Analyse Protestwahl gegen Blair
London - "Jeder Politiker hat sein Haltbarkeitsdatum", heißt es in den Gängen von Westminster am Tag nach dem Wahldesaster, "und das von Tony Blair ist deutlich überschritten."
Noch nie hatte eine Regierungspartei bei Kommunalwahlen schlechter abgeschnitten. Und das ist nicht etwa auf eine mangelnde Wahlbeteiligung zurückzuführen: Trotz der bisweilen chaotisch durchgeführten Briefwahl, in der sogar Betrugsvorwürfe laut wurden, wählten mit rund 40 Prozent der Bürger weit mehr als erwartet.
Es war eine Protestwahl. Sie wählten konservativ, sie wählten die Nationalisten und die Antieuropäer, sie wählten Grün - alles, nur nicht New Labour. Hochburgen wie Burnley gingen verloren, aber auch neu eroberte Trendgegenden wie Oxford mussten wieder abgegeben werden - hier erzielten die Grünen deutliche Gewinne.
Blairs Nimbus als Wahlgewinner ist dahin, und sein Siegerimage war sein größtes Kapital. Er hatte die Partei nach rechts gerückt, hatte ihr stumme Gefolgschaft abverlangt in essenziellen Entscheidungen - alles hatten die Hinterbänkler toleriert, solange er für Labour Wahlen gewann.
Blairs Strahlen verfängt nicht mehr
Das ist vorbei. Blairs Strahlen verfängt nicht mehr. Das Wunderkind ist grau geworden. All das hängt natürlich mit der verhängnisvollen Entscheidung zusammen, sein Land an den Rockzipfeln der neokonservativen White-House-Clique in den Irak-Krieg zu führen - eine Fehlentscheidung, findet der überwiegende Teil der Wähler.
Das Vertrauenskapital ist restlos aufgebraucht durch den missratenen Feldzug. Die Kriegsgründe - eine groß angelegte Manipulation. Der Feldzug - ein nicht endender Horror aus Bombenterror. Der moralische Vorschuss - korrumpiert durch die Folterfotos.
Trotzig und schon imponierend konsequent beharrt Blair auf der Richtigkeit seiner einsamen Entscheidung. Zumindest daraus, so der Flurfunk in Westminster, müsse sich Kapital schlagen lassen im Schwanengesang dieser politischen Karriere.
Das Szenario sieht so aus: Man hofft auf eine Stabilisierung im Irak und eine erfolgreiche, demokratische Wahl dort, im Januar. Das gäbe Blair die Möglichkeit, mit einer positiven Note zurückzutreten - er hat einen Krieg geführt, den er für richtig hielt, ist in seiner zunehmend unpopulären Entscheidung konsequent geblieben und hat letztendlich eine Art Erfolg erzielt. Der Kampf gegen den Terror ist zwar nicht vorangekommen, im Gegenteil. Aber man hat einen Diktator gestürzt, ein Land befreit.
Und so würde Blair, der Staatsmann, geachtet trotz aller Blessuren, abtreten und noch vor der nächsten Wahl Platz machen können für Gordon Brown, der jüngeren Umfragen zufolge zunehmend beliebter und wählbarer ist.
Das wäre das Friedensszenario. Das andere wäre der Putsch. "Es wäre schön", so ein Labour-Abgeordneter, "wenn sich der vermeiden ließe."