Bush-Messer: Alles easy - DER SPIEGEL
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Bush-Messer Alles easy

George W. Bush mag kein Großer unter den US-Präsident sein. Sein Lächeln nervt, macht ratlos - aber er kann auch anders. Und weil er sich ein Stück Menschlichkeit bewahrt hat, halten ihn die Amerikaner für einen angenehmen, normalen Typen. Einer, der eine Niederlage am 2. November verkraften könnte.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Gestern Abend traten George W. und Laura Bush in der "Larry King Live Show" auf. Larry King ist der ältere Herr, der die Hosenträger als Erkennungszeichen trägt, einer Vorliebe für ulkige Krawatten nachkommt und sie alle in seine Show bekommt, die jeden Abend um 21 Uhr auf CNN läuft: die Kinder von Verstorbenen, die Verwandten von Mördern und die Familien der Opfer und eben alle vier Jahre wieder George W., wenn zufällig Wahlkampf herrscht.

Larry King fragt die richtigen Fragen, aber lieb und vorsichtig, damit sie alle wiederkommen, die kosmetisch Runderneuerten, die vom Alkohol Losgekommenen und die Wichtigsten dieser Erde, zu denen zweifellos der amerikanische Präsident gehört. Was Sabine Christiansen für Deutschland ist, ist Larry King für Amerika, wobei der immer durchblicken lässt, dass er hier ein Spiel spielt und auch anders könnte, wenn er denn wollte.

Was uns Europäer erst auffällt, dann nervt und endlich ein bisschen ratlos macht, das ist dieses ständige Lächeln des Präsidenten aus leicht schief gelegten Mund und das Leuchten, das er in seine Augen zwingt: alles kein Problem, alles easy, alles unter Kontrolle, der Sieg ist unser. Diese Haltung mit dem angeknipsten inneren Strahlen verlangen sich Senatoren, Brustoperierte oder Hollywood-Stars ebenso ab wie Bush gestern.

Das Thema wechselt - der Moment, in dem er den Krieg anordnete und die Bradley-Panzer losratterten; die sieben Minuten in Sarasota, als er Schulkinder vorlas, als ihm der Einschlag des zweiten Flugzeugs in den zweiten Turm oben in New York zugeflüstert wurde -, das Lächeln aber, das auch ein Grienen sein kann, bleibt.

Amerikanische Politiker glauben wahrscheinlich, dass sie von innen her leuchten sollen, weil ein Gott ihnen die Welt lenken hilft, wie Bush sagen würde. So wirkt er einfach wie eine schlechte Ausgabe seiner selbst. Nebenbei gesagt, musste Laura fast durchgehend schweigen und ihn von der Seite her schräg anschauen, wobei sie manchmal so wirkte, als wollte sie sagen: Das hier höre ich nun zum 493. Mal von Dir, kannste das nicht wenigstens ein bisschen frischer formulieren?.

Non Nonsens Auftritt

Wahrscheinlich wäre der Lächler Bush dem Bush-Messer gar nicht so aufgefallen, wenn der Bush-Messer zwei Tage vorher nicht den anderen Bush in Aktion erlebt hätte, im Wahlkampf unten in Florida, zwischen Pensacola und Panama City an der Golfküste.

Da tritt der entschlossene No-Nonsense-Präsident in Erscheinung. Er tritt am Promenierufer in Panama City schnellen Fußes auf die Bühne, ohne Sakko und Krawatte, die Hemdsärmel hochgekrempelt. Er ist ungeduldig, will anfangen, während die 20.000 Zuhörer bei dieser Freiluftveranstaltung jetzt ihren Spaß haben wollen. Sie jubeln, toben, sie genießen ihren Auftritt fürs Fernsehen und lassen sich das auch nicht nehmen. Bush da oben auf der Bühne vor dem Meer wirkt wie der bürgerliche Bruder der regionalen Country-and-Western-Größe, die mit ihrem Macho-Gehabe und den markigen Songs, die vom fliegenden Adler und Gottes gebendeitem Land erzählen, für Stimmung gesorgt hat.

Kein Lächeln, kein falsches Grinsen im falschen Augenblick, da passt alles zusammen. Bush ist nicht unbedingt ein Großer unter den Präsidenten (um es vorsichtig zu sagen), aber er erhebt auch gar nicht den Anspruch. Er tut seinen Job, den er sich ausgesucht hat, und muss Entscheidungen fällen, die ihm nicht leicht fallen, aber die ihn bisher auch nicht gequält oder gar niedergebeugt haben. Und wenn er am 2. November abgewählt werden sollte, geht er auf seine Ranch nach Crawford zurück und zerbricht nicht an der Niederlage.

Interessant an diesem Mann ist, meint jedenfalls der Bush-Messer, der sich ihn seit mehr als drei Jahre anschaut, dass ein sympathischer Rest bleibt, was den Menschen angeht. Da löst sich nicht alles in Politik auf. Deshalb halten die Amerikaner ihn für einen "regular guy", einen angenehmen, normalen Typen.

Bushs Welt: Klar und eindeutig, richtig und falsch

Und eines wird jedem klar, der diesen Präsidenten momentan begleitet. Hier handelt es sich um einen vorzüglichen Wahlkämpfer mit einer klaren Botschaft: Wählt mich noch einmal, ich halte Amerika, so gut es irgend geht, von Terroristen frei, indem ich sie überall draußen in der Welt jage. Als Wahlkämpfer ist George W. Bush so gut wie er im Herbst 2001 vorübergehend als Präsident war. Ehe er Saddam Hussein als Wurzel allen Übels erkannte und den Irak als Schlachtfeld wählte, in dem Amerika ein Exempel statuieren wollte: für die Terroristen, die es gewagt hatten, Amerika anzugreifen, und für die Welt, die ihm nicht folgen wollte.

Bei Bush ist immer alles klar und eindeutig und hübsch geschieden in richtig und falsch. Bei seinem Herausforderer John Kerry, der ganz in Politik aufgeht und für den eine Niederlage am 2. November der Zerstörung eines Lebenstraums gleichkäme, sind die Nuancen zu Hause, und die Wirklichkeit ist so kompliziert, wie sie wirklich ist, und den Entscheidungen gehen lange Denkprozesse voraus, die er nicht anderen überlässt, wie es Bush ("Here is how I do my job") bei Larry King der Nation gerade noch einmal verklickert hat.

Bei Kerry hätte der Bush-Messer das Gefühl, er hat lange überlegt, wach gelegen am frühen Morgen, wie unsereiner das auch tut, er hat den Horizont mehrmals abgeschritten, auch noch ein letztes Mal mit der Taschenlampe, und dann legt er sich fest. Das Problem ist nur, dass weder Bushs noch Kerrys Methode allein verheißungsvoll ist: Am Ende zählt das Ergebnis und nicht, wie es zustande gekommen ist.

Kerry ist kein toller Wahlkämpfer. Er reißt sich immer wieder hoch, sobald er in den scharfen Falten seines lang gezogenen Gesichtes zu versinken droht, und erstaunt dann auch die Skeptiker. Es könnte ja aber sein, dass in ihm ein solider, berechenbarer Präsident steckt, dem sich die Welt, die von Amerika eh beherrscht wird, eher anvertraut, als dem schroffen, schnellen Bush, der ins applaudierende Publikum hinein unten in Sarasota immer wieder "Listen" ruft, wenn er weiter erzählen will, warum er in den vergangenen Jahren das eine gemacht hat und das andere gelassen hat.

Interessanterweise ließ er in Florida ab und zu durchblicken, dass der wieder gewählte Bush ein anderer Präsident sein würde: keine neuen Schlachtfelder, sondern Aufräumarbeiten, keine missionarischen Töne, sondern viel Pragmatik. Denn er kann eine Mehrheit für sich nur gewinnen, wenn er den Eindruck auf die entscheiden Swing-Wähler erweckt: Ich kann auch anders, weil ich dazu gelernt habe. Und auch Kerry kann nur gewinnen, wenn er die andere Saiten seines Wesens anklingen lässt: Er muss als der "regular guy" erscheinen, der sein Widersacher von Naturell ist.

Sonst wird das nichts mit dem Sieg, auf den sich der Bush-Messer in seiner kühnen Weisheit festgelegt hat.