Afghanistan Vorgeschmack auf einen blutigen Frühling
Peschawar - US-Vizepräsident Dick Cheney nahm den explosiven Morgen gelassen. In Oman, wo er nach seinem Kurztrip in Kabul am Mittag gelandet war, berichtete er von seinen Erlebnissen wenige Stunden zuvor in der US-Basis Bagram. Er habe in seinem Raum gesessen, der in einer besonders gesicherten Zone der größten amerikanischen Militärbasis in Afghanistan liegt. "Um etwa 10 Uhr hörte ich einen lauten Knall", erinnerte sich Cheney. Nur für kurze Zeit hätten ihn seine Bewacher vom Secret Service in einen Bunker verbracht. Danach habe er umgehend weitergearbeitet.
Was in Cheneys Worten wie eine Petitesse klingt, war ein schwerer und bisher einmaliger Anschlag nahe der US-Basis rund 60 Kilometer nördlich der Hauptstadt Kabul. Der Täter mit seinem Auto voller Sprengstoff schaffte es, trotz unzähliger Checkpoints auf der Straße nach Bagram, bis zum äußersten Sicherheitsring der Basis durchzukommen. Mit der Bombe in seinem Auto riss er in einer gewaltigen Explosion, deren Rauchpilz Kilometer entfernt zu sehen war, mehrere Afghanen, zwei internationale Schutz-Soldaten und sich selbst in den Tod.
Kaum eine Stunde war vergangen, da prahlten die radikal-islamistischen Taliban bereits mit dem Anschlag. Per Satellitentelefon meldete sich einer ihrer mittlerweile unzähligen Sprecher bei den Nachrichtenagenturen und beanspruchte die Tatplanung für die Gotteskrieger. "Wir wussten, dass Cheney über Nacht auf der Basis geblieben war", sagte Kari Yousef Ahmadi, "unser Mann wollte bis zu ihm durchkommen und ihn töten." Als Beweis nannte Ahmadi auch die Identität des Attentäters. Bisher ist aber noch unklar, ob diese mit dem wirklichen Selbstmordbomber übereinstimmt.
Schutztruppe beunruhigt
Doch selbst wenn die vollmundigen Behauptungen des Taliban-Sprechers nicht hundertprozentig zutreffen sollten, verunsichert der Vorfall vom Dienstagmorgen die Schutztruppe in Afghanistan. "Dass der Attentäter bis ans Gate gekommen ist, besorgt uns", sagte ein Offizier der Nato-Truppe, "vielmehr aber sind wir über den Informationsstand der Taliban erschrocken". Ganz offenbar habe es sich in der Tat um "eine gezielte Attacke" gehandelt, da man wusste, "dass Cheney noch in der Basis war". Auch wenn das Ziel unerreichbar war, verstehe man "das Symbol".
Die Details des Anschlags sprechen für eine neue, bisher ungekannte Logistik der Gotteskrieger. So war der Besuch von Cheney erst nach seiner Ankunft in Kabul am Dienstagmorgen bekannt geworden. Aus Sicherheitsgründen hatte das Weiße Haus selbst mitreisende Reporter gebeten, erst nach Ankunft über die Stippvisite zu berichten. Dass Cheney aber entgegen der eigentlichen Pläne wegen starken Schneefalls sein Treffen mit Präsident Hamid Karzai verschieben musste und über Nacht in Bagram blieb, wurde erst am Montagabend bekannt.
Für Beobachter ist dies ein klares Zeichen: Die Taliban müssen mittlerweile über ein gut organisiertes Informationssystem verfügen, in dem sie Bewegungen von prominenten Persönlichkeiten wie Cheney verfolgen. "Natürlich gibt es viele Informationen über das Internet", sagte der Nato-Offizier, "doch man muss dieses Mittel erstmal nutzen können". Dies sei in dem Fall der Attacke in Bagram offenbar geschehen, anders könne man "das exakte Timing kaum erklären". Mitunter könne man kaum noch von simplen Guerilla-Kriegern sprechen, so der Offizier.
Auch die spontane Ausführung gibt den bisher übertrieben erscheinenden Drohungen der Männer von Taliban-Chef Mullah Omar neues Gewicht. Da das potentielle Anschlagsziel erst kurzfristig bekannt geworden war, kann der Anschlag nicht lange geplant gewesen sein. Dies entspricht den kruden Drohungen von Omar und Co. Seit Wochen kündigen diverse Taliban-Kommandeure per Propaganda-Videos an, sie hätten Tausende Selbstmord-Attentäter ausgebildet. Sobald der Schnee schmilzt, stünden diese für Operationen im ganzen Land zur Verfügung.
Taliban drohen mit ihrer Kampfkraft
Besonders tut sich der Taliban-Kommandeur Mullah Dadullah im Konzert der Drohgebärden hervor. Kürzlich lud der kriegsgestählte Taliban sogar Reporter des arabischen TV-Senders al-Dschasira zu sich in die Berge rund um Kandahar. Nach einigen Vorführungen seiner Krieger sprach der für seine Brutalität bekannte Krieger von 6000 Männern, die als Selbstmordattentäter bereit stünden. Wie zum Beweis zeigen seine Propaganda-Videos immer wieder, wie sich junge Afghanen und Araber in Listen eintragen und sich bereit erklären, für Dadullah sein Leben zu lassen.
Die neue Taliban-Taktik speist sich auch aus bitteren Erfahrungen des vergangenen Jahres. Besonders in den letzten Monaten von 2006 mussten die Koran-Milizen erhebliche Verluste einstecken, nachdem sie immer wieder mit ihrer Guerilla ganze Dörfer im Süden des Landes eingenommen haben. Fast 3000 Gotteskrieger starben bei den anschließenden Luft-Angriffen der Nato. "Viele Tote und den Verlust von Ausrüstung können sich die Taliban nicht mehr leisten", meint der Afghanistan-Kenner Raimullah Yusufzai, "deshalb setzen sie auf billigere Selbstmordanschläge."
Schon im vergangenen Jahr gab es 139 solcher Suizid-Anschläge in Afghanistan. Die Statistiker der westlichen Geheimdienste registrierten damit im Vergleich zum Vorjahr eine Verfünffachung der Anschläge, die stets auch viele Zivilisten mit den Tod gerissen hatten. Bei der Nato jedoch rechnet man jetzt nicht mit einem besseren Jahr. Schon vor dem Anschlag am Montag sagte der US-Oberbefehlshaber für Afghanistan, General David Rodriguez, er rechne mit einem noch weiteren Anstieg für das Jahr 2007.
Mit der gut getimten Attacke am Montag, so scheint es, wurde dieser blutige Frühling am Hindukusch eingeläutet.