Analyse: Good-bye Eta? - DER SPIEGEL
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Analyse Good-bye Eta?

Schon seit Wochen war in Spanien über ein größeres Attentat der baskischen Terrororganisation Eta spekuliert worden. Und das, obwohl viele - auch in der Regierung - glaubten, die Organisation sei geschwächt und gehe ihrem Ende entgegen. Ein fataler Irrtum, wie die fürchterliche Anschlagsserie in Madrid zu beweisen scheint.
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Berlin - In einigen Madrider Kinos hält er sich immer noch, jener deutsche Erfolgsfilm, in dem ein junger Mann für seine kranke Mutter die DDR im Ostberliner Schlafzimmer wieder aufleben lässt. "Good Bye Lenin!" ist so populär, dass sein Titel bereits Einzug erhalten hat in die spanische Polit-Sprache. So brachte "El Pais", eine der angesehensten linksliberalen Tageszeitungen des Landes, erst vor zwei Wochen einen Beitrag unter der Schlagzeile "Good-bye Eta!"

Der Autor, Juan Aranzadi, analysierte darin den Niedergang der baskischen Terrororganisation. Noch in den Siebzigern hatte die Eta zwischen 50 und 100 Menschen pro Jahr getötet, seitdem nähmen die Opferzahlen stetig ab; zunehmend mangele es der Organisation an Unterstützung im Volk.

Seit den Attentaten vom Donnerstag, die mit großer Wahrscheinlichkeit auf das Konto der Eta gehen, muss sich nicht nur Aranzadi fragen, ob seine optimistische Prognose über das Siechtum der Terrororganisation nicht voreilig gewesen ist. Selbst innerhalb der konservativen Regierung, die am Wochenende wieder gewählt werden dürfte, hatte sich die Einschätzung durchgesetzt, mit der Terrororganisation könnte es zu Ende gehen. Noch zu Beginn des Jahres zog der spanische Innenminister Angel Acebes eine vorsichtig-hoffungsvolle Bilanz: 187 mutmaßliche Eta-Mitglieder und Unterstützer seien festgenommen worden, die "endgültige Niederlage" der baskischen Terrororganisation sei möglich.

Im Jahr 2003 weniger Attentate

In der Tat konnte die Regierung unter dem scheidenden Premier José María Aznar, die den Fahndungsdruck auf die Eta in den vergangenen Monaten erheblich erhöht hatte, auf ein vergleichsweise positives Jahr zurückblicken. 2003 waren "nur" drei Menschen Opfer der Eta geworden - so wenige wie noch nie seit Beginn der Auseinandersetzungen vor rund 30 Jahren. Es war ein ständiger Abschwung in einem grausamen, zunehmend sinnlosen Kampf.

Millionen Spanier, der Terrorangriffe müde, sind in den vergangenen Jahren gegen die Eta auf die Straße gegangen. Ihre Kraft, zu morden und Angst zu verbreiten, schien nachzulassen. Noch 2000 waren 23 Menschen durch die Eta getötet worden, im Jahr darauf 15, im Jahr 2002 dann fünf.

Aznar hatte zudem versucht, die Anhänger der Eta in die Isolierung zu treiben. So wurde ihr der parlamentarische Arm durch das Verbot der ihr nahe stehenden Partei Herri Batasuna entzogen. Lange Zeit konnte sich die Regierung in dem Glauben wiegen, ihre Maßnahmen würden greifen und die Zermürbung der Eta fortsetzen.

Denn auch die Führungsstruktur der Terrorgruppe schien zunehmend geschwächt. Mitte Dezember glaubten die spanischen Behörden, nahe am Ziel zu sein. Im Südwesten Frankreichs, wo die Eta seit der Franco-Diktatur traditionell ihr Rückzugsgebiet hat, wurde mit dem erst 29-Jährigen Gorka Palacios einer der meistgesuchten Terroristen der Welt und drei seiner Komplizen verhaftet. Damit sei nur noch ein Führungsmitglied auf freiem Fuß, hieß es anschließend von offizieller spanischer Seite. Der Dezember brachte weitere Erfolge. Am Heiligen Abend wurden zwei mutmaßliche Eta-Mitglieder im Baskenland verhaftet. Sie sollen - eine nahe liegende Parallele zum heutigen Anschlag - ein Bombenattentat auf einen Bahnhof in Madrid geplant haben.

Die Terrorgruppe geriet selbst im Baskenland, wo sie noch immer auf eine ansehnliche Zahl von Unterstützern zählen kann, weiter an den Rand der Gesellschaft. Dafür sorgte nicht zuletzt die politische Wende der gemäßigten nationalistischen Kräfte. Seit dem Herbst streben diese eine teilweise Loslösung der autonomen Region von Spanien an.

Der Assoziierungs-Plan, benannt nach dem baskischen Ministerpräsidenten Ibarretexe, ist ein gefährliches Spiel, nährt er doch die ohnehin vorhandenen nationalistischen Ressentiments vieler Basken gegenüber den Spaniern. Zugleich ist der Plan ein Affront nicht nur für Aznar und seine PP, die den Zusammenhalt des spanischen Staates verteidigen, sondern auch für die Eta selbst. Nun sieht sich die Terrorgruppe mit einem demokratischen Konkurrenten konfrontiert, der eine ihrer Forderungen aufnimmt und damit attraktiv wird für gemäßigte Eta-Anhänger.

Geheimverhandlungen mit Links-Politiker

So leicht gab sich die Eta aber nicht geschlagen. Um ihre Position zu stärken, nutzte die Terrorgruppe den zunehmend grassierenden Regional-Nationalismus in Teilen Spaniens, um das Land zu spalten und die Madrider Zentralgewalt und ihren Hardliner-Kurs vorzuführen. So erklärte sie Mitte Februar in einem Video eine "Waffenruhe" für die autonome spanische Region Katalonien. Offensichtlich sollte damit bezweckt werden, Spanien in sichere und unsichere Regionen aufzuteilen. In dem Video, das dem baskischen Fernsehen zugespielt worden war, erklärte denn auch ein Eta-Vertreter, man wolle dazu beitragen, die "Bindungen zwischen den Völkern des Baskenlands und Kataloniens zu stärken".

Gut ein Monat zuvor war der Vizepremier der katalanischen Regierungskoalition aus Sozialisten, Linksnationalisten und Kommunisten, Josep Lluis Carod Rovira, von seinem Regierungschef entlassen worden, nachdem er sich in Frankreich zu Geheimverhandlungen mit der Eta getroffen hatte. Seit seinen Gesprächen steht Carod Rivera im Mittelpunkt öffentlicher Kritik von Seiten der konservativen PP und gilt in ihren Augen als eine Art Vaterlandsverräter. Er selbst bewertet sein Treffen als Versuch, die Gewalt zu beenden, und führt als Beispiel die erfolgreichen Verhandlungen in zwei anderen Krisen geschüttelten Regionen an: Nordirland und Korsika. Dort seien die gewalttätigen Gruppen inaktiv. "Ich wollte, dass mit der Eta dasselbe gelingt", so der Vorsitzende der linksrepublikanischen Partei ERC kürzlich in einem Interview in "El Pais".

Davon, so scheint es, ist Spanien nach den Attentaten vom Donnerstag entfernter denn je. Mehr als 180 Menschen fielen nach ersten Schätzungen den Bomben in und rund um Madrid zum Opfer, um die Tausend wurden verletzt. So viele wie noch nie bei einem einzelnen Eta-Anschlag. Und so zeigt sich wieder einmal, dass Wunsch und Realität zwei Dinge sind. "Good-bye Lenin" ist ein schöner Film, der in Spanien erfolgreich ist. "Good-bye Eta!" ist zu schön, um wahr zu sein.

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