Analyse: Präsident auf Vorrat - DER SPIEGEL
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Analyse Präsident auf Vorrat

Der Sieg von John Kerry in New Hampshire ist eine neue Niederlage für den flammenden Kriegsgegner Howard Dean und seine Graswurzel-Aktivisten. Die Demokraten entschieden sich für einen Präsidenten auf Vorrat. Unklar bleibt: Wollen die Wähler einen neuen Staatschef - oder ein neues Amerika?
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Als sich seine Niederlage in New Hampshire abzeichnete, stellte Howard Dean eine interessante Frage: Will Amerika einen neuen Präsidenten oder ein anderes Amerika? Darüber haben auch Sozialdemokraten in Europa in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder gerätselt und regelmäßig erhielten sie dieselbe Antwort: einen anderen Regierungschef ja, ein anderes Land nein.

Nach dem derzeitigen Stand der Dinge drängt es die Amerikaner weder danach, den Mann im Weißen Haus auszuwechseln, noch nach jenem gerechteren, schöneren Amerika, wie es Demokraten wie Dean oder die beiden Johns (Kerry und Edwards) in ihren Wahlreden malen. George W. Bush, der Kriegspräsident, hat zwar an Strahlkraft verloren, aber das ist noch nicht Grund genug, ihn auszutauschen.

Es ist aber für ihn umgekehrt auch kein Grund zu übermäßiger Zuversicht. Denn der Präsident ist seit geraumer Zeit kaum noch Herr des Geschehens, vor allem nicht im Irak, und das könnte ihn am 2. November durchaus verwundbar machen.

Die Demokraten, die erst in Iowa und gestern in New Hampshire ihre Wahl treffen durften, entschieden sich für einen Präsidenten auf Vorrat. John Kerry geht und steht und denkt und fühlt vermutlich auch wie der Präsident, der er schon ganz lange sein will. Er ist kein Phantast, er tut nur in seiner Wahlrede so, als könne er aus eigener Kraft den Amtsinhaber aus dem Weißen Haus vertreiben.

Er ist kein Charismatiker, er vermittelt jedoch geballte Kompetenz und jenen entschlossenen Pragmatismus, der aufs Publikum beruhigend wirkt. Kerry passt ins Weiße Haus. Deshalb hat er die Vorwahl in Neuengland gewonnen, während alle anderen Rivalen zu den Verlierern zählen.

Das Ergebnis von New Hampshire

Kandidat in %
Kerry 39
Dean 26
Clark 12
Edwards 12
Lieberman 9
Kucinich 2
Sharpton 0

Ironischerweise ist Kerry eigentlich das Produkt des rabiaten Außenseiters Howard Dean. Der kleine Doktor hat ihn, aber auch Edwards, dazu gezwungen, Farbe zu bekennen. Das tat beiden gut, da sie ziemlich lange ziemlich unschlüssig vor sich hingedümpelten. Dean hat aus ihnen bekennende Bush-Gegner gemacht.

Er genoss die lange Phase, in der er das Spiel beherrschte, und verspielte damit seine Chance. Denn er hat den rechtzeitigen Rollenwechsel vom wilden Außenseiter zum gediegenen Kandidaten verpasst. Er wird dennoch lange im Rennen bleiben, ganz einfach deshalb, weil er noch viele im Internet gesammelte Millionen verbraten kann. Aber seine schönste Zeit endete, als die Serie der Wahlen begann.

John Edwards, der Viertplazierte in New Hampshire, ist der beste Redner mit der besten "Stomp speech". Er ist der Wohlfühl-Kandidat, dessen strahlendes Lächeln sich in den beglückten Mienen seiner Anhänger widerspiegelt. Er erzählt wirkungsvoll im Stil der Südstaaten-Prediger von den zwei Amerikas - dem einen für die Reichen und dem anderen "für den Rest von uns". Er hat sich bisher klug aus allen Schlammschlachten herausgehalten. Das tut ein Kandidat immer dann, wenn er gefragt werden will, ob er Vizepräsident werden möchte. Der große Test steht Edwards, "dem Clinton mit Charakter", wie er jetzt treffend genannt wird, in einer Woche bevor, wenn unter anderen in South Carolina gewählt werden wird: Geht er dort nicht als Sieger hervor, ist es aus mit den Blütenträumen.

Wesley Clark, der General a. D., ist der zweite große Verlierer. Er gilt als Kandidat Bill Clintons, der noch immer die Seele der Partei und ihr Dirigent ist. Clark beging einen unverzeihlichen Fehler: Er trat schlaumeierisch in Iowa nicht an, weil er der Drachentöter danach in New Hampshire sein wollte.

Diese erhabene Spekulation ging nicht auf. Die schöne Aufgabe, Howard Dean den Schwung zu nehmen, haben Kerry und Edwards in Iowa erledigt. Damit war Clark seiner Funktion beraubt. Dass er Edwards am Ende vom dritten Platz verdrängte, ist nur ein schwacher Trost.

Noch in der vergangenen Nacht zog der große Wahltross der Demokraten weiter. Die beschaulichen Tage der Urdemokratie sind nun vorüber. In Iowa und New Hampshire konnte jeder demokratische Wähler, dem danach war, jeden Kandidaten persönlich beschauen. Am nächsten Dienstag kommen sieben Bundesstaaten dran.

Jetzt übernehmen andere Mächte den Wahlkampf: Strategen, die entscheiden, ob der Kandidat im Missouri, South Carolina oder Arizona das meiste Geld ausgeben soll; Berater, die TV-Schmähspots schalten; die "Rechercheure", die Schwachstellen, etwa in der Biographie John Kerrys, aufspüren. Auch deshalb sollten wir das kleine, feine, kalte New Hampshire in guter Erinnerung behalten.