Bill Clinton Triumph und Tragödie
Der Tag zählt zu den außenpolitischen Sternstunden von Bill Clinton: Der Himmel wölbt sich in herbstlichem Blau über den Garten hinter dem Weißen Haus, als er am 13. September 1993 mit der ausladenden Geste eines Schutzengels zwei mythische Größen des Nahostkonflikts zum historischen Handschlag bewegt.
Der Palästinenser Jassir Arafat und der Israeli Jizchak Rabin haben soeben unter der Schirmherrschaft des US-Präsidenten ihre Unterschrift unter ein Abkommen gesetzt, das Jahrzehnte eines hasserfüllten Konfliktes zwischen den beiden Völkern endgültig beenden soll.
Als sich die beiden Gegner von einst mit verhaltener Spannung die Hände entgegenstrecken, krönt ein strahlender US-Präsident die Geste mit seinem eigenen Griff auf die Hände der beiden Kontrahenten: Rabin, Clinton und Arafat. Das Bild der politischen Dreifaltigkeit von Washington ging um die Welt. Es symbolisierte die Hoffnung einer ganzen Region und bescherte dem US-Präsidenten einen der Höhepunkte seiner von außenpolitischen Erfolgen nicht gerade gesegneten Amtszeit.
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Gewiss, auch in Nordirland bemühte sich Clinton um die Vereinbarung eines Stillhalteabkommens, und seine Reise nach Vietnam im Herbst vergangenen Jahres war die Aufarbeitung eines amerikanischen Traumas. Doch wie kein anderer US-Präsident vor ihm engagierte sich Bill Clinton mit enormem Zeitaufwand und der Aufbietung seines ganzen diplomatischen Geschicks für die Aussöhnung in Nahost. Zunächst mit Erfolg.
Bill Clinton 1993: Das war der Führer der Supermacht USA, doch der ehemalige Gouverneur von Arkansas galt damals auf internationalem Parkett kaum als diplomatisches Schwergewicht. Und doch gelang es ihm, einen gordischen Knoten zu lösen, an dem sich viele Politiker vergeblich versucht hatten. Plötzlich war der rotwangig-jugendliche Amerikaner in die Riege ernst zu nehmender Staatsmänner aufgerückt.
Beginn einer Freundschaft
Bill Clinton gelang das Unternehmen mit einer Mischung von persönlichem Charme, politischem Druck und der Aussicht auf millionenschwere finanzielle Unterstützung. Sein Haupttrumpf aber war derselbe hartnäckige Dauereinsatz, mit dem er seinen Wahlkampf geführt hatte; dasselbe detailbesessene Interesse an komplexen politischen Problemen und ein beinahe sportiver Ehrgeiz zu überzeugen.
Das brachte ihm Respekt, Vertrauen und schließlich die Anerkennung der beiden beteiligten Politiker ein. Zumal zu Rabin vertiefte sich der Politkontakt zu einer Generationen überbrückenden Beziehung: Hier der locker-leichtlebige Baby-Boomer, dort der alte militärische Haudegen.
Es war der Beginn einer Freundschaft. Am Morgen vor der Unterzeichnung des Abkommens von Washington schob der Amerikaner dem um zwei Generationen älteren Ex-General den Krawattenknoten zurecht, dann bat er ihn vorab um den Handschlag mit dessen Nemesis Arafat.
Das Friedenszeremoniell gelang - an eben jenem Tisch, an dem unter seinem demokratischen Vorgänger Jimmy Carter 1979 schon den Israeli Menachem Begin und den Ägypter Anwar el-Sadat zum Friedensschluss Platz genommen hatten. Doch hier enden die historischen Parallelen.
Denn mit der Ermordung von Jizchak Rabin am 4. November 1995 durch einen jüdischen Attentäter zerfiel die einzigartige personelle Konstellation. Mit einer politischen Halbwertzeit, die in Nahost mit Steinen, Schüssen, Anschlägen und Provokationen gemessen wird, zerrann der vielversprechende Aufbruch.
Bill Clinton dürfte das gespürt haben, als er am Grab von Rabin Abschied nahm. Der Verlust war persönlich, als er sich verabschiedete mit den Worten "Shalom Chaver" - "Friede meinem Freund." Und aus der Rückschau des Jahres 2001 erscheint seine Totenrede - vielleicht eine der bewegensten Ansprachen seiner Präsidentschaft -, beinahe als Nachruf auf den Friedensprozess. Denn die Widersprüche und Konflikte brachen wieder auf. Und die viel beschworene wirtschaftliche "Friedensdividende" entpuppte sich als bloße Schimäre.
Just in dem Moment, als der Friedensprozess neue Hilfestellung aus Washington gebraucht hätte, verstrickte sich Clinton in jene Schmuddelaffäre mit Monica Lewinsky: Der bittere Kampf im Amtsenthebungsverfahren kostete den US-Präsidenten entscheidende Monate politischer Handlungsfähigkeit.
Verve und Humor
Mit kalkuliertem Blick auf seine historische Bilanz als Skandalpräsident versuchte Clinton im Herbst vergangenen Jahres eine Wiederholung seines Verhandlungserfolges: In Camp David warb er für seine Vorstellung einer geteilten und doch gemeinsam verwalteten Hauptstadt Jerusalem mit Verve - und manchmal auch mit Humor.
Nicht ernst gemeint jedenfalls war sein Vorschlag, wie Israelis und Palästinenser von dem umstrittenen Tempelberg in Jerusalem profitieren könnten - dort, wo sich an der Al Aksa Moschee und Klagemauer moslemische wie jüdische Heiligtümer und Ansprüche direkt überschneiden: "Ich sagte Arafat: Sie müssten mit dem modernsten Ausgrabungsgerät den Tempelberg anheben, um darunter Platz für Ausgrabungen zu machen. Das wäre eine tolle Touristenattraktion und Israelis wie Palästinenser würden damit tonnenweise Dollar verdienen."
Für einen geschichtsträchtigen Kompromiss fehlte in Camp David bei Palästinensern und Israelis die breite politische Unterstützung. Und als Ende September 2000 die jüngste Welle der Gewalt begann, war auch Clinton überrascht. "Wer hätte geahnt", sinnierte er Anfang Dezember in privatem Kreis, "dass nach all den Bemühungen plötzlich eine neue Intifada ausbrechen würde?"
Da war ihm, nur noch Wochen vor dem Ende seiner Amtszeit, Zeit und die Handhabe für einen Ausgleich in Nahost längst entglitten. Als er in einer bewegend persönlichen Ansprache in New York die Bilanz seiner Bemühungen zusammenfasste, sagte ein tief enttäuschter Clinton: "Mein Herz ist gebrochen."