Proteste Libanon trotzt dem Sturm aus Syrien
Für einen Moment schien es, als würde nun das Chaos ausbrechen: Mit Stöcken bewaffnet stürmten ein paar Dutzend Demonstranten nach der Trauerfeier für den ermordeten libanesischen Polizei-Geheimdienstchef Wissam al-Hassan am Sonntag in Richtung Regierungspalast. Sofort schleuderte ihnen die Polizei Tränengas-Kanister entgegen und schoss in die Luft, mitten in Beirut. Erschrocken rannten die Demonstranten auseinander. Als sie sich wenige Minuten später wieder vorsichtig Richtung Regierungspalast vorwagten, hatte sich eine Kette Soldaten der libanesischen Armee zwischen sie und die Polizei gestellt und verhinderte jeglichen Weitermarsch.
"Wir werden nicht gehen, bis die libanesische Regierung zurücktritt!", sagte Mario Hajj, einer der bewaffneten Demonstranten SPIEGEL ONLINE. "Wir werden hier ein Lager errichten und ein Sit-in veranstalten!" Die markigen Worte des 17-Jährigen täuschten jedoch nicht darüber hinweg, dass weder er noch einer seiner Freunde daran gedacht hatten, ein Zelt, Wasser oder irgendetwas anderes für einen dauerhaften Sitzprotest mitzubringen. Dafür hatte die libanesische Armee in der Zwischenzeit schnell sämtliche Zugänge zu der Gruppe Demonstranten abgeriegelt. An Verstärkung von außen war für Hajj und seine Freunde nicht zu denken. Eine Stunde später hatte er sich die Sache mit dem Sit-in offenbar anders überlegt. Der Teenager und seine Freunde warfen ihre Stöcke weg und gingen wieder nach Hause.
Wut über Anschlag: Straßenkämpfe in Beirut
Eskalation auch in Tripoli
In der Nacht eskalierte die Lage in Tripoli. Laut Polizei kamen bei Schießereien zwischen pro-syrischen und anti-syrischen Gruppen drei Menschen ums Leben. Unter den Toten war ein neun Jahre altes Mädchen. Doch nach einigen gewalttätigen Stunden ist im Libanon wieder weitgehend Ruhe eingekehrt. Soldaten und Polizisten patrouillierten am Montag in Beirut und Tripoli.
Libanon: Rückkehr zur Ruhe
Es scheint, als trotze der Libanon erfolgreich dem Schock, den das Attentat auf den Polizei-Geheimdienstchef Wissam al-Hassan ausgelöst hatte. Der als oppositionsnah und Assad-kritisch bekannte Mann war am Freitag durch eine gewaltige Autobombe umgebracht worden. Sein Tod drohte die Spannungen im Libanon eskalieren zu lassen. Das kleine Land ist konfessionell zutiefst gespalten. Der Aufstand gegen Assad hat es zusätzlich polarisiert: Die Hisbollah, Mitglied der Regierungskoalition, unterstützt das Assad-Regime - offenbar auch mit eigenen Kämpfern. Die Mustakbal-Bewegung, Mitglied der Opposition, unterstützt die syrischen Rebellen - offenbar auch mit Waffenlieferungen.
Die grausame Ermordung Hassans drohte den inner-libanesischen Konflikt explodieren zu lassen, denn die Opposition ist überzeugt, dass das syrische Assad-Regime und seine libanesischen Verbündeten hinter der Bombe stecken. Sie forderte den Rücktritt der Regierung. Dies hätte das Land wohl in ein monatelanges Machtvakuum und eine tiefe Krise gestürzt - möglicherweise in einen neuen Bürgerkrieg. Nun scheint es jedoch, als bleibt trotz der Bombe alles beim Alten - und die Regierung weiter im Amt.
Opposition bleibt tief gespalten
Die überraschende Stabilität des Libanons hat mehrere Gründe:
- Die Opposition ist zutiefst gespalten: Es war ein buntes Flaggenmeer, das sich am Sonntag auf der Anti-Regierungsdemonstration versammelte: Salafisten demonstrierten neben liberalen Muslimen und konservativen Christen. In der Schlüsselfrage Syrien haben diese Gruppen völlig unterschiedliche Interessen. Während ein Teil massiv die syrischen Rebellen unterstützt, betrachtet ein anderer Teil, vor allem die libanesischen Christen, die syrischen Rebellen zunehmend mit Sorge.
- Sie hat keinen ansprechenden Gegenkandidaten: Lauthals verlangten Demonstranten auf dem Märtyrer-Platz am Sonntag immer wieder nach einem: Saad Hariri, Sohn des 2005 durch eine Bombe getöteten Ex-Premierminister Rafik al-Hariri. Der Oppositionsparteichef lebt jedoch aus Sicherheitsgründen in Frankreich und äußert bisher keine Absichten, in den Libanon zurückzukehren. Teile der Bevölkerung spotten bereits über seine Abwesenheit. Eine charismatische Alternative, die alle Oppositionsteile anspricht, zeichnet sich bisher nicht ab.
- Viele Libanesen sind von der Instrumentalisierung des Attentats angewidert: Das Attentat hat viele Libanesen erschüttert. Groß war die Solidarität - bereits zwölf Stunden nach dem Attentat lehnten die Krankenhäuser weitere Blutspenden ab mit dem Hinweis, sie hätten bereits genug bekommen. Doch dies spiegelt sich nicht in Unterstützung der Opposition wider: Die Demonstration am Sonntag auf dem zentralen Märtyrerplatz war verhältnismäßig klein. Viele waren entsetzt von der sofortigen politischen Instrumentalisierung des Anschlags durch die Opposition.
- Der Westen setzt auf Stabilität: Die USA und Europa warnen laut vor einer Destabilisierung des Libanon. Dazu würde auch der Rücktritt der aktuellen Regierung zählen - schließlich hatte es Monate gedauert, diese Kompromisslösung unter Premierminister Nadschib Mikati zusammenzuschmieden. Reguläre Neuwahlen stehen im März 2013 an. Bisher allerdings konnten sich die verschiedenen Parteien noch nicht auf ein neues Wahlgesetz einigen. Der Westen gilt als wichtigster Unterstützer der libanesischen Opposition. Nachdem diese Anfangs lauthals den sofortigen Rücktritt Mikatis forderte, ruderte sie am Sonntagabend zurück und erklärte, der Rücktritt der Regierung könne nicht auf der Straße erkämpft werden.
- Die Armee kann bisher die Sicherheit aufrecht erhalten: Eine der größten Gefahren für den Libanon besteht darin, dass Scharmützel zwischen den verschiedenen Milizen immer größere Racheakte zur Folge haben. Bisher ist es der libanesischen Armee gelungen sowohl in Tripoli als auch am Sonntag bei den kurzzeitigen Ausschreitungen in Beirut, rechtzeitig einzugreifen und zu deeskalieren. Die Truppe gilt als eine der wenigen überkonfessionellen Institutionen im Libanon und genießt breites Ansehen.
Sicherlich ist das Risiko eines Gewaltsausbruchs im Libanon nicht gebannt. Teile des Landes in der Nähe der syrischen Grenze sind mit dem Krieg im Nachbarland längst zu No-Go-Zonen geworden. Jedes neue Attentat oder Milizen-Scharmützel birgt weiterhin die Gefahr einer Eskalation. Genauso ist es schwer abzuschätzen, welche Auswirkungen es hätte, wenn eine Untersuchungskommission die Hisbollah für den Bombenanschlag vom Freitag verantwortlich erklären würde. Die Partei und Miliz ist einer der wichtigsten libanesischen Akteure und an der Regierungskoalition beteiligt. Bei allen Risiken scheint es sich jedoch abzuzeichnen, dass es dem Libanon wieder einmal gelungen ist, einem Übergreifen der Gewalt aus Syrien zu entkommen.