Amerika wählt: "Apokalypse jetzt?" - DER SPIEGEL
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Amerika wählt "Apokalypse jetzt?"

Ab heute Morgen - Ortszeit - sind rund 200 Millionen US-Bürger aufgerufen, einen neuen Präsidenten zu wählen. Der wichtigste Einfluss auf das Ergebnis: Wem gelingt es, die eigene Parteibasis zu mobilisieren?
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Washington - Es war ein verrücktes Finale nach einem Wahlkampf von mehr als 18 Monaten: George W. Bush flog gestern Nacht nach Austin, Texas, heim und ließ sich schon beinahe als Sieger feiern - Vizepräsident Al Gore erreichte nach einem 30-stündigen Endspurt durch vier US-Bundesstaaten in den frühen Morgenstunden Tennessee.

Der Abschluss der Wahlschlacht begann ohne Glamour: Um halb sechs morgens, es war noch nicht einmal hell, stand Vizepräsident Al Gore im blauen Anzug, weißen Hemd und roter Krawatte im kalten Nieselregen und drückte schwielige Arbeiterhände.

"Ich brauche Ihre Stimme", sagte der Demokrat zu den Kollegen, die in Jeans und Jacken, die Verpflegungsbox unter dem Arm, sich vor dem Eingang zur John-Deere-Traktorenfabrik in Waterloo, Iowa, drängten. Und nannte artig seinen Namen: "Al Gore."

Das Werben um die Gewerkschafter gehörte zur letzten Anstrengung, die eigene Parteibasis zu mobilisieren und vielleicht auch noch bei ein paar unentschiedenen Wählern Sympathien zu sammeln.

Bush, der beinahe schon in der siegessicheren Pose des künftigen Präsidenten in Austin eintraf, war zuvor in Gores Heimatstaat unterwegs und köderte dort mit seinen Steuerplänen sozial konservative Demokraten und unabhängige Wähler. "Mein Gegner könnte vielleicht in der Hauptstadt Washington gewinnen", höhnte Bush, "aber wir siegen in Tennessee."

Während der Texaner zugleich das Ende von "Animosität und Kontroversen" versprach, warnte Gore vor einer Herrschaft dogmatischer Hardliner, sollten die Republikaner am heutigen Dienstag das Rennen machen. "Wir stehen am Scheideweg", meinte Gore, "wollen wir den Wohlstand weiterführen oder zurück in die Zeit der Defizite?"

Am Tag zuvor hatte der Vize bei einem "Gebetsfrühstück" in Memphis, Tennessee, die Entscheidung um den Einzug ins Weiße Haus beinahe zur Apokalypse erhoben: "Die letztendliche Entscheidung für diese Wahl ist der Sieg des Guten über das Böse", erklärte er vor einem durchweg schwarzen Publikum.

"Als Ausdruck von Panik" wertete das Bush-Lager die Ausfälle Gores. "Der Vizepräsident beendet dieses Rennen in einem beißenden, bitteren Ton", so dessen Sprecher Ari Fleischer, "Gouverneur Bush beschließt es, indem er die Menschen zueinander bringt."

Wie das Rennen ausgeht, ist auch heute, nach 18 Monaten, nicht absehbar. Um bei dem indirekten US-Wahlmodus als Präsident abzuschneiden, brauchen die Kandidaten mindestens 270 Voten: Die Stimmenzahl variiert nach der Bevölkerungsgröße der US-Bundesstaaten von einem knappen halben Dutzend bis zum Spitzenreiter mit 54 Voten - Kalifornien.

Umgerechnet auf diese so genannten Wahlmännerstimmen hat George W. Bush nach den jüngsten Umfragen die Nase vorn - noch. Am späten Montagabend sah zumindest ein renommiertes Institut Al Gore sogar in Führung.

Für ein Rennen ohne klaren Favoriten wird die Wahlbeteiligung letztlich entscheidend sein. Verwöhnt von Wohlstand und Frieden, ist vielen Amerikanern offenbar egal, welcher der beiden Kandidaten die Supermacht zu Beginn des neuen Jahrtausends führen wird: Weniger als 50 Prozent der 200 Millionen Wahlberechtigten dürften heute ihre Stimme abgeben - ein Armutszeugnis für die Musterdemokratie.

So mobilisierten die Demokraten am Ende des Wettlaufes ihren stärksten Mann - Bill Clinton. Nach Wahlkampfauftritten in New York, wo Ehefrau Hillary sich Hoffnung auf einen Senatorenposten macht, kehrte der US-Präsident in seinen Heimatstaat Arkansas zurück.

In Pine Bluff zeigte sich Bill Clinton in seiner besten Rolle - als mit allen Wassern gewaschener Politiker. "Unser Land ist besser, sauberer und sicherer", resümierte der Präsident seine achtjährige Amtszeit und erinnerte die Zuhörer an Erfolge wie mehr Lehrer, mehr Schulen, mehr Polizisten.

"Jeder von euch hat Dutzende von Freunden, die noch nie zu einer politischen Veranstaltung gekommen sind", meinte Clinton. "Die sitzen jetzt am Sonntagnachmittag zu Hause auf dem Sofa und schauen Football. Versprecht mir, drei von euren Freunden anzurufen und erklärt ihnen, warum sie demokratisch wählen sollen."

Und dann gab der Präsident noch schnell die passenden Argumente vor: "Das ist die wirklich wichtige Wahl: Wollen wir Fortschritt oder Rückschritt? Wollen wir weiterschreiten, zusammen und geeint in unserem Land?"

Clinton wäre nicht Clinton, hätte er für seine Zuhörer nicht auch die Antwort parat gehabt: "Wenn Gore und sein Mitstreiter Joe Lieberman gewinnen, habt ihr und eure Kinder eine bessere Zukunft."