Berlin: Europas Spitzenmodernisierer treffen sich - DER SPIEGEL
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Berlin Europas Spitzenmodernisierer treffen sich

Während ganz Berlin auf den Altkanzler und dessen Aussage vor dem Spendenausschuss blickt, trafen sich der jetzige Kanzler und sein britischer Amtskollege zum Tête-à-tête im Glienicker Schloss. Ein "euro-philosophisches Abendessen" stand dort auf der Tagesordnung.
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Berlin - Von den Künsten des Kanzler-Lieblingskochs Franz Raneburger konnte sich Tony Blair nun doch nachträglich überzeugen. Vor vier Wochen, als der Österreicher den Staats- und Regierungschefs zum Mitte-Links-Gipfel im Schloss Charlottenburg ein Vier-Gänge-Menü servierte, hatte der britische Premier kurzfristig abgesagt. Der gerade geborene Nachwuchs wurde als Entschuldigung angeführt.

Für Donnerstagabend hatte Gerhard Schröder Blair direkt in Raneburgers "Remise" im Glienicker Schlosse gebeten. Als "euro-philosophisches Abendessen" ohne "Netz und doppelten Boden" wurde das Treffen im kleinem Kreis vom Kanzleramt eingestuft. Steinbutt und Flusskrebse für den Fischliebhaber Blair, Kalbsfilet und Lamm sowie ein Erdbeerdessert waren für die insgesamt sechs Tischgäste vorbereitet. Der Termin stehe schon lange fest und sei die Fortsetzung des ebenso vertraulichen Treffens von Ende März auf Blairs Landsitz in Chequers.

Die damals noch harmonische Beziehung der beiden sozialdemokratischen Spitzen-Modernisierer hat sich inzwischen abgekühlt. Den engen Schulterschluss mit Paris, den der einst in London als besonders anglophil gepriesene Kanzler eingegangen ist, hat die Mannschaft um Blair verunsichert. Die sich herausbildende deutsch-französische Reformachse, die die Weiterentwicklung der Europäische Union energisch in die Hand nimmt, hat in London in den letzten Wochen für Besorgnisse und Irritationen gesorgt.

Als Außenminister Joschka Fischer seine Ideen einer "Avantgarde der Integration" propagierte, suchte sich Blair einen Verbündeten aus dem konservativen Lager, um gegenzusteuern. Im Duett mit seinem spanischen Amtsbruder Jose Maria Aznar mahnte er in einem Zeitungsbeitrag, Bürger zweiter Klasse dürfe es in Europa nicht geben. Und zum Ärger von Paris und Berlin wiesen die beiden spitz darauf hin, dass Spanisch und Englisch die wichtigsten internationalen Sprachen seien. Der Artikel löste Spekulationen über eine Achse London-Madrid als neues Gegengewicht zu Berlin-Paris aus.

Die Europa-Dissonanzen mit London setzten sich auch beim EU-Gipfel in Feira fort. Laut Teilnehmern lieferten sich dort Schröder und Frankreichs Präsident Jacques Chirac einen lebhaften Wortwechsel mit Blair. Der Kanzler habe den britischen Kollegen daran erinnert, dass es ein Europa der zwei Geschwindigkeiten schon jetzt gebe, etwa beim Euro, dem Großbritannien weiter fernbleibt.

Eine Menge von Überzeugungsarbeit des Kanzlers ist notwendig, um die Briten wieder ins Boot zu holen. Ob das gelingt, ist fraglich. Mit dem Argument, die Avantgarde sei kein "exklusiver Club", sondern stehe allen offen, hatte Chirac schon vor zwei Wochen beim Dinner in London bei Blair vergeblich geworben, doch aufzuspringen.

Joachim Schucht