Außenamt: Diplomatischer Störfall beim Brunch - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Außenamt Diplomatischer Störfall beim Brunch

Ein Zeitungsartikel sorgt für handfesten Ärger zwischen Berlin und Washington. Ein deutscher Diplomat soll bei einem Essen mit einem Journalisten kräftig über die US-Politik hergezogen haben. Der Abgesandte muss jetzt zum Rapport nach Berlin.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Berlin - Die Überzeile eines "Wall Street Journal"-Berichts vom 17. Juni verspricht eigentlich nichts Böses. "De Gustibus", also über den Geschmack, steht dort auf lateinisch fast wie über einem Modeartikel. Dann aber geht es los. "Mit dem Brunch kam auch Galle", titelt der US-Journalist Bret Stephens. In einem launigen und sehr persönlichen Artikel berichtet er über ein privates Treffen mit dem Leiter der deutschen Konsularabteilung in New York. Über den Beamten des grünen Außenministers Joschka Fischer hat er nicht viel Gutes zu sagen.

Nach der Darstellung des "WSJ"-Kommentators Stephens waren er und seine Frau von dem Diplomaten Thomas P. und dessen Frau kürzlich zu einem privaten Sonntagsbrunch eingeladen. Doch statt Konversation, die aufgrund des schlechten Englisch des Deutschen eh schwierig gewesen sein soll, ging es angeblich sofort mächtig zur Sache. So soll der deutsche Diplomat erklärt haben, nur "Pudel" könnten die amerikanische Außenpolitik ernst nehmen. Ebenso seien die Menschenrechte in den USA auf dem Stand von Nordkorea und weit hinter dem Standard Europas im Mittelalter.

Auch in Sachen Guantanamo will der US-Journalist von dem deutschen Diplomaten eigenwillige Interpretationen gehört haben. Der von Amnesty International benutzte Begriff "Gulag" sei noch zu schwach für das Terror-Lager auf Kuba. "Die Gulags seien besser gewesen als Guantanamo, weil das stalinistische System seinen Opfern wenigstens noch eine Art Verfahren zugestand", zitiert er im "WSJ" die Äußerungen. Zudem befolge die große US-Zeitung doch eindeutig die "Befehle der Regierung".

Der Beitrag sorgte natürlich für Irritationen, wie das in der Diplomatensprache heißt. Zwar hat der betroffene Beamte in ersten Gesprächen mit dem Leiter des Generalkonsulats, dem ehemaligen Regierungssprecher Uwe-Carsten Heye, die Vorwürfe dem Vernehmen nach zurückgewiesen. Er erinnere sich anders an das Gespräch, das von Beginn an von Antipathie zwischen ihm und dem Journalisten geprägt gewesen. Heye selber sagte, er könne den Inhalt des privaten Gesprächs nicht nachvollziehen, werde den Vorgang aber prüfen.

Auch in Berlin habe man nun eine Prüfung begonnen, hieß es im Auswärtigen Amt. Der Vorgang wird ernst genommen, auch weil der Minister solche Ereignisse im ohnehin gespannten transatlantischen Verhältnis gar nicht brauchen kann. Aus diesem Grund soll Thomas P. schon in den nächsten Tagen über den Vorfall aus seiner Sicht berichten.

Genüsslich stieg die FDP auf den diplomatischen Störfall ein. In einem Fax forderte Parteichef Guido Westerwelle, der nach einem schwarz-gelben Wahlsieg das Außenamt wieder in FDP-Hand sehen möchte, Minister Fischer persönlich zu einer Aufklärung der Vorgänge auf. "Wer auf solch abstruse Gedanken kommt, ist wohl kaum geeignet, Deutschland zu vertreten", so Westerwelle.