Augenzeugenbericht: "Es regnete Körper" - DER SPIEGEL
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Augenzeugenbericht "Es regnete Körper"

Der Anschlag auf das World Trade Center hat die USA mitten ins Herz getroffen. Aber selbst diese Katastrophe scheint in diesen Stunden viele New Yorker nicht von ihrem Way of Life abzubringen, berichtet SPIEGEL-ONLINE-Mitarbeiter Andreas Kötter.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

New York - "It was raining bodies!" - "es regnete Körper", diktiert wimmernd ein Augenzeuge der Katastrophe den Reportern in ihre Mikros. Das lässt erahnen, welche Tragödien sich auf den Fluren der Twin Towers nach den Einschlägen der beiden Jets abgespielt haben. Um nicht qualvoll zu verbrennen, wählten viele den Freitod und sprangen in die Tiefe.

Ebenso unwirklich erscheint die Szenerie, die sich nur wenige Blocks von den Trümmern des World Trade Center abspielt. In Soho, einem Stadtteil, der sich unmittelbar an den Financial District anschließt, kann man in einem Kaufhaus der K-Mart-Kette die New Yorker bei ihrer Lieblingsbeschäftigung beobachten, dem Shoppen.

Ein Paar günstige Schuhe hier, das brandneue Computerspiel dort, all das scheint ihnen wichtiger als die Tragödie nebenan. Auch im in ebenfalls in unmittelbarer Nähe zum World Trade Center gelegenen Chinatown deutet außer Staubmasken, die einige Passanten tragen, nur wenig darauf hin, dass einige hundert Meter weiter gerade vielleicht Tausende Menschen ihr Leben ließen.

Auf der Second Avenue, die von Uptown Manhattan bis nahe an den Ort der Katastrophe heranreicht, sieht man sogar Jogger, Skater und Radfahrer. Sie haben offensichtlich Vergnügen daran, dass ihnen heute beinahe die ganze Breite des Boulevards zur Verfügung steht, weil lediglich die Einsatzfahrzeuge der Rettungskräfte unterwegs sind. In den angrenzenden kleinen Parks genießen Sonnenanbeter mit hochgerolltem T-Shirt oder freiem Oberkörper die vielleicht letzten hochsommerlichen Temperaturen, und Mütter bewahren sorgsam ihre Kindern davor, von der Schaukel zu fallen.

Auch am Abend ist die Second Ave noch autofreie Zone. Dafür aber sind die Straßencafés voll mit Menschen, die etwa im Café de Paris an der Kreuzung Second Ave/49th Street bei Pasta, Käse und Wein beisammensitzen. Sie lachen und scherzen, von der Katastrophe sprechen nur die wenigsten. Soll man sie dafür verurteilen? Eher nicht, denn ihre Solidarität mit den Opfern der Anschläge ist ebenso groß wie ihr Fatalismus.

Schon kurz nach Bekanntwerden der Katastrophe haben sich einige hundert Menschen beinahe darum geprügelt, mit Namen und Telefonnummer in Listen für freiwillige Helfer aufgenommen zu werden. Jetzt, am Abend, machen sich viele noch aus den Bars und Cafés auf in eine der unzähligen provisorischen Krankenstationen, um dort Blut zu spenden. Und vielleicht haben die New Yorker sogar Recht mit ihrer Art der Katastrophenbewältigung; vielleicht lässt es sich nur ertragen, wenn man den Schein der Normalität wahrt.

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