Al Gore: Der Schattenmann - DER SPIEGEL
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Al Gore Der Schattenmann

Nach dem schillernden Darsteller Bill Clinton soll ein anderer Charakter den Demokraten das Weiße Haus erhalten. Al Gore, das Superhirn: kompetent, zuverlässig - aber auch langweilig.
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Hamburg - Exakt 3,853 Sekunden am 17. August 2000 in Los Angeles brachten Al Gore, 52, wieder in das Rennen um die US-Präsidentschaft zurück. Denn in dieser Zeitspanne schaffte es der Vizepräsident durch eine einzige Handlung mehr Aufsehen zu erregen als in seinem ganzen politischen Leben zuvor. Dabei machte der Kandidat der Demokraten nur etwas, was Millionen Ehemänner tun: Er nahm seine Frau in den Arm und küsste sie.

Der Kuss von Gore und seiner Frau Tipper, 52, war aber live im Fernsehen zu sehen, und ganz Amerika durfte während des Parteitages der Demokraten zuschauen. Die "New York Times" fragte anschließend, ob "die beiden kein Schlafzimmer" hätten. Gore war endlich das Image des hölzernen Langweilers los, das ihm und seinen Beratern arg zu schaffen gemacht hatte. Im Kampf gegen den republikanischen Rivalen George W. Bush machte er seitdem seinen Rückstand in der Popularitätsskala wett.

Korrespondent in Vietnam

So viel spontane Emotionalität passt eigentlich nicht zu Gore. Schon als Kind drillte man ihn, Sohn eines langjährigen Senators in Tennessee, damit er eine große Politikerkarriere starten kann. Der in Washington geborene Gore wurde auf die besten Schulen geschickt. Gefühle standen da eher weniger auf dem Stundenplan. Der junge Al entwickelte sich stattdessen zu dem Musterschüler, der er bis heute geblieben ist.

Nach seiner Rückkehr aus dem Vietnamkrieg, wo er als Heeres-Korrespondent im Einsatz war, und dem Jura-Studium ging es Schlag auf Schlag: Schon im Alter von 28 Jahren schaffte er als Vertreter Tennessees den Sprung ins Washingtoner Repräsentantenhaus, acht Jahre später wechselte er in den Senat. Der ehemalige Musterschüler überzeugte durch seine Kompetenz in der Gesundheitspolitik und bei Abrüstungsfragen. Und Gore war der erste amerikanische Politiker, der wegen der weltweiten Zerstörung der Umwelt Alarm schlug. Sein Buch "Earth in the Balance" sorgte für Aufsehen und wurde zum ökologischen Besteller. Einige sahen in Al Gore ein Superhirn, andere einen Sonderling.

"Gore, the bore"

Nur in einem waren sich alle einig: Charisma hat er nicht. Damit ist aber der wichtigste Mann ausgestattet, der Gores Lebensweg kreuzte: Bill Clinton. Das politische Naturtalent aus Arkansas suchte ihn bei seinem Kampf ums Weiße Haus als Kandidat für das Vizepräsidenten-Amt aus. Am 3. November 1992 war Clinton am Ziel - und mit ihm Al Gore, der selbst im Jahre 1988 als Präsidentschaftskandidat schon früh gescheitert war. Clinton nannte ihn einmal den "wirkungsvollsten Vizepräsidenten in der Geschichte": Denn Gore sitzt mit am Kabinettstisch, ist im Nationalen Sicherheitsrat, kümmerte sich um Reformvorhaben und um das Verhältnis zu Russland.

Sein großen Makel machte ihm aber weiter zu schaffen. Spötter nennen ihn "Gore, the bore" - "Gore, der Langweiler." Er wirkt immer steif, seine Mimik ist nur wenig eindrucksvoll. Beim Versuch, Clinton vergessen zu machen und selbst interessanter zu erscheinen, verließ er im Wahlkampf sogar den Weg der Aufrichtigkeit und Wahrhaftigkeit: Er lobte sich, "an der Erschaffung des Internets" beteiligt gewesen zu sein. Oder er behauptete bei anderer Gelegenheit, der Schriftsteller Erich Segal habe für seinen Liebesroman "Love Story" ihn und seine Frau Tipper in ihrer Studentenzeit als Vorlage genommen. Dabei soll Segal die beiden kaum gekannt haben.

Nach Clintons Lewinsky-Affäre war Gore darauf bedacht, beim Wähler keinen Zweifel an seiner eigenen Zuverlässigkeit aufkommen zu lassen. Seit 1970 ist er mit Tipper (ihr richtiger Name ist Mary Elizabeth) verheiratet, beide haben vier Kinder. In Los Angeles beim Parteitag wagte er deshalb sogar einen kleinen Seitenhieb auf Clinton: "Ich mag nicht der aufregendste Politiker sein", sagt er zu den Parteifreunden. "Doch ich werde Sie nie im Stich lassen." Und von seinem Stellvertreter Joseph Lieberman lässt Gore sich loben, nie vom rechten Weg abgekommen zu sein: "Nicht als Vater, nicht als Ehemann, nicht als Diener des Allmächtigen." Zumindest da gelang es ihm, aus dem Schatten seines schillernden Gefährten zu treten.

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