Beslan: Prozessbeginn gegen Geiselnehmer - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Beslan Prozessbeginn gegen Geiselnehmer

Unter strengen Sicherheitsvorkehrungen hat heute in Wladikawkas die Hauptverhandlung gegen den offiziell einzigen überlebenden Geiselnehmer von Beslan begonnen. Dem 24-jährigen Tschetschenen werden Terrorismus und Mord zur Last gelegt.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Moskau - Aus Sorge vor möglichen Gewaltakten schützen mehr als 100 Polizisten das Gerichtsgebäude in der Hauptstadt der südrussischen Teilrepublik Nordossetien. Der angeklagte Nurpaschi Kulajew wurde in einem Polizeikonvoi direkt in einen geschlossenen Innenhof gefahren, vorbei an einer Menschenmenge vor dem Gebäude.

"Ich will sehen, ob er ein Mensch ist"

Unter den Wartenden waren zahlreiche Angehörige von Opfern des Geiseldramas, viele hielten Bilder der Getöteten in den Händen. Eine alte Dame versuchte einen Gerichtsdiener zu bewegen, sie hereinzulassen: "Ich will sein Gesicht sehen und hineinschauen, um zu sehen, ob er ein Mensch ist", sagte sie über den Angeklagten.

Andere Hinterbliebene erklärten, das Verfahren gegen Kulajew sei in erster Linie ein Versuch der Behörden, von ihren eigenen Fehlern abzulenken. Nach dem Geiseldrama berichteten russische Medien, dass die Täter bereits Tage vor dem Überfall auf die Schule Sprengstoff in das Gebäude geschmuggelt hätten. Auch das Vorgehen der Sicherheitskräfte bei der Erstürmung der Schule wurde kritisiert. Die Leiterin des Komitees der Mütter von Beslan, Susanna Dudijewa, bezeichnete das Verfahren gegen Kulajew als "Spektakel".

Der Rechtsexperte Samtsajew Elbrus, der sich mit der Menschenrechtslage in der Region befasst, sieht in dem Verfahren auch den Versuch, ethnische Spannungen in Südrussland zu vermindern. Indem Kulajew Verbindungen zum internationalen Terrorismus vorgeworfen würden, solle der Zorn vieler Osseten auf die Einwohner der Nachbarrepublik Inguschetien besänftigt werden. Unter den Geiselnehmern waren viele Inguschen.

Am Montag hatte der Leiter der parlamentarischen Untersuchungskommission zu Beslan, Alexander Torschin, die Vermutung geäußert, dass es weitere überlebende Beslan-Geiselnehmer gebe.

Kulajew hatte gestanden, an der Geiselnahme in der Schule von Beslan beteiligt gewesen zu sein. Er beteuerte jedoch, er habe niemanden getötet. Eine Gruppe von 32 Geiselnehmern hatte am 1. September vergangenen Jahres das Schulgebäude gestürmt und etwa 1200 Menschen ohne Wasser und Nahrung festgehalten. Zwei Tage später stürmten russische Einsatzkräfte die Schule, 330 Geiseln und 31 Geiselnehmer kamen ums Leben. Kulajew droht eine lebenslange Haftstrafe.