Anti-Haider-Demo Auf Widerstand!
Wien - Anfang Dezember des letzten Jahres hat in der Kärntner Straße, im absoluten Zentrum der Innenstadt, gegenüber der Oper und dem Hotel Sacher, der erste Starbucks Coffee Shop Österreichs aufgemacht, weitere Outlets des US-Kaffeerösters sollen folgen. Statt des kleinen und großen Braunen, der Melange und des Mokka gibt es Kaffee mit Vanille- und Haselnussgeschmack. Doch die Wiener nehmen es gelassen hin. Denn sie wissen: Nichts bleibt so, wie es ist.
Auch nicht in der Politik. Vor fast zwei Jahren wurde die neue Regierung aus ÖVP und FPÖ "angelobt", seit dem 24. Februar 2000 gehen jeden Donnerstag, je nach Wetter, einige hundert bis tausend Demonstranten auf die Straße, um kundzutun, "dass es nicht in Ordnung ist, wenn Rechtsextremisten in der Regierung sitzen", sagt Doron Rabonici, 41, "Schriftsteller und Demonstrant" und außerdem Sprecher der "Demokratischen Offensive", die im Herbst 1999 als Anti-Haider-Sammelbewegung gegründet wurde. "Wir haben eine Kultur des Aufbegehrens und des Protestes in einem Land eingeführt, in dem Maria Theresia den Karneval verboten hat."
Aber die Donnerstag-Demos werden nicht von der "Demokratischen Offensive" organisiert, sondern von dem "Aktionskomitee gegen Schwarz-Blau", das es eigentlich gar nicht gibt. Man trifft sich einfach jeden Donnerstag gegen 19 Uhr am Ballhausplatz, zwischen Kanzleramt und Präsidialamt, und geht los, auf einer Strecke, die weder angemeldet noch mit der Polizei abgesprochen wurde. "Es gibt ein Grundvertrauen zu den Leuten, die vorne gehen", sagt der "Pressesprecher" des Aktionskomitees, KurtO Wendt, 37, von Beruf Gastwirt und Pächter des "Dogma", eines Cafes "mit einem dezidiert linken Flair". Er spricht von einer "friedlichen Koexistenz mit der Polizei". Weil er praktisch das einzige Komiteemitglied ist, das die Polizei kennt, hat er im vergangenen Jahr 17 Anzeigen wegen Verletzung des Demonstrationsrechts bekommen. "Es hat bis jetzt aber noch kein Verfahren gegeben" versichert der linke Wirt. Auch dies eine österreichische Variante der friedlichen Koexistenz zwischen gesetzlicher Theorie und realer Praxis.
Gestern nun gab es die 100. Donnerstag-Demo und weil die runde Zahl gebührend gefeiert werden musste, nahmen über 4000 Regierungsgegner unter der Losung "Wir gehen so lange, bis Ihr geht!" an dem Aufmarsch teil. Man traf sich, wie immer, an der "Botschaft Besorgter Bürger", dem Hauptquartier einer weiteren Bürgerinitiative, die vor zwei Jahren eine Zelthütte am Ballhausplatz aufgestellt hatte.
Linda, 43, Angestellte in Wien, schmierte Liptauer-Brote und Schmalz-Stullen, die für einen Euro verkauft wurden. Michi, 24, "Zivildiener" (Ersatzdienstleistender) hatte sein Schild "Haider is Hitler" mitgebracht, das er schon bei der ersten Demo vor zwei Jahren mithatte. Er sei "aus moralischen Gründen" dabei und habe "nur sechs oder sieben Demos versäumt"; Wolfgang, 35, Programmierer, und Robert, 37, Mitarbeiter im Öffentlichen Dienst, spannten ein Transparent auf: "Unsere Dummheit heißt FPÖVP!", Carla, 68, Reiseleiterin, die nach Russland fährt, weil sie "das Land, die Leute und die Kultur" liebt, forderte auf einem Plakat Haider zum Rücktritt auf, obwohl der Kärntner Landeshauptmann kein Amt in der Bundesregierung hat und Doron Rabinovici gab, wie immer, Interviews, wobei er den kollektiven Willen zum Widerstand artikulierte.
"Die Zeit beginnt, uns Recht zu geben." Und dann ging's los. Vom Ballhausplatz durch den Volksgarten, über den Karl-Renner-Ring, am Parlament vorbei in Richtung Rathaus, über die Stadionsgasse und die Bartensteingasse in die Lichtenfelsgasse zur ÖVP-Zentrale, zurück zum Ring, vor dem Burgtheater rechts ab in die Löwelstraße zur SPÖ-Zentrale, dann am Cafe Landtmann vorbei über den Karl-Lueger-Ring und den Schottenring in die Hohenstaufengasse zum ÖGB, über den Börsenplatz zurück zum Ballhausplatz. So wurden alle relevanten Institutionen der Stadt tangiert. Am Ende sagten die Demonstranten nicht Servus und nicht Adieu, sondern: "Auf Widerstand!" und gingen friedlich heim.
Es war nicht nur die größte Demo, die Wien seit langem erlebt hatte, es war auch ein fröhlicher Umzug von Leuten, die genau wissen, dass sie die Regierung nicht stürzen können, aber ihren Untergang ein wenig beschleunigen möchten. "Es gibt Leute, die leben von Donnerstag zu Donnerstag", sagt Sibylle Summer, Sprecherin des "Republikanischen Clubs", der ebenfalls das "andere Österreich" vertritt. Nächste Woche wird man wieder demonstrieren, und in zwei Wochen, am 7. Februar, wird es eine Doppeldemo geben: gegen die Regierung und den Opernball. Denn auch der findet traditionell an einem Donnerstag statt.
Wer im Starbuck Coffee Shop einen Platz bekommt, wird dann den besten Blick auf das Geschehen haben.