Angriff auf Kana Israel räumt Fehler ein
Tel Aviv - Die israelischen Streitkräfte haben bei der Bombardierung des Dorfes Kana einen Fehler eingestanden. Der Angriff auf Kana sei auf Grundlage der Information erfolgt, dass die radikal-islamische Hisbollah-Miliz in dem Ort Waffen verstecke und ihre Kämpfer in den Häusern Schutz suchten, heißt es in dem Untersuchungsbericht, den die israelische Armee am frühen Morgen vorlegte. Man habe nicht gewusst, dass sich Zivilpersonen in dem angegriffenen Gebäude befunden hätten. Das Bombardement, bei dem am vergangenen Sonntag Dutzende Menschen, darunter viele Kinder, ums Leben gekommen waren, hatte international Empörung ausgelöst.
Ob Informationen über Hisbollah-Verstecke auch speziell für das angegriffene Haus vorlagen, wird aus dem Bericht vorerst jedoch nicht deutlich. "Hätte den israelischen Streitkräften die Information vorgelegen, dass sich in dem Gebäude Zivilisten aufhalten, wäre der Angriff nicht erfolgt", schreibt die Armee in ihrer Erklärung. Zugleich wird darauf verwiesen, dass die Bevölkerung Kanas mehrfach zum Verlassen der Ortschaft aufgefordert worden war, so dass man davon habe ausgehen müssen, dass sich niemand mehr im Zielgebiet aufhielt.
In dem Untersuchungsbericht werfen die israelischen Streitkräfte aber auch der Hisbollah-Miliz vor, Zivilpersonen als Schutzschilde für ihre Raketenangriffe zu nutzen. Die Hisbollah nutze zivile Strukturen in Dörfern, um Waffen zu lagern, und sich nach Raketenangriffen zu verstecken, erklärten die israelischen Streitkräfte weiter. Von Kana und Umgebung aus seien seit Beginn der Kämpfe am 12. Juli mehr als 150 Raketen abgeschossen worden.
Der israelische Generalstabschef Dan Halutz, dem der Bericht in der Nacht übergeben wurde, ordnete eine Überprüfung der Kriterien für die Zielauswahl bei Angriffen auf Ortschaften im Südlibanon an.
Bei dem Angriff auf das dreigeschossige Wohnhaus in Kana waren nach offiziellen libanesischen Angaben 56 Zivilisten getötet worden. Dagegen teilte die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch gestern Abend mit, dass nach ihren Untersuchungen nur 28 Menschen den Tod gefunden hätten, unter ihnen 16 Kinder und Jugendliche. Allerdings seien immer noch 13 Menschen vermisst und Einwohner von Kana befürchteten, sie seien unter dem Schutt des Gebäudes begraben. Die Bergungsarbeiten sind inzwischen eingestellt.
Die Abweichungen bei den Opferzahlen ergeben sich der Organisation zufolge aus der irrigen Annahme, dass sich zum Zeitpunkt des Angriffs 63 Menschen in dem Gebäude befunden hätten. Tatsächlich sei es aber mindestens 22 Personen gelungen, das Haus noch vor dem Angriff zu verlassen. Die Menschenrechtsorganisation veröffentlichte eine Liste mit den 28 Namen der Toten, darunter 16 Kinder und Jugendliche. Das jüngste Opfer sei ein neun Monate altes Baby gewesen.
Human Rights Watch erklärte, ihre Mitarbeiter hätten in Kana am Tag nach dem Angriff weder in dem zerstörten Haus noch in dessen Nähe Überreste von militärischem Gerät entdeckt. "Die Toten in Kana waren ein vorhersehbares Resultat von Israels wahllosem Bombardement im Libanon", sagte Sarah Leah Whitson, Direktorin von Human Rights Watch in Nahost, "nur eine unabhängige internationale Untersuchung kann herausfinden, was wirklich geschehen ist."
phw/AP/dpa/Reuters