Amerika-Debatte "Love is a Battlefield"
Rio de Janeiro - Mein Freund Henryk Broder marschiert die Reihen ab. Er traut weder den "Bild"-Bannern, die die unverbrüchliche deutsche Treue zu Amerika versichern, noch den Bildern der Hunderttausenden, die vor amerikanischen Konsulaten defilieren und Blumen ablegen und sich in Kondolenzbücher eintragen. Er wittert antiamerikanischen Verrat. Und klar, er findet die Verdächtigen. Es sind die üblichen - ein paar bedenkliche Stimmen in Mitternachts-Talkshows.
Henryk, Du weißt, wie sehr ich Deinen Mut zu radikalen Fashion-Statements (rote Stiefeletten!) bewundere und Deine Fähigkeit, mit zwei Sätzen ein großes Publikum auf die Palme zu bringen. Im Moment allerdings sind es nur die Stiefeletten, denn Dein Kommentar gestern auf SPIEGEL ONLINE war Bullshit.
Zunächst einmal ist es durchaus nicht antiamerikanisch, sondern vernünftig zu fragen, wie man einem Gegner mit dem Tod drohen will, der vor dem Sterben keine Angst hat.
Klugheit und Präzision
Wenn die Amis mit dieser Taktik genauso viel Erfolg haben wie Ariel Scharon, dann Gute Nacht. Nein, Angst hat bei so was nicht der Terrorist, sondern nur die Zivilbevölkerung, und jeder, der noch alle Tassen im Schrank hat, wünscht sich da größere operative Klugheit und militärische Präzision.
Antiamerikanisch, dieses Bedenken? Wohl kaum. Zumal es im Weißen Haus einen Präsidenten gibt, der Mühe hat Afghanistan zu buchstabieren, dessen Regierung aber fest entschlossen ist, jene "Staaten zu beenden", die Terroristen schützen und füttern. Man sollte ihm Zeit verordnen, ihm und der ganzen amerikanischen Nation. Da ist der Schock und die Trauer.
Und da ist vor allem die gewaltige narzisstische Kränkung: Ein paar Typen aus Ländern, von denen amerikanische Quizshows bis dahin nur wussten, dass sie von halbnackten Affen ohne Peanut-Butter bevölkert werden, kapern sich vier Flugzeuge und kastrieren die Finanz-Phalli New Yorks zur besten Sendezeit. Sowie das Pentagon, das gerade mit dem Entwerfen von Satellitenschilden beschäftigt war, um dem Rest der Menschheit den großen Stinkefinger zu zeigen.
Nichts gegen Terroristen
Amerika ist verwundbar! Es ist wie der Rest der Welt! Willkommen in der Realität! Zum Zweiten: Nun sollen alle Unterstützer-Länder des Terrorismus unter Beschuss. Aber Osama Bin Laden ist ein amerikanisches Produkt! Es hat ihn ausgebildet und finanziert und müsste ganz oben auf der eigenen Liste stehen. Da muss man doch, jetzt als Bush-Freund, sagen: Don't take him too seriously, er meint es nicht so, er macht sich Mut und vor allem Gedanken über die Ratings.
Amerika hatte, wie wir wissen, in der Vergangenheit überhaupt nichts gegen Terroristen, solange sie den eigenen Interessen dienten, und da gab es nie viel Federlesen mit zivilen Opfern. Das gilt besonders hier im Hinterhof Südamerika, wo es wenige Russen, aber wichtige Märkte gab, und wo die USA die Killer des "Plano Condor" genauso unterstützten wie später die Contras, und ihre Opfer (300.000) waren CNN keine Sondersendungen wert.
Amerika hat uns die Care-Pakete gebracht, und es ist schön, noch heute dankbar dafür sein. Allerdings haben sich die USA seitdem ein erhebliches politisches Vorstrafenregister zugelegt, das man sich genau anschauen sollte, bevor man mit ihnen ins Zeltlager geht.
Ist es antiamerikanisch, das zu erwähnen? Dann ist Joyce Horman aus New York antiamerikanisch. Ihr Mann war im Pinochet-Putsch 1973 erschossen worden. Den US-Behörden vor Ort galt er als windige Hippie-Type, ja, als "unamerikanisch", und er hatte das Pech, zu viel von der US-Beteiligung am Putsch zu wissen.
Ich traf Joyce kurz vor der Terror-Attacke in New York, jetzt schrieb sie mir eine E-Mail. Sie erinnert sich, wie chilenische Frauen, ähnlich wie jetzt die Trauernden am Union Square, damals mit Plakaten vor dem Moneda-Palast auftauchten, um nach Verschwundenen zu suchen. Ihr Brief endet mit einem Appell. "Bitte Amerika, gib nicht wieder jenen diese unendliche Macht, die sie bereits vor 30 Jahren so schrecklich missbrauchten". Da hatte sie gerade Kissinger auf CNN gesehen, der Ratschläge zum bevorstehenden Waffengang gab.
Das ideologischste Volk nach den Taliban
Zum Dritten die Rhetorik. Der "Kampf des Guten gegen das Böse"? Die Amerikaner sind neben den Taliban das wohl ideologischste Volk auf Erden, beide lieben diese manichäischen Alternativen, nur dass Letztere nicht so viel reden, weil sie die Dynamitstange zwischen den Zähnen haben.
Wenn es einen -Ismus bei uns Deutschen gibt, dann ist es der Philo-Amerikanismus. Auch mir - und vielen meiner amerikanischen Freunde - wird langsam übel von diesem bigotten Sternenbanner-Geknatter. Wieso eigentlich ist der Anschlag auf Amerika ein Anschlag gegen die ganze Menschheit, während der Anschlag auf, sagen wir, die Air India vor 15 Jahren mit 329 Toten nur ein tragisches Unglück war, das bereits nach zwei Tagen aus den US-News-Shows verschwand?
Dann der - jeder würgt zur Zeit dieses blödsinnigste aller Klischees heraus - "American Spirit", der dem Terrorismus trotze und den Wiederaufbau betreibe. Was ist daran amerikanisch? Ich würde sagen, es ist menschlich. Die deutschen Trümmerfrauen haben wieder aufgebaut, auch die vietnamesischen Reisbauern, und auch Israels Kibbuzim haben dem Wüstenboden erstaunliches abgetrotzt, und eine mutige Feuerwehr gibt es auch in Bochum.
Das Volk der Schulterklopfer
Was amerikanisch ist, ist die narzisstische Ausdauer, mit der sich diese Nation selber auf die Schultern klopfen kann - das habe ich in meinen friedlichen New Yorker Jahren immer gleichzeitig genossen und belächelt. Es waren übrigens die Jahre, als amerikanische Autobauer japanische Autos demoliert haben, weil die besser waren und sich daher besser verkauften.
Ganz besonders amerikanisch ist das religiöse Selbstverständnis, das auserwählte Volk zu sein - und Du weißt, Henryk, wie sehr so was Nachbarn auf den Keks gehen kann.
Wenden wir uns jetzt den zwei, drei verbliebenen Anti-Amerikanisten in Deutschland zu, die Du beim nächtlichen Channel-Surfen erwischt hast. Von Lisa Fitz wusste ich bisher nicht, dass sie die Debattenhoheit an sich gerissen hat, aber meiner Ansicht nach qualifiziert die Klage darüber, dass man in New York schlecht bedient wurde, nicht zur antiamerikanischen Meinungsführerschaft.
Und Gregor Gysi. Mein Gott, Henryk, wir wissen doch beide, dass Gysi selbst die richtigsten Sachen in hinterhältiger Absicht sagt.
Ich bin wie Du und 99,9 Prozent der Deutschen der Meinung, dass die Terroristen aus dem Verkehr gezogen werden müssen. Die Frage ist, wie? Nicht die schlechteste Taktik ist, sie zunächst zu isolieren. Da ist Entwicklungshilfe für die Ausgepowerten, also Bestechung, ganz bestimmt nicht abwegig. Das Leben hier muss sich für sie lohnen, sonst sind es bald einige mehr, die sich mit einer flammenden Apotheose ins nächste begeben.
"Walk like an Egyptian" hat ausgespielt
Nein, antiamerikanisch sind all die Bedenken nicht. Ich wäre ja schön blöde. Ich liebe dieses Land, mein Sohn ist in New York zur Welt gekommen, er ist Amerikaner. Irgendwann wird er dort vielleicht studieren wollen.
Und da, Henryk, wäre es doch schön, wenn man den USA hilft, dass sie bis dahin keine allzu großen Fehler machen. Jetzt mal unter uns Amerikafreunden.
Die ersten werden übrigens begangen. Clear Channel Communications, die über tausend Radiostationen verfügen, hat eine Reihe von Songs aus dem Verkehr gezgen. Nicht mehr gespielt werden darf u.a. "Walk Like An Egyptian" von den Bangles, Elvis' "(You're) the Devil in Disguise", Pat Benatar's "Love Is A Battlefield" und Jerry Lee Lewis' "Great Balls Of Fire".
Ach ja, und die Pazifistenhymne "Imagine" von John Lennon.
Matthias Matussek ist SPIEGEL-Korrespondent in Rio de Janeiro