Bush fordert Gore soll aufgeben
Tallahasse - Der texanische Gouverneur Bush forderte Vizepräsident Al Gore auf, auf weitere Auszählungen in Florida zu verzichten und seine Niederlage einzugestehen. Denn auch die Neuauszählung habe einen Sieg der Republikaner ergeben, sagte eine Sprecherin Bushs.
Aus dem Gore-Lager hieß es dagegen, dies sei erst der Anfang. Die Demokraten verlangen angesichts des offensichtlich noch knapper gewordenen Ergebnisses eine Handauszählung in einigen Wahlbezirken Floridas.
Der Fernsehsender CNN hatte unter Berufung auf nicht amtliche Ergebnisse gemeldet, dass Bush nach der Neuauszählung der Stimmen in allen 67 Wahlbezirken mit 327 Stimmen führe. Nach offiziellen Angaben führt Bush mit 960 Stimmen nachdem 65 der 67 Bezirke ausgezählt sind. Der Wahlbehörde in Florida zufolge werden die letzten Stimmen im Bezirk Palm Beach frühestens am Montag nachgezählt sein. Bis Freitag kommender Woche können noch Briefwahl-Stimmen eingehen. Viele Briefwahlstimmen kommen erfahrungsgemäß von im Ausland stationierten US-Soldaten, die in der Vergangenheit meist eher republikanisch gewählt hatten. Die Auswertung ist noch nicht überall abgeschlossen sein.
Ergebnis erst am Montag
Offiziell darf das Wahlergebnis in Florida nach einer einstweiligen Verfügung frühestens am Montag bekannt gegeben werden, wenn eine für 19.30 Uhr MEZ angesetzte gerichtliche Anhörung zu mindestens zwei Klagen gegen die Wahl beendet ist.
Die Klagen der Demokraten richten sich gegen angebliche Unregelmäßigkeiten bei der Abstimmung. So sollen die Wahlzettel in Palm Beach so verwirrend gewesen sein, dass viele Gore-Wähler ihre Stimme versehentlich erst dem Kandidaten der Reformpartei, Pat Buchanan, gaben, dies später korrigierten und den Zettel damit ungültig machten. Rund 19.000 Stimmen wurden in Palm Beach für ungültig erklärt, weil sie statt nur einmal zweimal gelocht waren. Auch Buchanan sagte, der Stimmzettel von Palm Beach sei verwirrend gewesen, und er habe vermutlich viele Stimmen erhalten, die Gore zugedacht gewesen seien. Außerdem wurden Vorwürfe laut, Schwarze seien an der Stimmabgabe gehindert worden. US-Justizministerin Janet Reno kündigte an, diesen Beschwerden nachzugehen.
Die Klagen gegen die Wahl könnten nach Einschätzung von Staatsrechtlern durchaus zur Wiederholung der Wahl in Florida führen. Elizabeth Garrett von der University of Chicago sagte, die Gesetze Floridas machten eine Wiederholung möglich, falls eine andere Person als der eigentliche Sieger gewählt worden sei. "Es muss kein Betrug nachgewiesen werden", sagte sie. Ihr Kollege Joseph Little von der University of Florida in Gainesville sagte, es habe schwerwiegende Probleme mit den Stimmzetteln gegeben. "Ich wüsste nicht, warum das kein Grund für eine Wiederholung der Wahl sein sollte", sagte er.
In Florida stehen 25 Wahlmänner-Stimmen für Bush oder Gore auf dem Spiel. Wer sie gewinnt, wird nächster Präsident der USA. Die Nachzählung war auf Grund des komplizierten Wahlrechts in dem Bundesstaat notwendig geworden, das eine Neuzählung verlangt, wenn beide Kandidaten praktisch gleichauf liegen. Die erste Zählung hatte den hauchdünnen Vorsprung von rund 1700 Stimmen für den Republikaner Bush ergeben.