Atomwaffen-Terror Das strahlende Gespenst
Gegen kleinformatige Atomwaffen von Terroristen, sollten sie eines Tages Realität werden, könnte sich der Westen kaum schützen. Doch nicht nur Terroristen könnten in der Lage sein, nukleare Kofferbomben einzusetzen. Auch der Gegner in einem regulären Krieg, der kein Geld für teure Interkontinental-Raketen hat, wäre in der Lage, sich mit geschmuggelten Bomben Abschreckungspotenzial zu verschaffen.
Die Schreckensvision hat sich seit Ende der fünfziger Jahre nicht geändert. Das Pentagon hatte damals Dutzende von Agentenstoßtrupps ausschwärmen lassen, mit dem Auftrag, Bombenattrappen ins Land zu schmuggeln. Obwohl die Küstenwache in Alarmbereitschaft war, wurde keine einzige davon abgefangen. Und nach Lage der Dinge wäre das Ergebnis heute wohl das gleiche.
Atombomben im Kugelschreiber-Format
Damit würde auch die zwischenzeitlich erloschene Souveränitätslogik des ersten bundesdeutschen Atomministers Franz-Josef Strauß wieder an Plausibilität gewinnen. Ein Staat, so hatte Strauß gesagt, sei erst souverän, wenn er Nuklearwaffen habe, und er sei nicht souverän, wenn er sie nicht habe. Mit Hilfe von Aktentaschenbomben könnten sich nach dieser Theorie auch Staaten die Souveränität sichern, die zwar Atombomben, aber keine Trägerwaffen haben. Denn gegen eingeschmuggelte Sprengköpfe helfen keine Antiraketensysteme.
Nach unten hin sind die Grenzen der Atomterrortechnik mit dem Aktentaschenformat noch lange nicht erreicht. Die ostdeutsche Stasi hatte noch viel kleinere Kaliber im Sortiment - wie die Studie zu "Kleinkernladungen (Mini-Nukes)" aus dem Jahr 1987 zeigt, die Sebastian Pflugbeil, der Chef der Gesellschaft für Strahlenschutz, im Nachlass des ostdeutschen Ministeriums für Staatssicherheit fand.
Es war ein abgefeimtes Stück Subversion. "Fusions- (Verschmelzung) Fissions (Spaltung)-Kügelchen" werden in einen miniaturisierten Reaktor von Füllhaltergröße geschossen und lösten darin eine Kernexplosion aus, die ausreichen würde, einen Wolkenkratzer zu fällen. Unmöglich, ein solches Mini-Nuke aufzuspüren.
Natürlich kann man Kernbrennstoff orten, wenn man mit einem Neutronendetektor oder einem Geigerzähler danach sucht. Allerdings auch nur, wenn er radioaktiv genug oder nicht durch dicke Bleiplatten nach außen abgeschirmt ist.
Es gibt spaltbare Materialien, die schon deshalb nicht gestohlen oder geschmuggelt werden, weil die tödliche Strahlung, die von ihnen ausgeht, sie schützt - wie die riesigen Mengen an Brennstoffzellen, die über Lagerstätten in der ganzen ehemaligen Sowjetunion verstreut sind. Frisches Plutonium dagegen, das noch keinen Wiederaufbereitungsprozess durchlaufen hat, strahlt fast gar nicht. Man kann es in die Tasche stecken, ohne Schaden zu nehmen.
600 Schmuggel-Fälle in neun Jahren
Die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA) in Wien hat in den vergangenen neun Jahren knapp 600 Fälle von vereiteltem Schmuggel registriert. Es war aber kein wirklicher Scoop darunter. Und es wurde auch kein einziger der Käufer identifiziert.
Die IAEA ist eine rücksichtsvolle Körperschaft. Sie registriert nur Fälle, die ihr von den Mitgliedsländern offiziell gemeldet werden. So wie die herrenlosen 2,7 Kilo Uran, die 1994 in der Prager City in einem Auto gefunden wurden, weil der Wagen falsch geparkt war.
Oder der Fund von 363 Gramm Plutonium-Pulver auf dem Flughafen München-Riem, das drei Passagiere, ein Kolumbianer und zwei Spanier, an Bord des Lufthansa-Airbus "Landshut" aus Moskau eingeschleppt hatten. Die Sache verlief im Sande, weil der Bundesnachrichtendienst und das bayerische Landeskriminalamt mit an dem Deal gefingert hatten. Die Schmuggler wurden verurteilt, die Komplizen von LKA und BND und ihre Chefs, gegen die die Pilotenvereinigung Cockpit Strafanzeige erstattet hatte, kamen dagegen ungestraft davon.
Weit im kritischen Bereich
Nicht registriert, weil nicht regierungsamtlich bestätigt, ist zum Beispiel der Versuch, 18,5 Kilo hoch angereichertes Uran aus einem Waffenlaboratorium im Ural zu stehlen. Auch nicht erfasst wurden die von der kasachischen Polizei aufgebrachten 150 Kilo Uran-Brennstoffkügelchen, die der Ulbinsk-Wiederaufbereitungsanlage in Ust-Kaminogorsk abhanden gekommen waren.
Die IAEA weiß von den zwei Koffern voll von strahlendem Material, die am 6. April 2001 am kasachisch-chinesischen Grenzübergang Dostyk von Zollbeamten aus dem Zug nach Peking geholt wurden. Der Fall ist aber nicht registriert, weil die Regierung von Kasachstan ihn nicht offiziell gemeldet hat.
Die gemeldeten Funde reichen alle nicht aus für eine Bombe. Aber gefunden werden nur fünf bis zehn Prozent des illegalen Urans und Plutoniums, schätzt Ian Ray, Physiker am Institut für Transurane in Karlsruhe. Wenn man diese Mengen mit zehn bis zwanzig multipliziert, ist man weit im kritischen Bereich.
Die Supermacht USA und die Ex-Supermacht Russland arbeiten ansatzweise gut zusammen in ihrem gemeinsamen Bemühen, den bösen Geist zurück in die Flasche zu stopfen, aus der er entwich. Anfang der neunziger Jahre, als das dickste Eis weggetaut war, machten sie erstmal zusammen Inventur. Dabei stellten die Inspektoren des "Russian Nonproliferation Programme" in Los Alamos fest, dass die Sowjetunion zehnmal so viel spaltbares Material gehortet hatte, wie im Westen vermutet worden war.
Die Bestandsaufnahme ergab insgesamt 600 Tonnen. Das ist genug Material für 40.000 Bomben. Dazu kamen 20.000 einsatzfähige Sprengköpfe. Wobei niemals geklärt wurde, wie viel als Schwund abgebucht und wie viele Tonnen vorher zur Seite geschafft worden waren. Russische Reaktordirektoren haben - wie die Küchenbullen bei der Armee - immer Vorrat in Reserve, für den Fall, dass sie bei der Revision mal ein Manko ausgleichen müssen.
Amerikaner zahlen für Sicherheit in Russland
Die Amerikaner haben es sich in den vergangenen Jahren rund 800 Millionen Dollar kosten lassen, den Russen beim Ausbau der Sicherheitssysteme zu helfen. Sie haben in der Wiederaufbereitungsanlage Majak bei Tscheljabinsk strahlende Container einbetoniert, Zäune um Brennelemente-Depots gezogen und in der Atomstadt Obninsk bei Moskau elektronische Sperren gebaut, mit denen sich der Publikumsverkehr kontrollieren lässt.
Auch die Regierung von Kasachstan hat sich bei den Bemühungen der Amerikaner um "Nonproliferation" hilfreich gezeigt. Ende 1995 wurden mit ihrer Zustimmung in Ust-Kaminogorsk 500 Kilo hoch angereichertes Uran aus Russland umgepackt und dann zum Atomzentrum Oak Ridge in Tennessee verfrachtet.
Uran aus Fässern gekratzt
Die "Operation Saphire" kostete sieben Millionen Dollar, zuzüglich hundert Millionen Prämie für die Regierung von Präsident Nursultan Nasarbajew. Das Unternehmen stand unter Zeitdruck, weil die US-Botschaft in der Hauptstadt Almaty (früher Alma Ata) erfahren hatte, dass iranische Agenten ebenfalls an die Uranvorräte von Ust-Kaminogorsk heran wollten.
Deshalb kratzten 25 US-Techniker sechs Wochen lang 14 Stunden täglich den strahlenden Stoff aus 1400 teilweise vergammelten Fässern und fühlten ihn in Edelstahlbehälter. Am 7. Oktober hoben drei schwere C-5-Transportmaschinen der US Air Force vom Flughafen Ust-Kaminogorsk ab. Weil eine Zwischenlandung für zu gefährlich gehalten wurden, wurden sie unterwegs zweimal in der Luft aufgetankt, bevor sie nach gut zwanzig Stunden Flug auf der Air Force Base Dover im US-Staat Delaware landeten.
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Das US-Energieministerium hat auch 600 Millionen Dollar für das Umschulungsprogramm zugesagt, mit dem Russlands Präsident Wladimir Putin stellungslose Wissenschaftler in den Atomstädten gegen Abwerbeversuche aus dem Ausland immunisieren soll. Die große Mehrheit der russischen Atomwissenschaftler ist zwar nach dem Urteil der amerikanischen Kollegen loyal genug, um den Lockungen zwielichtiger Werber zu widerstehen. "Aber eine 99-Prozent-Lösung ist nicht gut genug", sagt Roger Hagengruber, Vizepräsident des Atomforschungszentrums Sandia.
Die vom Westen vorausgesagte Anarchie ist zwar nicht eingetreten - und deshalb auch nicht der Totalausverkauf der russischen Nuklearvorräte -, doch die Bestände sind kaum unter Kontrolle zu halten. Die Sowjetunion produzierte während des Kalten Krieges doppelt so viel spaltbares Material wie die Vereinigten Staaten, das heute über mehrere hundert Lagerstätten verteilt ist.
Allein in und um Moskau sind elf Atomreaktoren in Betrieb. Dazu kommen etwa tausend Betriebe, die im weiteren Sinne zur Atomindustrie zählen. Allein das Kurchatow-Institut am nordwestlichen Stadtrand hat mehrere tausend Tonnen radioaktives Material in Zwischenlagern gesammelt.
Atombombenklau nach Wodka-Wette
Die militärischen Atomanlagen sind gegen Übergriffe von außen gut abgesichert, aber nicht gegen den Atomklau von innen. Wie zum Beispiel die zwei Arbeiter bewiesen, die 1996 für eine Wodka-Wette zwei Atombomben aus einem Arsenal in "X Savod" am Ural mitgehen ließen.
Die zivilen Atommanufakturen in den entlegeneren Breiten des alten Sowjetreiches sind meist nur mit Wachssiegeln und Vorhängeschlössern gesichert. Ihre Bestände an Nuklearmaterial lassen sich nicht unter Kontrolle halten. Da wacht noch immer "Tante Mascha mit der Gurke", wie das russische Standarddummchen genannt wird.
Tante Mascha muss weg, sonst platzt irgendwann die Bombe. Joseph Cirincione, Direktor des "Carnegie Endowment for International Peace", sagt, die Leute seien sich der tödlichen Gefahr nicht bewusst. Sie hielten das Schreckensszenario einer von Terroristen gezündeten Nuklearwaffe für eine ganz entfernte Drohung. Denn es sei ja noch nichts passiert. Dies sei ein schreckliches Irrtum, meint Cirincione. Amerika habe bisher einfach nur Glück gehabt.