Brasilien Positives Deutschland-Bild
Rio de Janeiro - Die KZ-Späßchen Berlusconis und die Ausfälle seines inzwischen entlassenen Tourismus-Ministers kontrastieren stark mit dem Deutschlandbild, das die brasilianischen Medien derzeit entwerfen. Wahrend das "Journal do Brasil" sarkastisch die halbherzigen Rückzieher des italienischen Präsidenten zum Titelthema gemacht hatte ("Berlusconi entschuldigt sich bei Schröder"), bietet das größte und einflußleichste brasilianische Nachrichtenmagazin "Veja" erstaunliche Zahlen.
In einem Dossier unter dem Titel "Deutschland wird koscher" berichtet das Magazin von einem Trend, der Berlusoni verblüffen müßte: über ein halbes Jahrhundert nach dem Holocaust ist Deutschland zum bevorzugten europäischen Immigrationsziel von Juden geworden. Im Jahre 2002 wanderten 19.262 osteuropäische Juden nach Deutschland aus, mehr als nach Israel (18.878) und fast doppelt so viele wie in die USA (10.000).
Die meisten Immigranten stammen aus den Ländern der ehemaligen Sowjetrepubliken, die vor dem dort offenbar immer noch virulenten Antisemitismus flüchten. Umfragen unter den Auswanderern ergeben, dass die Juden Deutschland für das liberalste Land Europas halten. "Alemanha", so das Blatt, "ist zum sicheren Hafen für Immigranten allgemein geworden."
Geschätzt werden vor allem das kostenlose Schulsystem bis zum Abitur und die hohen, europaweit höchsten, sozialen Leistungen in den Eingliederungsbemühungen. Von 1990 bis 2003 schnellte, der Veja zufolge, die Zahl der Einwanderer von 33.000 auf 200.000 hoch. Das sind, so vermerkt das Blatt weiterhin, zwar immer noch weniger als die Hälfte der Anzahl jüdischer Mitbürger, die 1942 in Deutschland lebten (500.000), doch die Bilanz sei ermutigend. Deutschland habe aus der Geschichte gelernt.
Die Veja registriert einen regelrechten Boom an koscheren Läden, Bibliotheken und jüdischen Cafes, nicht nur in Berlin, sondern auch in Halle, Potsdam, Rostock - an Orten im Osten also, die zu Beginn der 90er Jahre auf Grund antisemitischer Ausschreitungen zum Teil weltweit für negative Schlagzeilen gesorgt hatten.