Argentinien: Am Rande der Anarchie - DER SPIEGEL
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Argentinien Am Rande der Anarchie

Plünderungen, Straßenschlachten - die argentinische Regierung hat die Kontrolle über das sozial schwer gebeutelte Land verloren. Präsident Fernando de la Rúa verhängte den Ausnahmezustand. Sein Wirtschaftsminister Cavallo, der die schwere Wirtschaftskrise nicht in den Griff bekommt, reichte seinen Rücktritt ein.
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Buenos Aires - Die Demonstranten, die am Mittwoch durch die Straßen der argentinischen Hauptstadt zogen, hatten eine einfache Losung: "Wir haben Hunger" stand in Riesenlettern auf ihren Transparenten. In zwei Vororten setzten Zehntausende aus Protest gegen die sozialen Missstände Straßensperren in Brand, stürmten Geschäfte, plünderten Regale. Die Polizei ging mit Tränengas und dem Einsatz von Gummigeschossen gegen die Plünderer vor. Die argentinische Hauptstadt versank zwischenzeitlich im Chaos.

Mindestens fünf Menschen kamen bei den Unruhen ums Leben. 180 wurden verletzt, 328 festgenommen. Präsident Fernando de la Rúa reagierte umgehend und verhängte am Abend den Notstand für eine Dauer von 30 Tagen. Mit dieser Maßnahme werden unter anderem die Versammlungsfreiheit eingeschränkt und die polizeilichen Befugnisse ausgeweitet.

Doch schon am Donnerstagmorgen ging die Gewalt weiter. Die Polizei setzte Schlagstöcke gegen friedliche Demonstranten ein, die mit dem Trommeln auf Kochtöpfen gegen den Ausnahmezustand protestierten. Unterdessen zog der in die Kritik geratene Wirtschaftsminister Domingo Cavallo Konsequenzen und trat zurück. Auch das restliche Kabinett soll Medienberichten zufolge sein Rücktrittsgesuch eingereicht haben. Eine Entscheidung über die künftige Besetzung des Kabinetts stehe jedoch noch aus, hieß es aus Regierungskreisen.

40 Prozent haben zu wenig Geld

Demonstranten, die sich am Morgen erneut vor dem Parlament versammelt hatten, quittierten die Meldung vom Rücktritt des ungeliebten Ministers mit Jubel. Cavallo, der im März als Retter in der Not in sein Amt berufen worden war, steht in den Augen der Bevölkerung wie kein anderer der argentinischen Regierung für die schwere Wirtschaftskrise, unter der die Bevölkerung zu leiden hat.

Nach seinem Amtsantritt fand der 55 Jahre alte Volkswirt kein Rezept gegen die seit vier Jahren anhaltende Rezession. Im Gegenteil - in den vergangenen Monaten hat sich die Krise im Land weiter verschärft. Die Mitte-Links-Regierung kämpft mit einem Schuldenberg von insgesamt 132 Milliarden Dollar. 18,3 Prozent der Argentinier haben keine Arbeit. 40 Prozent haben nicht genug Geld, um sich zu ernähren und menschenwürdig zu leben.

Kollektive Angst

Um die Bedingungen des Internationalen Währungsfonds für die Auszahlung von Krediten zu erfüllen, verfolgte die Regierung einen strikten Sparkurs. Seit Wirtschaftsminister Cavallo am 1. Dezember das Abheben von Bargeld auf 1000 Dollar monatlich begrenzte, gehen jedoch nicht mehr nur Arbeitslose und sozial Schwache auf die Straßen. Nun machen auch die Menschen in gutbürgerlichen Vierteln Front gegen die Regierung. Beobachter beschreiben die Zustände in dem Land seither als "kollektive Hysterie" vor der Ungewissheit über die weitere Zukunft Argentiniens.

In den Elendsvierteln rumort es schon seit Jahren. Aus Protest gegen die sozialen Missstände hatten das ganze Jahr über Demonstranten, die so genannten "Piqueteros", wichtige Verkehrsadern blockiert - mit brennenden Autoreifen und Straßensperren. Sie gehörten bis vor wenigen Wochen zum Alltag auf argentinischen Straßen.

So wie zuvor blockiert wurde, wird nun geplündert. Spekulationen zufolge sollen auch die Plünderungen organisiert worden sein - aus Kreisen der peronistischen Opposition. Möglicherweise, so die Vermutungen, versuchen Teile der Peronisten durch gezielte Instabilisierungen den Rücktritt von Präsident Fernando de la Rúa zu betreiben, der der Radikalen Bürgerunion angehört.