Anti-Terror-Koalition: Die Risse werden immer größer - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Anti-Terror-Koalition Die Risse werden immer größer

US-Präsident Bush erntet mit der von ihm gegeißelten "Achse des Bösen" weltweit harsche Kritik. Der Iran fühlt sich zu Unrecht an den Pranger gestellt. Westliche Regierungen warnen eindringlich vor einem Angriff auf den Irak.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Washington - Nach den Drohungen der USA erklärte die irakische Regierung am Dienstag ihre Bereitschaft zur Wiederaufnahme des Dialogs mit den Vereinten Nationen. Das Angebot wurde nach Uno-Angaben vom Generalsekretär der Arabischen Liga, Amr Mussa, überbracht. Russland begrüßte die irakische Initiative.

Wie die Vereinten Nationen am Montag mitteilten, stellt Irak keinerlei Vorbedingungen für die Wiederaufnahme von Gesprächen. Ob Bagdad auch über eine Rückkehr der Uno-Waffenkontrolleure verhandeln will, ging aus dem Angebot nicht hervor.

US-Außenminister Colin Powell bekräftigte, Irak müsse die Uno-Rüstungsinspektoren zurück ins Land lassen. Dies allein könne Gegenstand einer Diskussion sein.

Powell sagte am Dienstag vor einem Ausschuss des US-Senats: "Es sollte eine sehr kurze Diskussion sein. Die Inspektoren müssen zurück." Irak müsse der Welt beweisen, dass es nicht versuche, Massenvernichtungswaffen zu entwickeln.

Dürfen Waffeninspektoren ins Land?

Der arabische Fernsehsender al-Dschasira berichtete am Dienstag, die Iraker wollten einen "Dialog ohne Vorbedingungen". Ob dies bedeutet, dass Bagdad jetzt der Rückkehr der Uno-Waffeninspektoren zustimmen will, die es im Dezember 1998 des Landes verwiesen hatte, war zunächst unklar.

Die USA hatten am Montag erstmals seit dem 4. September wieder ein Ziel in der so genannten Flugverbotszone im Nordirak bombardiert. Dabei starben nach Angaben der staatlichen Nachrichtenagentur Ina in der Stadt Mossul vier Zivilisten.

US-Präsident George W. Bush hatte vor einer Woche gesagt, der Irak, Iran und Nordkorea bildeten eine "Achse des Bösen", die den Weltfrieden bedrohe. Die USA würden nicht tatenlos zusehen, wenn diese Staaten versuchten, die Vereinigten Staaten mit Massenvernichtungswaffen zu bedrohen.

Mahnung aus Russland

Der russische Ministerpräsident Michail Kasjanow ermahnte seinen Gastgeber George Bush bei einem Besuch im Weißen Haus am Montag, die USA müssten im Kampf gegen den Terrorismus die wirklichen Gefahren von den imaginären trennen, eine kaum verhüllte Anspielung darauf, dass er das Gerede vom Bösen als handelndem Subjekt der Weltgeschichte für ein Hirngespinst hält.

Außenminister Igor Iwanow räumte zwar ein, dass einige Länder die Bemühungen bedrohen könnten, die Weiterverbreitung von Massenvernichtungswaffen zu verhindern, einen Krieg mit Irak lehnte er aber genauso ab, wie er um die guten Wirtschaftsbeziehungen zu Iran besorgt war.

Volmer findet deutliche Worte

Noch deutlicher wurde Staatssekretär Ludger Volmer vom Auswärtigen Amt in Berlin. Irak sei zwar ein übler Staat, aber es gebe keine Anzeichen dafür, dass er in den Terrorismus gegen die USA involviert sei, sagte der Grünen-Politiker.

Er warf den Amerikanern vor, lediglich alte Rechnungen begleichen zu wollen und dafür das Terror-Argument zu benutzen. Und Nato-Generalsekretär George Robertson sagte, auch die Allianz werde amerikanische Bemühungen um eine Ausweitung des Antiterrorkrieges auf Iran, Irak oder Nordkorea nicht automatisch unterstützen.

Die USA hingegen machten gleichzeitig unmissverständlich deutlich, dass sie notfalls einen solchen Krieg auch alleine führen würden. Verteidigungsminister Donald Rumsfeld warnte, wenn man Saddam Hussein gewähren lasse, werde er über kurz oder lang erneut Kuwait besetzen oder gar nach Saudi-Arabien einmarschieren.

Iran weist Vorwürfe zurück

Unterdessen beschwerte sich der Iran in einem Schreiben an die Vereinten Nationen über jüngste verbale Attacken der USA und Israels und forderte eine Uno-Untersuchung des Tatverhalts gefordert. Sein Land sei das Opfer "massiver Fehlinformationen und einer Kampagne der Lügen und Verleumdung", heißt es in einem Schreiben des iranischen Außenministers Kamal Charrasi an Uno-Generalsekretär Kofi Annan. Es wurde am Dienstag am Hauptsitz in New York veröffentlicht. Uno-Sprecher Fred Eckhard lehnte zunächst jeden Kommentar ab.

In dem Brief dringt Charrasi auf eine Untersuchung des "plötzlich veränderten Tons und Vorgehens der USA". Der Minister betonte in seinem Schreiben an Annan, dass sich Teheran - teils im Gegensatz zu den USA - allen wichtigen Konventionen zu chemischen, biologischen und atomaren Waffen angeschlossen habe.

Mehr lesen über