Analyse: Bin Ladens lange Leine - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Analyse Bin Ladens lange Leine

18 Tote, 62 Verletzte: Die Bombenserie von Dahab ist der dritte Anschlag auf dem Sinai binnen 18 Monaten. Noch gibt es kein Bekennerschreiben, aber das Attentat trägt die Qaida-Handschrift - gleich, ob der Auftrag für den Massenmord direkt von Terrochef Bin Laden kam oder nicht.
Von Yassin Musharbash
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Berlin - Bis Dienstagmittag hat sich niemand zu der Bombenserie bekannt, die gestern Abend das mit ägyptischen und ausländischen Urlaubern gut besuchte Tauch- und Badeparadies Dahab erschütterte. Aber die Signatur des Terroranschlags ist unverkennbar: drei fast parallele Sprengsätze, vermutlich mindestens zwei Selbstmordattentäter. Schon das deutet eindeutig auf das Werk islamistischer Terroristen.

Darüber hinaus natürlich das Ziel selbst, denn der Anschlag von Dahab war der dritte innerhalb von 18 Monaten, der auf der Sinai-Halbinsel ausgeführt wurde. 2004 traf es Taba, 2005 Scharm el-Scheich. Seit den Achtzigern greifen islamistische Terroristen immer wieder gezielt Touristenhochburgen an. Mit dieser perfiden Taktik verfolgen sie mehrere Ziele zugleich: Sie schädigen die Wirtschaft ihrer Heimatstaaten. Sie delegitimieren deren Herrscher, die sie für unislamisch halten. Und sie töten Westler, die sie aus der islamischen Welt fernhalten wollen. Im Falle der Anschläge auf dem Sinai kommt sogar noch eine vierte Dimension hinzu: Die ägyptische Küste des Roten Meeres ist beliebtes Ziel israelischer Touristen.

Doch wer genau führte die Anschläge von Dahab aus? Waren es Schergen Osama Bin Ladens? Eine lokale Islamistengruppe? Palästinensische oder saudi-arabische Dschihadisten, die ausnutzten, dass der Sinai nur schlecht abzuriegeln ist? Oder gar Attentäter, die der irakische Qaida-Statthalter Abu Mussab al-Sarkawi entsandte? Keine dieser Möglichkeiten kann schon jetzt ausgeschlossen werden. Und selbst wenn es ein Bekennerschreiben gibt, muss nicht alles klar sein. Denn bei den letzten Anschlägen auf dem Sinai bekannten sich jeweils mehrere Gruppen, deren Namen zuvor allesamt unbekannt waren. Restlos aufgeklärt sind die Terrorangriffe von Taba und Scharm el-Sheich immer noch nicht.

Ägyptische Anti-Terror-Politik hat versagt

Am Dienstagmittag meldeten die Agenturen zwar, acht Männer seien beim Versuch, Dahab zu verlassen, verhaftet worden. Doch auch das muss nichts heißen. Denn ganz gleich, wer die Drahtzieher waren: dass sie lokale Helfer hatten, die ihnen beim Schmuggeln vom Sprengstoff und ähnlichem zur Hand gingen, ist so gut wie sicher. So war es auch früher. Viele Sinai-Ägypter sind keine Freunde ihrer Regierung: Die Beduinen fühlen sich vernachlässigt und an den Rand gedrängt. Und etliche palästinensischstämmige Sinai-Bewohner teilen mit den Dschihadisten den Hass auf Israel. Nach den letzten Anschlägen sperrten die ägyptischen Behörden Hunderte, vielleicht gar Tausende "Verdächtige" ein - das hat das Klima nicht verbessert.

Der gestrige Anschlag dokumentiert so auch das Versagen der ägyptischen Anti-Terror-Politik. Die repressiven Methoden funktionieren nicht, weil sie das dschihadistische Gedankengut nicht einhegen helfen. Wenn aber nicht einmal der Polizeistaat Ägypten eine solche Terrorserie stoppen kann, welches arabische Urlaubsland dann? Die Bomben von Dahab zeigen, dass al-Qaida & Co. keineswegs besiegt sind.

Das Terrornetzwerk ist heute nicht mehr dieselbe Organisation wie am 11. September 2001. Es hat sich gewandelt, dazu gelernt. Es ist vor allem offener geworden: Wer einen Anschlag im Namen von al-Qaida ausüben will, wird dazu ermuntert. Er muss zuvor nicht mehr in einem afghanischen Ausbildungscamp gewesen sein. Wenn die Attentäter von Dahab behaupten, es sei ein Anschlag der Qaida gewesen, dann war es so. So funktioniert der internationale Dschihadismus heute. Bin Ladens langer Arm ist zu einer langen ideologischen Leine geworden. "Führt Osamas Mission selbst aus!", forderte erst gestern im Internet eine Qaida-nahe Freiwilligen-Organisation.

Al-Qaida, eine Idee

Diese Weiterentwicklung al-Qaidas führt dazu, dass es immer öfter Terroranschläge gibt, bei denen unklar bleibt, ob noch eine Verbindung zum Hindukusch besteht oder nicht. Das beste Beispiel sind die U-Bahn-Bomben von London im Juli 2005: Zwar übernahm Aiman al-Sawahiri, al-Qaidas Nummer zwei, die Verantwortung. Aber britische Ermittler sind überzeugt, die vier Selbstmordattentäter hatten nie etwas mit Qaida-Kadern zu tun.

Al-Qaida, sagt angesichts dessen etwa der jordanische Terrorexperte Fuad Hussein, sei heute "eine Idee, keine Organisation mehr". Sie ist ein Synonym für den internationalen Dschihadismus, der Angriffe auf den "nahen" und den "fernen" Feind zugleich ausführen will, also auf die angeblich unislamischen Staaten und die USA beziehungsweise den Westen. Im Falle der Bomben von Dahab ist interessant, dass es erst kürzlich neue Tonbänder von Osama Bin Laden und Aiman al-Sawahiri gab - doch keiner von beiden Ägypten auch nur erwähnte. Das ist eher ein Indiz dafür, dass die Drahtzieher keinen konkreten Auftrag  ausführten.

Innerhalb dieses Gefüges der neuen al-Qaida haben einige Top-Terroristen wie Abu Mussab al-Sarkawi besondere Prioritäten entwickelt. Der irakische Qaida-Staathalter will das Land in den Bürgerkrieg stürzen, hat aber auch schon in Jordanien zugeschlagen, weil er sich zum Regional-Fürsten hocharbeiten will. Schon deshalb ist nicht ausgeschlossen, dass der Sinai für ihn ein Ziel ist. Die saudischen Qaida-Kämpfer wiederum könnten es einfacher gefunden haben, in Ägypten als in ihrem Heimatland zuzuschlagen. Und auch militante ägyptische Gruppen gab und gibt es, die zum Teil in al-Qaida aufgegangen sind, zum Teil selbständig blieben, aber eine ähnliche Ideologie verfolgen. Letztlich ist unerheblich, wer gebombt hat, wenn alle ähnliche Ziele verfolgen.

Man wird sich an solcherlei Unklarheiten gewöhnen müssen. Al-Qaida ist heute diffuser und schwieriger zu verstehen als noch vor wenigen Jahren. Auch wenn weite Teile der Führungsriege von 2001 außer Gefecht gesetzt werden konnten, ist der Kampf gegen den Terrorismus noch lange nicht gewonnen.