Aussöhnung Verdun im Osten
Hamburg - Auf dem sogenannten Friedhof der "Jungen Adler" in Lemberg sind rund 3000 polnische Soldaten begraben, Opfer im Grenzkrieg von 1918/19, als sich die Ukrainer und Polen nicht darüber einigen konnten, zu welchem Staat Lemberg gehören sollte. Und kein historisches Thema hat das polnisch-ukrainische Verhältnis so belastet wie der Streit um den Totenort.
Morgen wollen die Staatsoberhäupter beider Länder mit der feierlichen Eröffnung der renovierten Gedenkstätte den Konflikt endgültig beilegen. Zehntausende zumeist polnische Besucher werden erwartet; an der gemeinsamen Grenze soll für sie die Abfertigung eigens beschleunigt werden. Die Feierstunde wird im polnischen Fernsehen live und in Lemberg auf einer Großbildleinwand übertragen. Aleksandr Kwasniewski hofft auf "ein Fest der polnisch-ukrainischen Versöhnung".
Der Friedhof von Lemberg hat für das Verhältnis zwischen Kiew und Warschau eine ähnliche symbolische Bedeutung wie Verdun für die Beziehungen zwischen Deutschen und Franzosen. Denn die Gründung des modernen Polens und der modernen Ukraine ist unlösbar mit dem Konflikt um Lemberg verbunden.
Die kosmopolitische Barockmetropole - am Beginn des 20. Jahrhunderts stellten Polen, Juden und Ukrainer den größten Teil der Bevölkerung - zählte bis zum Ende des Ersten Weltkrieges zur k.u.k.-Habsburgermonarchie. In der Löwenstadt (Lwiw=Löwe) wurde der erste Lehrstuhl für ukrainische Sprache gegründet, zahlreiche polnische Literaten (Aleksander Fredro, Kornel Makuszyski, Leopold Staff) stammen aus der galizischen Kulturhauptstadt.
Als das Vielvölkerreich Österreich-Ungarn 1918 zerfiel, sahen Polen wie Ukrainer die Gelegenheit gekommen, ihre langersehnten Nationalstaaten zu gründen - und beide beanspruchten die "Stadt der verwischten Grenzen" (Schriftsteller Joseph Roth) für sich.
Am 1. November 1918 besetzten ukrainische Truppen das Zentrum. Drei Wochen dauerte der Straßenkampf zwischen ihnen und polnischen Freiwilligenverbänden. Außerhalb Lembergs zogen sich die Kämpfe bis in den Sommer 1919 hin, am Ende siegten die Einheiten der neugegründeten Polnischen Republik.
Warschau erkor die Lemberger Toten zu den ersten Helden des jungen Staatswesens und ließ einen gigantischen Friedhof errichten. Der Bau der Anlage dauerte 18 Jahre. Den Zweiten Weltkrieg überstand sie fast unbeschädigt. Doch nach 1945 gehörte Lemberg zur Sowjetunion, und die sowjetischen Behörden ließen das Gelände verfallen. Die städtische Müllabfuhr nutzte einen Teil als Halde; über einige Gräber wurde eine Asphaltstrasse gelegt.
1989 begannen polnische Hobbyhistoriker damit, das Gelände aufzuräumen, und damit setzte ein Dauerkonflikt ein, der in der Absage eines Staatsbesuches von Kwasniewski 2002 kulminierte, weil man sich nicht über die Inschriften auf dem zu renovierenden Friedhof einigen konnte. Warschau wollte die Toten als Opfer im Kampf für das "Vaterland" ehren, die Ukrainer sahen darin eine Diskreditierung der eigenen Einheiten als "Besatzer". Das sei ein "Verrat an der ukrainischen Geschichte", erklärte Igor Schurma von der oppositionellen Sozialdemokratie gegenüber polnischen Tageszeitung "Gazeta Wyborcza".
Die Kiewer Zentralregierung war dabei durchaus kompromissbereit, doch der Lemberger Stadtrat stellte sich quer. Erst mit der Orangenen Revolution wurde der Weg frei. Als der neue ukrainische Präsident Wiktor Juschtschenko die Lösung des Konflikts zu einer "Frage der Ehre" erklärte und eigens einen Emissär mit einem Appell in das Lemberger Stadtparlament entsandte, stimmten die Abgeordneten der Stadt den polnischen Vorschlägen zu.
Margarethe Mroz