Attentäter von Bali "Köpft uns, bitte!"
Jakarta - Das Büro von Adnan Wirawan, 51, schmückt keines der Insignien islamischen Dogmatismus, wie man sie hier eigentlich erwarten würde. Weder hängt ein Wandteppich der Kaaba, der heiligen Moschee in Mekka, über dem aufgeräumten Schreibtisch im 18. Stock des Graha Pratama Bürohochhauses in Südjakarta, noch zieren islamische Sinnsprüche in Goldlettern die Wände der Anwaltskanzlei. Stattdessen lachen aus Bilderrahmen seine drei Töchter im Alter von 25, 18 und drei Jahren auf den Besucher herab. Sie tragen enge T-Shirts und modische Jeans.
Dass die Mädchen nicht verschleiert sind, erklärt Adnan, ein kleiner Mann mit muslimischem Zwirbelbärtchen, sei "deren eigene Entscheidung". Und der großen Altersunterschied? "Die Kleine stammt von meiner zweiten Frau." Dann schiebt er nach: "In zweiter Ehe, ich bin geschieden und habe natürlich nur eine Frau."
Adnan ist alles andere als ein dogmatischer Muslim. Dennoch steht der Anwalt im Zentrum einer Kontroverse, die Indonesien mit seinen knapp 200 Millionen Gläubigen als größtes muslimisches Land, zehn Jahre nach dem schwierigen Wandel zur Demokratie, wieder als Hort islamischer Extremisten erscheinen lässt.
Grinsen im Gerichtssaal
Der Javaner ist Sprecher des Verteidigerteams von Amrozi, 46, Imam Samudra, 38, und Ali Ghufron, 48, jener wirren Attentäter aus dem Umfeld des Qaida-Ablegers Jemaah Islamiyah, die für die Planung der Terroranschläge von 12. Oktober 2002 auf zwei Bars in Bali zum Tode verurteilt wurden. Und in der Funktion hat der Advokat es nicht nur immer wieder geschafft, dass die Vollstreckung des Richterspruchs auch fünf Jahre nach dem Urteil noch immer nicht vollzogen wurde. Jetzt fordert er auf Geheiß seiner Mandanten gar, dass Amrozi, auch der "lachende Bomber" genannt, weil er im Gerichtssaal stets ein unschuldiges Grinsen aufsetzte, zusammen mit seinen beiden Spießgesellen nach arabischer Art mit einem Schwert gerichtet werde.
Normalerweise sterben Todeskandidaten auf dem tropischen Inselarchipel durch einen gezielten Schuss ins Herz, ausgeführt von einem zwölfköpfigen Erschießungskommando, bei dem aber nur ein Schütze die tödliche Kugel im Lauf führt. Der Rest schießt mit Platzpatronen. "Das ist inhuman, weil das Opfer jämmerlich verblutet", sagt Adnan. Vor dem Obersten Gerichtshof in Jakarta versuchte er Anfang August die Hinrichtung der drei Terroristen mit der Begründung zu verzögern, dass eine Erschießung "Folter" gleichkomme und deshalb mit der islamkonformen Enthauptung nach saudischem Vorbild zu ersetzen sei.
202 Menschen kamen im Herbst 2002 auf Bali bei den Anschlägen ums Leben. Unter den 164 getöteten Ausländern, darunter 88 Australier, befanden sich auch sechs Deutsche. Die meisten Opfer waren jedoch unter Touristen aus Indonesiens Nachbarstaaten zu beklagen. Kein Wunder, dass die zynischen Winkelzüge der Advokaten dort besonders heftige Schimpftiraden auslösten.
Kugeln in Schweineblut
"Sie erschießen also Feiglinge", titelte die ansonsten zurückhaltende, weil staatlich kontrollierte "Straits Times" aus Singapur und fragte dann zynisch: "Hieße eine Enthauptung nicht, dass man Experten aus dem Mittleren Osten konsultieren müsse, wo es mehr Erfahrung dazu gibt?"
Im Internet fielen die Kommentare noch drastischer aus. Ein Leser des ultrarechten Blogs Jihad-Watch riet nach der Lektüre eines hassgeladenen Artikels mit der Überschrift "Köpft uns, bitte" gar, die Kugel für die Bali-Attentäter in Schweineblut zu tränken, um die Strafe für die "islamischen Märtyrer" noch zu verschärfen.
Adnan steht solchen Anfeindungen gelassen gegenüber: "Ich vertrete nicht die Opfer", sagt er ruhig. "Es geht mir nur darum zu zeigen, dass der Prozess gegen meine Mandanten nicht fair war und das Rechtssystem Indonesiens deshalb großen Schaden erleidet." Sein Einspruch basiere auf dem "rein juristischen Einwand", dass die Anti-Terror-Gesetze mit dem die Richter Amrozi und seine geständige Killertruppe im Frühjahr 2003 zum Tode verurteilten, erst nach deren Tat durch das indonesische Parlament "retrospektiv" verabschiedet wurde. Zweimal befasste sich der Oberste Gerichtshof schon mit dem Thema und ließ die Hinrichtung jedes Mal aufschieben, bevor er das Urteil bestätigte.
Zynische Winkelzüge der Advokaten
Dass der bizarre Wunsch seiner Mandaten, mit dem Schwert gerichtet zu werden, auch diesmal kein anderes Ziel hat, als Zeit zu schinden, daran lässt der Anwalt keinen Zweifel: "Ein Hinrichtung nach islamischen Vorbild kann hier gar nicht durchgehen, sonst wäre die gesamte säkulare Verfassung Indonesiens hinfällig."
Einen Zwischenerfolg hat die Klage dennoch erzielt. Noch Anfang August hatte Indonesiens Generalstaatsanwalt Hendarman Supandji lauthals verkündet, er werde die dem Image der jungen Demokratie abträgliche Advokatenposse beenden, indem er die drei Massenmörder noch vor Beginn des islamischen Fastenmonats Ramadan am ersten September hinrichten lasse. Letzte Woche musste Hendarman jedoch einräumen: "Das kann ich jetzt nicht mehr versprechen." Einen neuen Termin gibt es noch nicht. Die Täter, die in dem luxuriösen Hochsicherheitsgefängnis auf der Insel Nusakambangan in Zentraljava einsitzen, haben nun erst einmal Familienbesuch zum Ramadan beantragt.
Adnan erinnert das schon an einen seiner anderen prominenten Fälle. Vor zwei Jahren hatte er einen Heroinschmuggler vor der sicher geglaubten Erschießung gerettet, den 30-jährigen Australier Martin Stephens. Seine Strafe wurde auf 20 Jahre reduziert. Und jetzt darf Stephens sogar auf eine vorzeitige Begnadigung hoffen.