Burma: NGOs helfen bei Demokratisierung - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Fotostrecke

Myanmar: Die ABC-Schützen in Sachen Demokratie

Foto: Verena Hölzl

Burma Wahlkampftraining mit Mindy

Über Jahrzehnte wurde Burma von einer brutalen Militärjunta regiert. 2011 öffnete sich das Land. Am Sonntag wählen die Bewohner eine neue Regierung. Demokratie müssen sie trotzdem noch lernen.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Saw Ho Shae ist der Gruppen-Streber. "In den USA kann der Präsident nicht so wie bei uns einfach tun, was er will", erklärt er. Dazu ist er aufgestanden und wedelt bedeutsam mit dem Käppi herum, das sonst sein graumeliert-verstrubbeltes Haar verbirgt.

Er schwärmt von Rechtssicherheit und Demokratie in den Vereinigten Staaten. Dann setzt er sich wieder und legt die regenfeste Plastikmappe in den Schoß, in der er all seine Notizen aus den vergangenen Tagen hütet. Es ist Regenzeit in Moulmein, einer verträumten Stadt im Süden Burmas. Der 55-Jährige sitzt mit rund hundert anderen Workshop-Teilnehmern in einer großen Festhalle, weil er wissen will: Wie macht man eigentlich Wahlkampf?

Fast ein halbes Jahrhundert lang regierte eine brutale Militärjunta Burma. Bis die Generäle das Land 2011 öffneten, um weiteren Revolten zuvorzukommen, war Demokratie nur Wunschtraum eines unzufriedenen Volkes gewesen. Plötzlich wurde er Realität. Die Burmesen fingen an, zu lernen, wie Demokratie funktioniert. Am Sonntag dürfen sie wählen. Es wird ein weiterer Meilenstein im Aushandeln des Spielraums mit dem immer noch mächtigen Militär sein.

Die Burmesen sind Anfänger in Demokratie. NGOs geben Glossare heraus, in denen Begriffe wie "Demokratie", "Institution" oder "Rechtssicherheit" erklärt sind. Journalisten werden für die Fallstricke der Wahlberichterstattung sensibilisiert, Wählerlisten digitalisiert und Bürger aufgeklärt, wie das mit dem Wählen eigentlich genau funktioniert.

So geht Wahlkampf

Saw Ho Shae hatte Glück: Als Ingenieur für eine europäische Firma hat er schon weite Teile der Welt bereist. Seit Kurzem ist er pensioniert und will sich nun in der Politik engagieren. Kandidat wollte er erst einmal nicht sein. "Ich muss das alles erst ganz genau verstehen", sagt er.

Seine volle Aufmerksamkeit gilt deshalb Trainerin Mindy Walker, der Mittdreißigerin aus den Vereinigten Staaten. Mit streng zurückgestecktem Haar und in einem Kleid, das sie sich aus landestypischem Stoff schneidern ließ, steht sie vor ihren Demokratie-Schülern. Ein Regenschauer prasselt auf Moulmein. Walker hat trotz Mikrofon Schwierigkeiten, sich verständlich zu machen. "Wenn ihr Kandidaten der NLD seid, dann interessieren euch natürlich um Himmels Willen nicht die Journalisten von der USDP-Zeitung", ruft sie. Die Menge lacht. Gemeint ist die die Nationale Liga für Demokratie (NLD), die Partei von Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi.

60 Tage lang durfte Wahlkampf gemacht werden. "Das ist wenig Zeit, um etwas zu lernen, was man noch nie zuvor gemacht hat," erklärt Walker. Zweimal im Monat war sie für eine lokale NGO im ganzen Land unterwegs, um Kandidaten beizubringen, wie man Wahlkampf macht.

Von der Vergangenheit eingeholt

Bis vor einigen Jahren konnte man in Burma noch nicht ohne Angst zugeben, etwas anderes als das Militär gut zu finden. In manchen Orten erteilten die Behörden immer noch keine Genehmigungen für die Trainings. "Das alte Denken ist bei manchen eben immer noch nicht verschwunden", sagt Walker.

Von der Vergangenheit eingeholt wurde sie auch in Depayin. In dem Ort wurde 2003 eine Wagenkolonne der NLD angegriffen. 70 Menschen starben, der Uno-Menschenrechtsbeauftragte machte Agenten des Staates für das Massaker verantwortlich. Auch zwölf Jahre später war die Stimmung beim gemeinsamen Wahlkampf-Training angespannt. Als Walker ein Mitglied der Militärpartei bei einer Übung unterbrach, empörten sich die Kollegen: Ausländer würden immer nur die NLD bevorzugen.

Anfang des Jahres hat die Wahlkommission es ausländischen NGO-Mitarbeitern außerdem verboten, Parteien einzeln zu trainieren. Mindy Walker vermutet, die mit militärnahem Personal besetzte Kommission habe Angst vor Parteilichkeit für die NLD.

Demokratie - ein hartes Geschäft

Später, draußen im Feld. Die Teilnehmer sollen ihr Wissen anwenden und in den unterschiedlichen Stadtteilen Moulmeins Hausbesuche bei Wählern machen. Das geht nicht ohne Genehmigung. Die Teilnehmer müssen im Stadtteilbüro anstehen. Mindy lümmelt in der Zwischenzeit im Auto, tippt E-Mails in ihr Smartphone und versucht sich nicht zu sehr über die Hürden im burmesischen Wahlkampf aufzuregen.

Saw Ho Shae hat vor einem Dutzend Bambushütten seine Flipflops abgestreift und sich dort angehört, dass es keinen Strom gibt oder die Preise für Lebensmittel gestiegen sind. Für die Menschen in Burma ist es immer noch unvorstellbar, dass Kandidaten von Haus zu Haus ziehen und sich jemand für ihre Probleme interessiert.

Wie Mindy es ihm aufgetragen hatte, brachte er den Leuten immer auch bei, dass sie auf den Wählerlisten Name, Geburtsdatum und Passnummer prüfen müssen, da sie sonst unter Umständen nicht wählen dürfen. Er weiß, dass im Teilstaat Mon 26 Prozent der Menschen die nötigen Ausweispapiere überhaupt nicht besitzen. Nach vier Tagen Training ist Saw Ho Shae fast schon Profi. Er wischt sich den Schweiß von der Stirn. Demokratie ist ein hartes Geschäft.


Zusammengefasst : Fast ein halbes Jahrhundert lang regierte eine brutale Militärjunta Burma. 2011 öffneten die Generäle das Land vorsichtig, am Sonntag finden nun erstmals Wahlen statt. Doch Demokratie ist für die Burmesen, die nur Militärherrschaft kennen, eine komplizierte Sache. NGOs geben Glossare heraus und veranstalten Workshops, um zu erklären, wie Wahlen funktionieren.

Mehr lesen über