Arafat Der ohnmächtige Zauderer
Berlin - Die Szene war gespenstisch. In einem Kellerraum seines Hauptquartiers in Ramallah im Westjordanland empfing ein zittriger Jassir Arafat in der Nacht zum Mittwoch eine CNN-Reporterin zum Exklusiv-Interview. Nur kurz zuvor hatten israelische Kampfhubschrauber eine Polizeistation gleich neben seinem Amtssitz bombardiert, als Vergeltung für die jüngsten Selbstmordanschläge in Jerusalem und Haifa.
Konkrete Antworten gab der Palästinenserführer nicht. Fragen nach palästinensischen Terroristen wich er aus und redete lieber von der Besetzung "unserer Städte, unseres Landes" und der Zerstörung "unseres Flughafens". Der Autonomiechef brachte kaum einen klaren Satz heraus. Erst nach mehreren Anläufen entlockte die CNN-Frau dem Palästinenserchef den Satz, er habe 120 Hamas-Mitglieder festnehmen lassen.
Warum handelt Arafat erst jetzt?
Warum erst jetzt, fragen sich die Israelis, die schon seit Monaten immer wieder Listen mit verdächtigen Terroristen an die Autonomiebehörde schicken. Ist es Arafats Strategie, nur halbherzig gegen die Gewalttätigen in seinem Volk vorzugehen, schürt er gar vorsätzlich die Gewalt, um Druck auf die Israelis auszuüben? Oder hat er die Situation nicht mehr voll unter Kontrolle? Will er nicht oder kann er nicht? Beides, lautet die Antwort.
Arafat will es nicht, sagen die Israelis, und es spricht einiges dafür. Als blanker Zynismus muss ihnen vorkommen, wenn der Palästinenserchef am Donnerstag in einem Brief an den US-Präsidenten George W. Bush um mehr Zeit bittet, um den Terrorismus zu bekämpfen. Wie erklärt es sich dann, dass Arafat schon vor den Anschlägen erklärte, seine Behörde unternähmen "100 Prozent Anstrengungen", um weitere Anschläge zu verhindern. Warum gehen seine Sicherheitskräfte erst jetzt gegen militante Palästinenser vor, die seit Monaten die jüdische Siedlung Gilo in Jerusalem beschießen?
Stattdessen lässt der Autonomiepräsident in Gaza so genannte Kollaborateure standrechtlich verurteilen und per Schießbefehl exekutieren. Dabei lassen sich viele aus purer Geldnot auf die Zusammenarbeit mit den israelischen Geheimdiensten ein. Arafat lässt auch zu, dass der von seiner Behörde streng kontrollierte palästinensische Fernsehsender Werbespots ausstrahlt, die jugendliche Selbstmordattentäter verherrlichen. "Wein nicht um mich, Mutter", bittet da ein Teenager und wirbt mit Sprüchen wie: "Das Paradies ist süß."
Arafat verliert den Rückhalt in seinem Volk
Aber selbst wenn er 100 Prozent gegen den Terror unternehmen würde, könnte er doch nicht 100 Prozent verhindern. Denn er verliert in seinem Volk immer mehr Rückhalt. Mehr als 1500 Anhänger der Hamas versammelten sich am Donnerstag vor dem Wohnsitz des Hamas-Gründers Scheich Achmed Jassin in Gaza und demonstrierten gegen dessen Hausarrest. Sie bewarfen palästinensische Polizisten mit Steinen, feuerten mit Maschinengewehren in die Luft und setzen einen Polizeijeep in Brand.
Manche von Arafats eigenen Polizisten nutzen ihren Waffen, um israelische Siedler anzugreifen oder Dörfer an der Grenze zum Gaza-Streifen. Nicht wenige wünschen sich schon die alte Besatzerzeit zurück, als sie sich immerhin ohne große Hürden von einer in die andere Stadt bewegen durften und die Israelis für Arbeit, Nahrung und Krankenversicherung sorgten.
Und auch die israelische Regierung trägt dazu bei, dass Arafat nicht wirksamer gegen den Terror vorgehen kann. Sie lässt mit ihren Vergeltungsaktionen jene Infrastruktur der Polizei zerstören, die eigentlich dem Kampf gegen den Terror dienen sollte.
Stattdessen schürt Premier Ariel Scharon damit die Radikalisierung unter den Palästinensern und macht es Arafat leicht, sich als Widerstandskämpfer zu gerieren. Und er bringt die Weltöffentlichkeit gegen sich auf, indem er Bilder von fliehenden Schulkindern produziert, anstatt die mindestens ebenso grausamen Selbstmordanschläge als Druckmittel gegen Arafat auszuspielen.
Der scheint nicht mehr Herr der Lage, was auch an seinem Gesundheitszustand liegen könnte. Mitunter wirkt er nur noch wie eine Marionette. Seit dem 11. September flüstert stets ein großgewachsener Mann dem Palästinenserchef ins Ohr, was er den anwesenden Kamerateams mitteilen soll.
Mubarak zu Arafat: "Unterschreib, du Hund!"
Egal wie man es dreht - ob Arafat nicht will oder nicht kann - er handelt entweder vorsätzlich oder fahrlässig. Auf jeden Fall aber will er lieber Revolutionär als Staatsmann sein. Schon immer zögerte er, wenn es um einschneidende Kompromisse ging. Als die Landkarten des Kairoer Autonomie-Abkommens schon längst ausgehandelt waren, weigerte er sich plötzlich bei der feierlichen Zeremonie, den Vertrag zu unterschreiben. Erst der ägyptische Präsident Husni Mubarak konnte ihn mit den Worten überzeugen: "Unterschreib, du Hund, oder..."
So war es auch in Camp David, als Arafat das weitreichende Angebot des damaligen Premiers Ehud Barak ausschlug und einseitig auf dem Rückkehrrecht für die palästinensischen Flüchtlinge nach Israel beharrte. Dass dies nicht nur israelischen Interessen, sondern auch der Forderung nach einem eigenständigen palästinensischen Staat widerspricht, machte jüngst Sari Nusseibeh, Präsident der Ost-Jerusalemer Al-Kuds-Universität, deutlich. "Die heimkehrenden Flüchtlinge müssen im Palästinenserstaat integriert werden, dass sie die jüdische Mehrheit in Israel nicht gefährden. Was wäre sonst der Sinn einer Zweistaatenlösung?", fragte Nusseibeh, den Arafat zu seinem Ärger kurz zuvor als seinen Stadthalter in der Heiligen Stadt eingesetzt hatte.
Außer Arafat trugen jedoch zwei weitere Verhandlungsamateure Schuld am Scheitern von Camp David II. Zum einen US-Präsident Bill Clinton, der einmal mit der Faust auf den Tisch hätte hauen müssen, anstatt es jedem recht machen zu wollen, wie Avi Primor es ausdrückt. Während Clinton hinter verschlossenen Türen zu harmoniesüchtig war, beging er in der Öffentlichkeit den Fehler, Arafat einseitig für das Scheitern verantwortlich zu machen.
Barak: Der Mann, der Arafat angeblich entzauberte
Zum anderen Ehud Barak. Der kurzzeitige israelische Premierminister agierte naiv. Er spielte mit vollkommen offenen Karten, ging bis an seine roten Linien, ohne sich Spielraum für die Verhandlungen zu lassen. Heute gebärdet er sich, als habe er Arafat die Maske vom Gesicht gerissen und seinen wahren Charakter bloßgestellt. Selbst der damalige und jetzige Außenminister Schimon Peres konnte über so viel Naivität nur die Hände über dem Kopf zusammen schlagen, berichten seine Anhänger.
Besser noch als Scharon, der alles tut, um Arafat nie die Hand schütteln zu müssen. Seine Ultimaten sind exakt so konstruiert, dass Arafat sie nie einhalten kann. Eine Woche Feuerpause als Bedingung für Verhandlungen? Eine bessere Einladung kann ein palästinensischer Extremist nicht erhalten. Damit lenkt er von der Tatsache ab, dass die israelische Besatzung das Grundübel ist, dem alle Missetaten auf palästinensischer Seite folgen.
Manche in der israelischen Regierung hoffen auf die Zeit nach Arafat. Sie setzen vor allem auf die pragmatischen Chefs der Sicherheitsdienste, Dschibril Radschub und Mohammed Dahlan. Doch ob die genügend Rückhalt im Volk finden, ist fraglich. Der Universitätschef Nusseibeh ist zu intellektuell und zu wenig Politiker. Laut Gesetz würde zunächst Abu Ala, der Vorsitzende des Parlaments, Arafat nachfolgen.
Arafat ist - noch - die einzige Persönlichkeit, die seinem Volk schmerzliche Kompromisse verkaufen könnte. Er muss die Doppelrolle zwischen Revolutionär und Staatsmann aufgeben. Nur so hätte er den Friedensnobelpreis wirklich verdient, den er bereits 1995 erhielt.