäre freikommen, da viele vermutlich zum Terrornetzwerk al-Qaida gehörten.
Gestern hatte es zunächst geheißen, Taliban und Nordallianz hätten sich bei den Kapitulationsverhandlungen geeinigt. Nordallianz-Innenminister Junus Kanuni bezeichnete die Gespräche später als eine Finte der Taliban. "Wir hoffen, dass wir bis Freitag Kundus genommen haben."
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Sollte die Stadt an die Nordallianz fallen, würde den Taliban als einzige größere Stadt noch Kandahar im Süden des Landes bleiben. Vor dem Beginn der US-geführten Angriffe am 7. Oktober hatten die Taliban etwa 90 Prozent Afghanistans kontrolliert.
Taliban-Chef Omar verschwunden
Der geistliche Führer der radikal-islamischen Taliban in Afghanistan ist angeblich untergetaucht und soll die Militärführung einem Stellvertreter überlassen haben. "Mullah Omar hat sich aus Sicherheitsgründen an einen unbekannten Ort begeben", sagte der für Sicherheitsfragen zuständige Taliban-Vertreter Mullah Sajed Mohammed Sakkani, am Freitag in der afghanischen Grenzstadt Spin Boldak. Mullah Achtar Mohammad Usmani sei zum "Stellvertreter von Mullah Omar" ernannt worden, sagte er. Die Entscheidung sei nach einem Treffen der obersten Führungsriege der Taliban am Donnerstag in Kandahar gefallen.
Pakistan verfügte am Donnerstag die Schließung der Taliban-Botschaft in Islamabad. Sie war die letzte diplomatische Vertretung der Taliban. Zuvor mussten sie ihre Konsulate in den Städten Peschawar und Quetta schließen.
Die USA schickten weitere Soldaten für die Suche nach Osama Bin Laden nach Zentralasien. Bisher suchen US-Sondereinheiten im Süden Afghanistans nach dem Terroristenführer, zu dem die Taliban eigenen Angaben zufolge keinen Kontakt mehr haben. US-General Tommy Franks sagte in Usbekistan, auch der Einsatz konventioneller Bodentruppen sei "noch nicht vom Tisch".
In Kabul landete nach Uno-Angaben ein erstes Flugzeug der Vereinten Nationen mit Hilfslieferungen. Die Maschine aus Islamabad habe unter anderem Nahrungsmittel und andere Hilfsgüter in die Stadt gebracht, teilte ein Uno-Vertreter in Rom mit. In Afghanistan sind nach Uno-Angaben mehrere Millionen Menschen dringend auf Hilfslieferungen angewiesen.