Afghanistan US-Spezialeinheiten nehmen Taliban-Führer fest
Kabul - Die Sondereinheit kam in der Nacht zum Samstag - und die vermummten Kämpfer wussten genau, wo sie suchen mussten: In Imam Saheb, keine Autostunde nördlich vom Bundeswehrstandort im nordafghanischen Kunduz, schlugen die Special-Forces-Soldaten gemeinsam mit afghanischen Soldaten zu. Lautlos schlichen sie sich in ein Gehöft, nahmen Taliban-Kommandeur Mullah Daud fest, verbanden ihm die Augen, zerrten den bärtigen Kämpfer in einen Hubschrauber und brachten ihn nach Kabul.
US-General McChrystal: "Präventiv die Situation bestimmen"
Foto: APDie Kommandoaktion der US-Armee, von der die Deutschen kurz zuvor informiert worden waren, zeigt erneut, wie sehr sich der Norden Afghanistans zum Tummelplatz von Taliban und auch der al-Qaida entwickelt hat.
In Geheimdienstkreisen heißt es, dass Mullah Daud bis zu hundert Kämpfer in Imam Saheb befehligt hat. Der Kommandeur, so vermuten die Terror-Fahnder, unterhielt auch enge Kontakte zu al-Qaida in Pakistan und war auch in den Transfer von ausländischen Kämpfern des Terrornetzes nach Afghanistan involviert.
Es ist nicht das erste Mal, dass US-Spezialkräfte im Einsatzgebiet der Bundeswehr auf Terroristen-Jagd gehen. Mindestens dreimal waren Delta-Forces in den vergangenen Monaten im Norden aktiv, eine der geheimsten Einheiten der US-Armee, die nicht unter dem Mandat der Schutztruppe Isaf eingesetzt sind. Zweimal nahmen sie dabei im April Terror-Verdächtige fest, im Juni wurde eine Zielperson nach einem gescheiterten Zugriffsversuch von einer Rakete getötet.
Der BND hat Hinweise auf rund 60 Qaida-Kämpfer
Neben den Taliban bewegen sich in Nordafghanistan zunehmend auch ausländische Kämpfer, die teils enge Kontakte zur Kommandoführung von al-Qaida halten oder direkt von ihr geschickt werden. Der Bundesnachrichtendienst (BND) hat Hinweise auf rund sechzig solcher Kämpfer, die sich im Raum Kunduz aufhalten sollen. Anwohner berichten von Arabern, die in den paschtunischen Dörfern Schutz finden. Der BND bekam auch Hinweise auf usbekische Kämpfer.
In den vergangenen Monaten wurden mehrere Propaganda-Videos veröffentlicht, in denen die Bundeswehr-Mission in Afghanistan verurteilt wird - daher rechnet der BND auch mit Anschlägen Kämpfer gegen deutsche Soldaten. Da in den Videos immer wieder der Termin der Bundestagswahl im September genannt wird, muss sich die Bundeswehr auf gezielte Anschläge der Terroristen einstellen.
Auch der Chef der internationalen Schutztruppe Isaf ist wegen der Lage in Kunduz beunruhigt. Am vergangenen Mittwoch flog US-General Stanley McChrystal nach Nordafghanistan und besprach mit deutschen und afghanischen Offiziellen die prekäre Lage im Bundeswehrgebiet. Er sei "besorgt" über die sich verändernde Situation, sagte er SPIEGEL ONLINE nach seiner Visite, Kunduz habe mittlerweile seine und die "volle Aufmerksamkeit" der Isaf.
Die Taliban in der Region würden aus dem Süden unterstützt und wollten eine "Enklave im Norden" aufbauen, sagte McChrystal. Aus Isaf-Sicht haben die Aufständischen dabei vor allem die neue Versorgungsroute der Schutztruppe im Visier, die direkt durch Kunduz führt.
"Eine einzelne Mission wird nie dauerhafte Effekte erzielen"
Konkret forderte der General von der Bundeswehr und den afghanischen Kräften weitere Operationen wie die der vergangenen Wochen in Charah Darreh westlich des deutschen Feldlagers. "Es gab sicherlich einige Erfolge bei dieser Operation", so McChrystal nach dem Gespräch mit Offizieren, "aber wir dürfen nicht vergessen, dass eine einzelne Mission niemals dauerhafte Effekte erzielen wird". Deutlich warnte er vor einem Nachlassen beim Kampf gegen die Taliban. "Wenn wir nicht präventiv die Situation bestimmen", so der Isaf-Chef, "werden wir von der Lage überrollt".
Dass der Viersterne-General Recht hat, zeigt sich derzeit in Charah Darreh. Nachdem sich die afghanischen Kräfte weitgehend zurückgezogen haben, kehren die Taliban zurück und übernehmen wieder die Kontrolle.
Am Wochenende kam es am Rand der Unruheprovinz zu Auseinandersetzungen mit der afghanischen Polizei. Bei einer mehrstündigen Schießerei wurden nach afghanischen Angaben zwei Taliban getötet und zwei weitere festgenommen. Ähnlich brenzlig sieht die Lage weiter südlich in der Provinz Baghlan aus, wo sich Taliban das ganze Wochenende Gefechte mit den afghanischen Sicherheitskräften lieferten.