Analyse Bush muss Stärke zeigen
Washington - Die Anschläge trafen die USA offenbar vollkommen unvorbereitet. US-Geheimdienste und die Luftüberwachung über dem Verteidigungsministerium haben versagt. Die Flugsicherung der Flughäfen wurde von den Tätern umgangen. Ihre Hintermänner zu finden und zu bestrafen - das sind die Herausforderungen, denen sich der Präsident nun stellen muss. Bush, seit Februar im Amt, steht vor einem Wendepunkt seiner Präsidentschaft. Nun muss er beweisen, dass er eine solche Krise meistern kann.
Die Anschläge auf das World Trade Center und Teile des Verteidigungsministerium versetzten die gesamte USA in einen Schockzustand. Im ganzen Land fragten sich die Bürger: "Wie konnte das in Amerika passieren?"
Die Überschrift der ersten Stellungnahme des Präsidialamtes nach den Anschlägen war erstaunlich schlicht. "Bemerkungen des Präsidenten, nachdem zwei Flugzeuge in das World Trade Center gestürzt sind", lautete sie. Am Abend hielt Bush dann in nüchternem, aber entschlossenen Tonfall eine Rede an die Nation. Der Anschlag habe den höchsten Werten des Landes, der Freiheit selbst gegolten, sagte er. Aber Amerika werde sich nicht von seinem Weg abbringen lassen.
Nach diesem Tag klingen der aktuelle politische Streit in Washington über die schwächelnde Wirtschaft und den gesunkenen Haushaltsüberschuss wie ein Märchen aus einer verlorenen Zeit. Harmlos hatte Bushs Tag begonnen. Am Morgen joggte er auf einem Golfplatz. Danach stand der Besuch einer Grundschule und Gespräche über Bildung auf seinem Programm.
Bei Krisen halten USA zusammen
Nachdem er von den Anschlägen erfahren hatte, flog Bush sofort zu einem Luftwaffenstützpunkt nach Louisiana und anschließend zu einer anderen Militär-Basis nach Nebraska, denn eine direkte Rückkehr nach Washington galt als nicht sicher. Als er vor die Journalisten trat, wirkte der Präsident erschüttert. "Die Entschlossenheit unserer großen Nation steht auf dem Prüfstand", sagte er auf dem Luftwaffenstützpunkt Barksdale. "Aber täuscht euch nicht: Wir werden der Welt zeigen, dass wir diesen Test bestehen werden".
In Krisenzeiten zeigen sich die Amerikaner für gewöhnlich solidarisch mit ihrem Präsidenten. So wie es auch bei Bushs Vater gewesen war, als dieser in seiner Amtszeit als Präsident im Golf-Krieg die irakische Invasion in Kuwait zurückschlagen ließ.
Bush vom Wahlmakel belastet
Doch im Fall seines Sohnes liegt die Sache etwas anders. Bush trägt die Bürde, dass er nicht mit einer deutlichen Unterstützung der Wähler im vergangenen Jahr ins Amt gewählt worden war. Erst ein umstrittenes Gerichtsurteil über die Stimmenauszählung im Bundesstaat Florida brachte dem Republikaner den Wahlsieg über seinen demokratischen Kontrahenten Al Gore.
Nimmt man die jüngste US-Vergangenheit zum Vorbild, wird eine Antwort der USA auf die Anschläge nicht lange auf sich warten lassen und sobald, wie mögliche Ziele ausgemacht werden, auch realisiert werden. Nach den Anschlägen auf die US-Botschaften in Kenia und Tansania 1998 dauerte es nur wenige Tage, bis der damalige Präsident Bill Clinton Raketen auf mutmaßliche Terroristenlager in Afghanistan und eine vermutete Chemiewaffen-Fabrik im Sudan abfeuern ließ.
Trendwende in der Nahostpolitik?
Die Anschläge vom Dienstag könnten Bush aber auch dazu veranlassen, entgegen seiner bisherigen Politik die US-Bemühungen um eine Lösung des Nahost-Konflikts wieder in den Mittelpunkt seiner Politik zu rücken. Die Palästinenser hatten wiederholt die Zurückhaltung Bushs kritisiert und der US-Regierung vorgeworfen, sich einseitig auf die Seite Israels zu stellen. Zuletzt hatte es Spekulationen gegeben, dass Bush ein erstes Treffen mit Palästinenser-Präsident Jassir Arafat in New York Ende September geplant habe. Doch angesichts des in Trümmern liegenden Manhattan ist dies zweifelhaft.
Auf die Frage, ob Bush besorgt darüber sei, dass solch schwere Anschläge ohne Vorwarnung geschehen konnten, sagte Bushs Sprecher Ari Fleischer: "Alles zu seiner Zeit, zunächst gilt seine Sorge dem Wohl und der Sicherheit der amerikanischen Menschen und den Familien, die heute Angehörige verloren haben." Zu gegebener Zeit, werde man angemessen zurückblicken. "Seine (Bushs) Konzentration gilt den Ereignissen dieses Morgens."