Arabische Presseschau Religion als Waffe
Unter der Überschrift "Rumsfeld - der Saddam des neuen Irak" macht sich eine Kommentatorin der in London erscheinenden Zeitung "Asharq al-Awsat" Gedanken über die Zukunft des Irak unter amerikanischer Besatzung. "Rumsfeld reicht es nicht, die Herrschaft und Verwaltung eines besetzten Iraks in die Hände des pensionierten Generals Jay Garner zu legen. Er will das irakische Verteidigungsministerium von Ex-CIA-Chef George Wallace kommandieren lassen. Zwei Männer, die bekannt dafür sind, dass sie die Araber - egal ob Muslim oder Christ - hassen und Israel absolut loyal gegenüberstehen. Präsident Bush sagte, er führe Krieg für den Frieden. Sein Verteidigungsminister jedoch möchte der Welt seinen persönlichen Stempel aufdrücken. Doch die Region hat all die Militärs und Diktatoren und Männer satt, die Zeit ihres Lebens nur nach Macht gieren. Aber Rumsfeld, so scheint es, gehört dazu."
In derselben Zeitung findet sich ein Interview mit Kurdenführer Masud Barsani, einer derjenigen, die für ihre Loyalität mit den USA nach Kriegsende belohnt werden wollen. "Wir fordern von Amerika und der internationalen Gemeinschaft nichts anderes als die Anerkennung unserer Rechte und eine Verwirklichung des föderativen Konzeptes für den Irak und eine Beteiligung an der Zentralregierung in Bagdad. Das ist doch sicher ein fairer Preis für unsere Unterstützung", meint Barsani. "Wir wollen die mehrheitlich kurdischen Gebiete, nicht aber die arabischen Gebiete um Mossul der kurdischen Provinz angliedern. Kirkuk jedoch ist schon immer kurdisch geprägt. Für uns gehört Kirkuk zu Kurdistan." Zudem wünschten sich die Kurden eine zivile irakische Regierung direkt nach dem Umsturz, sagte Barzani.
Ein anderes führendes Mitglied der irakischen Opposition, Dschamal al-Wakil, sprach gegenüber der kuweitischen Zeitung "al-Watan" von einer weiteren Version für ein Nachkriegsszenario: "Es werden keine Maßnahmen getroffen, eine amerikanische Administration für den Irak zu bilden. Es gibt eine Vereinbarung mit dem Repräsentanten der amerikanischen Regierung, eine Übergangsregierung zu schaffen, bis sich die Lage beruhigt hat. Danach wird für das irakische Volk Platz gemacht, das eine demokratische Regierung formen soll. Die irakischen Oppositionsgruppen beabsichtigen, eine Konferenz in Kuweit oder Kurdistan abzuhalten, aber bis jetzt gibt es noch keine endgültige Entscheidung." Warum man gegenwärtig nichts von der irakischen Opposition höre? Man wolle sich nicht in die Angelegenheiten der alliierten Kräfte einmischen. Die Opposition werde erst später eine Rolle spielen, so al-Wakil.
Al-Wakil weist in dem kuweitischen Blatt auch darauf hin, dass es keine Fatwas zur Unterstützung des irakischen Regimes gebe. "Viele Fatwas sind gefälscht und einige von den irakischen Behörden ausgegeben." Fatwas sind Rechtsgutachten von religiösen Würdenträgern, die für schiitische Gläubige bindend sind. Die Zeitung berichtet außerdem vom Sohn des verstorbenen schiitischen Scheichs al-Khoui, der gestern nach Absprache mit den alliierten Truppen in den Irak reiste und sich mit einer Reihe von religiösen Gelehrten in Nadschaf traf. Er erörterte mit ihnen die Fatwas, die zum Heiligen Krieg gegen die anglo-amerikanischen Streitkräfte aufrufen. "Al-Khoui machte deutlich", so "al-Watan", "dass alle Fatwas, die dazu bisher veröffentlicht wurden, nicht von den Gelehrten unterschrieben seien, was bedeutet, dass sie gefälscht sind oder unter Gewaltandrohung veröffentlicht wurden."
Völlige Verwirrung gibt es um die Gutachten des hohen schiitischen Geistlichen as-Sistani, der erst zur Vertreibung der ungläubigen Angreifer aufforderte und nun angeblich die Schiiten im Irak dazu aufruft, den amerikanischen Truppen nicht im Weg zu stehen. Laut der in London erscheinenden Zeitung "al-Hayat" bezweifeln - im Gegensatz zu al-Khoui - schiitische Kreise im iranischen Qom und in Beirut die Richtigkeit dieser neuen Fatwa. Das Büro von as-Sistani in Qom versicherte in einer Erklärung: "Für uns gibt es noch keinen Beweis für die Richtigkeit der Fatwa seiner Exzellenz as-Sistani, die bisher nur die Nachrichtenagenturen kolportiert haben." Nur Fatwas, die auf dem Weg über seine Repräsentanten veröffentlicht würden, könnten auch mit ihm in Verbindung gebracht werden.
Der Herausgeber der libanesischen Zeitung "an-Nahar" stellt in diesem Fatwa-Krieg eine ganz allgemeine Frage: "Ist es nicht verwerflich, die Religion als Waffe in diesem Krieg einzusetzen, gerade wo doch der Westen und die Mehrheit der christlichen Welt die amerikanische Entscheidung, allein und ohne internationale Rückendeckung Krieg zu führen, ablehnt? Die Religion in diesen schicksalhaften Zeiten zum Aufstacheln auszunutzen ist ein Verbrechen, das dem Einsatz von Massenvernichtungswaffen gleichkommt."