Bin Ladens Versteck: Die Residenz, der Käufer, der Kurier
Bin Ladens Versteck Die Hausgemeinschaft des Terrorpaten
Ab und zu hat er sie gesehen, die Leute aus dem großen, ummauerten Haus, sagt Abdul Wahid. Der 28-jährige Landbesitzer läuft auf dem Feld hinter Osama Bin Ladens Haus auf und ab. Mit einer Handpumpe sprüht er Pestizid über seinen Blumenkohl. "Ich habe die letzten drei Tage ja hier nicht arbeiten können, jetzt sind viele Köpfe schon von Ungeziefer befallen."
Von seinem Acker aus blickt man auf die Hinterseite des Hauses, direkt in das Zimmer, in dem Bin Laden in der Nacht auf Montag erschossen wurde. "Ihn habe ich nie gesehen, aber zwei Männer, die alle hier im Ort für Brüder oder Cousins hielten", sagt Wahid. "Sie waren die Mieter des Hauses. Sie besaßen einen weißen, kleinen Geländewagen und einen roten Bus, damit fuhren sie ab und zu weg. Manchmal saßen auch Frauen drin, aber sie trugen weiße Burkas, außerdem waren an den Seitenfenstern des Geländewagens Gardinen angebracht, man konnte nicht viel erkennen."
Die beiden Männer mit Vollbart, sagen sie in der Nachbarschaft, hätten "normale Kleidung" getragen, also Shalwar Kameez, knielanges Hemd und Pluderhose. Sie seien "in ihren Dreißigern" gewesen, beide verheiratet, "mit mehreren Kindern". "Obwohl sie alte Autos fuhren, waren sie für uns reiche Leute", sagt Wahid. "Die meisten Menschen hier besitzen nicht einmal einen Wagen, und sie hatten zwei und außerdem ein sehr großes Grundstück. Wir gingen davon aus, dass das Brüder waren."
Nachbarn hielten die Bewohner für konservative Paschtunen
Man habe sie oft gesehen, sagen auch die örtlichen Ladenbesitzer. "Sie kamen mit den Kindern, um ihnen Süßigkeiten oder Eis zu kaufen", erinnert sich der Friseur Umar. "Aber sie haben nie viel geredet, keine Witze gemacht oder einen Plausch gehalten. Keiner von uns wusste viel über sie." Darüber, dass sie zurückgezogen hinter hohen Mauern lebten, habe sich niemand gewundert, man habe sie für konservative Paschtunen gehalten.
Die Kinder hätten nicht mit anderen im Dorf gespielt, sondern nur auf dem eigenen Grundstück. Man habe gelegentlich Kindergelächter hinter den Mauern gehört. Wenn andere Kinder draußen Kricket spielten und ein Ball über die Mauer flog, hätten sie sich nicht getraut, an das Tor zu klopfen und ihn zurückzuholen - die Bewohner hätten deutlich gemacht, dass Besuch welcher Art auch immer unerwünscht sei. "So waren die eben", sagt Bauer Wahid. "Wir wussten nichts über sie, was sie tun, wovon sie leben, woher genau sie kommen."
Nur an die Namen der Männer erinnern sie sich: Mohammed Arshad beziehungsweise Arshad Khan und Tariq Khan.
Auch Qazi Mahfuz ul-Haq weiß noch, wie er im Jahr 2005 dem älteren der beiden, Arshad, begegnete. "Er sagte mir, er wolle Land für seinen Onkel kaufen", sagt der Arzt. Er habe mit einem paschtunischen Akzent gesprochen. "Ich hielt ihn für jemanden aus Waziristan." In der Region in Pakistan nahe der Grenze zu Afghanistan halten sich viele Extremisten versteckt. Der Käufer sei ein "sehr einfacher, höflicher Mann" gewesen, der ihn auch gefragt habe, wem die benachbarten Grundstücke gehörten. Er habe ihn mehrmals getroffen, und bei Vertragsabschluss habe der Käufer ihm gesagt: "Jetzt ist Ihr Land sehr wertvoll", zitiert die Nachrichtenagentur AP den Arzt.
Die Spur nach Abbottabad - auch in den WikiLeaks-Dokumenten
Aus den Grundbucheinträgen geht hervor, dass Arshad das gesamte Grundstück in mehreren Schritten zwischen 2004 und 2005 zusammenkaufte. In den Dokumenten ist ebenfalls der Name Arshad aufgeführt. Demnach stammten Arshad und Tariq aus der Stadt Charsadda, nahe der Grenze zu Afghanistan.
Vermutlich handelte es sich bei Arshad um den in Kuwait geborenen pakistanischen Staatsbürger Sheikh Abu Ahmed, also jenen Kurier des Terrornetzwerks al-Qaida, der die Amerikaner auf die Spur Bin Ladens brachte. Das sollen Vernehmungen von Terrorverdächtigen in geheimen osteuropäischen US-Gefängnissen und im Gefangenenlager in Guantanamo ergeben haben, wie aus den von WikiLeaks veröffentlichten Vernehmungsprotokollen hervorgeht.
Arshad alias Ahmed soll demnach einen jungen Mann namens Maad al-Qahtani in der südpakistanischen Hafenmetropole Karatschi den Umgang mit dem Internet beigebracht haben, so dass der mit Mohammed Atta, dem Anführer der Todespiloten vom 11. September 2001, kommunizieren konnte.
Die Guantanamo-Protokolle legen nahe, dass Washington seit 2005, mit der Festnahme des Libyers Abu al-Libi, eine Spur nach Abbottabad hatte. Libi war Mitte 2003 mit seiner Familie nach Abbottabad gezogen und arbeitete als Bote Bin Ladens. Im Zuge der Ermittlungen kam der US-Geheimdienst CIA auch auf Ahmed, er verfolgte einen seiner Anrufe in die USA nach Abbottabad zurück.
Auffälliges Timing
US-Präsident Barack Obama verkündete den Tod Bin Ladens genau zu dem Zeitpunkt, als WikiLeaks alle Guantanamo-Protokolle veröffentlicht hatte. Der pakistanische Politikberater Mosharraf Zaidi nennt diesen Zusammenhang "interessant", das amerikanische Politikmagazin "Counterpunch" schreibt: "Timing ist alles." Ein pakistanischer General sagte auf Anfrage, vieles spreche dafür, dass Washington nach der WikiLeaks-Veröffentlichung Sorge gehabt hätte, Bin Laden könnte Wind davon bekommen, dass die CIA ihm auf der Spur sei.
Neben Bin Laden wurden bei der US-Kommandoaktion zwei weitere Männer getötet - Arshad und sein Bruder oder Cousin Tariq. Ihre wahre Identität ist noch immer ein Rätsel. Die CIA hat sich dazu bislang noch nicht geäußert, der pakistanische Geheimdienst ISI teilt lediglich mit, Arshad habe einen gefälschten Personalausweis gehabt, und Arshad sei nicht der echte Name.