Afrika: Das nächste Bombenziel? - DER SPIEGEL
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Afrika Das nächste Bombenziel?

Aus dem Chaos in Somalia hat sich ein Gebiet gelöst, in dem Ruhe und Ordnung herrschen: Somaliland. Die Republik will Anerkennung als Partner im Kampf gegen den Terrorismus.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

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ie Leute am Schlagbaum vor Borama sind zunächst ganz freundlich. Sie kennen den Landrover der Deutschen Welthungerhilfe, die in ihrer Stadt ein Büro unterhält. Der Polizeiposten und zwei Lkw-Fahrer plaudern angeregt mit dem somalischen Mitarbeiter der Organisation. Er ist ausgestiegen, will bei Händlerinnen am Straßenrand ein paar Früchte kaufen. Im Schatten eines Baumes döst eine Männerrunde, berauscht von der Kaupflanze Kat. Kinder treiben Schafe in ein Feld ­ ein friedlicher Nachmittag.

Plötzlich schlägt die Stimmung um. Der im Landrover mit angereiste Bildreporter hat ein paar Fotos geschossen ­ von hübsch angemalten Wohnhäusern und einer frisch geweißten Moschee, der vielleicht schönsten in Somaliland. Gegen solche Motive haben die Menschen in Afrika sonst nichts einzuwenden. Jetzt aber sind die Bürger von Borama aufgeschreckt. Sie beginnen zu schimpfen, einige drohen mit den Fäusten. Bald werden Steine fliegen.

Überstürzte Weiterfahrt ist angesagt. Während der Fahrer Gas gibt, sagt der Somalier: "Die Leute fürchten, dass die Fotos für die Amerikaner gemacht werden." Die Aufnahmen, so habe einer der Männer geargwöhnt, könnten zur Bestimmung von Zielen bei Bombenangriffen dienen.

Amerika als Unheilbringer? Bomben auf Somalia? Die Nachricht, nach Afghanistan sei das Horn von Afrika als Nächstes ins Visier der Anti-Terror-Allianz gerückt, erschreckt die Menschen bis tief ins Hinterland.

In seinem Amtszimmer in Hargeisa schüttelt Präsident Mohammed Ibrahim Egal sein Haupt: "Viele Leute sind nur mangelhaft gebildet", erklärt er, "und sie verstehen viele Zusammenhänge nicht." Natürlich drohe keine Gefahr. Denn die internationalen Terrorbekämpfer würden sehr wohl den Unterschied kennen zwischen dem chaotischen Somalia auf der einen Seite und seiner ordentlichen Republik Somaliland auf der anderen:

Während Somalia (7 Millionen Einwohner, Hauptstadt: Mogadischu) als potenzielle Basis für Terroristen ein Ziel der Anti-Terror-Allianz darstellt, will Somaliland (2,5 Millionen Einwohner, Hauptstadt: Hargeisa) der Völkergemeinschaft helfen, "das Virus des Terrorismus auszurotten".

Egal trägt den Safarianzug der afrikanischen Staatsmänner aus der Ära des Befreiungskampfes. Er hat auf dem Schreibtisch eine Kaffeemaschine installiert. Hinter ihm ist die grünweißrote Staatsflagge mit dem schwarzen Stern aufgestellt. An der Wand dokumentieren Fotos den politischen Lebensweg des wachen 73-Jährigen:

Ein Schwarzweißbild aus dem Jahr 1960 zeigt den jungen Politiker in London bei Verhandlungen mit dem Kolonialminister über die Unabhängigkeit von Britisch-Somaliland; es ist genau das Gebiet, das sich 1991 unter dem Namen Republik Somaliland von Somalia abgespalten hat. Auf einem Farbfoto von 2000 begrüßt Uno-Generalsekretär Kofi Annan in New York den alten Herrn aus dem Staat, den es offiziell gar nicht gibt; Somalilands internationale Anerkennung bleibt Egals Ziel.

Jetzt schon wird der Separatist von dem Ghanaer Annan und von Präsidenten wie Kenias Daniel arap Moi oder Ugandas Yoweri Museveni empfangen; er genießt in Afrika höchstes Ansehen. Der aus der Hafenstadt Berbera stammende Somalier gehört zu den Letzten aus der Generation der Kwame Nkrumah, Julius Nyerere und Jomo Kenyatta. Als Sohn eines Kaufmanns konnte er in England studieren, ehe er Politiker wurde. Egal war eine Zeitlang Premierminister von Somalia.

Zwölf Jahre Haft unter dem Militärdiktator Siad Barre ­ in Deutschland bekannt, weil er 1977 die Erstürmung des entführten Lufthansa-Jets "Landshut" zuließ ­ hat Egal auf Grund seines Glaubens durchgestanden. "Erst im Gefängnis habe ich den Koran richtig studiert", sagt er und erwähnt, dass er auch Solschenizyns "Archipel Gulag" gelesen habe: "Bei uns ist es teilweise noch schlimmer gewesen."

Dass während des Bürgerkriegs in der Region ausgerechnet in seinem Landesteil Ruhe und Ordnung durchgesetzt werden konnten, erklärt Egal auch mit der kolonialen Vergangenheit: "Die Briten haben uns indirekt beherrscht und dabei kaum traditionelle Strukturen zerschlagen." Genau das aber sei im größeren italienischen Somalia geschehen: "Da bestimmten Beamte und Siedler aus Italien selbst auf der untersten Ebene."

Somaliland konnte mit Hilfe der immer noch geachteten Clanführer in seinem Bereich Frieden schaffen. "Uns ist das gelungen, was man jetzt in Afghanistan erreichen will", sagt Egal, "die Entwaffnung der sich bekämpfenden Bürgerkriegsmilizen."

Offen jedenfalls trägt in Somaliland kein Unbefugter Waffen. Aus Staatszerstörern wurden Staatsdiener. Einige tausend abgemusterte Freischärler wurden in die Polizei übernommen und erhalten regelmäßig ihr Gehalt. Deshalb erpressen Somalilands Ordnungshüter an Kontrollstellen nicht die in Afrika verbreiteten Wegezölle. Wer allerdings ­ wie in Somalia üblich ­ ein Auto ohne Nummernschild fährt, wird erbarmungslos aus dem Verkehr gezogen. Im "zivilisierten" Somaliland, wie Bürger stolz sagen, haben alle Fahrzeuge Kennzeichen zu tragen.

Die Nummernschilder sollen auch den Anspruch auf Eigenstaatlichkeit dokumentieren ­ so wie die eigene Währung, der Somaliland-Shilling, gedruckt bei De La Rue in England. Dasselbe Unternehmen hat schon Briefmarken und 500 000 Reisepässe hergestellt. Die blauen Dokumente warten im Keller der Staatsbank in Hargeisa auf ihre Ausgabe am Tag X: Somalilands internationaler Anerkennung.

In der staubigen Hauptstadt (200 000 Einwohner) regeln Ampeln den spärlichen Verkehr. Arbeiter pflegen einen Grünstreifen in der Mitte der Hauptstraße. Sie haben Setzlinge auf den Gehwegen ummauert, um sie vor herumstreifenden Ziegen zu schützen. Ruinen und notdürftig reparierte Häuser erinnern an den Bürgerkrieg, der viel Elend hinterließ. Krüppel in Rollstühlen bieten Zeitungen an. Ehemalige Soldaten, die den Verstand verloren haben, betteln um Gaben. Ein solcher Veteran erstach im vergangenen Jahr den deutschen GTZ-Mitarbeiter Peter Kransmann. "Die geistesgestörten Ex-Kämpfer sind die einzige Gefahr in Somaliland", sagt ein Entwicklungshelfer.

Tatsächlich nehmen die westlichen Fremden keinerlei Wirken von Islamisten wahr. Um die gute Nachricht auch Besuchern nahe zu bringen, hat Religionsminister Mohammed Sufi zwei Dutzend Vorbeter zusammengerufen. Die Bartträger berichten brav, es gebe keinerlei Probleme: Das Volk wisse, dass der Krieg in Afghanistan und der Kampf gegen den Terrorismus kein Angriff des Westens gegen den Islam seien. Niemand würde die Leute aufhetzen.

Während des Treffens stecken drei Teilnehmer der Runde den Besuchern einen Zettel zu. Bei einem Treffen später reden sie anders als bei der Show mit dem Minister: Gerade erst sei in Hargeisas Jama Wain Moschee gegen die Christen gehetzt worden. Etliche Vorbeter würden zwischen Koranversen lobende Sätze über Bin Laden und die al-Qaida-Kämpfer murmeln.

Und zwei Tage nach dem Terroranschlag auf New York und Washington, so berichten die Scheichs, hätten sich in Hargeisa Islamisten aus ganz Somalia, Dschibuti, Kenia und dem Jemen getroffen. "Die Regierung verdrängt eine schlimme Gefahr", warnt einer der drei.

Egal ist vor allem damit beschäftigt, die internationale Isolation zu überwinden. Grund zum Feiern gab es im Frühjahr: Ethiopian Airlines nahm Flüge nach Somaliland auf und verkehrt nun dreimal wöchentlich zwischen Addis Abeba und Hargeisa. Die Äthiopier fördern Separatlösungen im Nachbarland. Denn Addis Abeba fürchtet seit jeher ein Groß-Somalia, weil das stets die von Somaliern besiedelten Gebiete Äthiopiens mit einschloss.

Über Addis Abeba wurden auch Kontakte zu Israel geknüpft. Geschäftsleute von dort sind in diesem Jahr mehrmals in Hargeisas Maan-Soor-Hotel abgestiegen und haben sogar Minister getroffen. Beim ersten Besuch hatten sich die Gäste noch als "Österreicher" eingetragen. Später kamen sie als Israelis. Inzwischen sollen politische Kontakte sondiert werden.

Nach dem Grundsatz "der Feind meiner Feinde ist mein Freund" sieht Somaliland in der Zusammenarbeit mit der westlichen Anti-Terror-Allianz die besten Chancen zu internationaler Anerkennung. Das an der Seeroute nach Asien gelegene Land verfügt mit dem im Kalten Krieg von den Sowjets errichteten Luft- und Seestützpunkt in Berbera über eine höchst attraktive Basis. Und natürlich erscheint Berbera in den Planspielen der Allianz, erst recht, seit im gegenüberliegenden Aden im Jemen das US-Kriegsschiff "Cole" im Oktober 2000 Ziel eines Terrorangriffs wurde.

Präsident Egal genießt, dass Berbera im Gespräch ist, auch wenn noch keine Regierung mit ihm über das Thema verhandelt hat. Und für seine Untertanen steht längst fest, dass die Amerikaner und die Deutschen kommen werden. Geschäftsleute und sogar Regierungsmitglieder bedrängen einen Landsmann mit guten Beziehungen nach Berlin: Er soll ihnen helfen, für die Bundesmarine Verträge über die Lieferung von Frischwasser, Obst und Gemüse abzuschließen. "Die Leute sind richtig euphorisch", sagt der Somalier.

Das Maan-Soor-Hotel gilt als potenzielle Absteige für Vorkommandos aus Amerika oder Europa. Mit einer Truppe von vier in Somaliland arbeitenden Experten schaute kürzlich Lutz Kosewsky herein. Der junge Minensucher von der Stiftung St. Barbara in Bonn trug eine Khakijacke mit einer kleinen schwarzrotgoldenen Flagge am Ärmel. Gut möglich, dass ihn somalische Gäste für einen Militär hielten und Gerüchte von der Ankunft deutscher Soldaten weiter befeuerten.

HANS HIELSCHER