Bush-Messer Jagd auf die Frommen
Gestern Abend gastierte das Hamburger Ballett in Washington und versetzte sein Publikum in Begeisterungsstürme. Das Ensemble tanzte John Neumeiers wunderbaren "Nijinski", bei dem es um die Liebe des legendären Tänzers zu seiner Kunst und zu seinem Meister und Liebhaber Diaghilev geht. Große Kunst, rauschender Beifall, große Rührung über so viel Expressivität.
In der Wirklichkeit ist in Amerika gerade ein Kulturkampf um die homosexuelle Liebe ausgebrochen und den Anspruch der Homosexuellen, genauso wie Heterosexuelle die Ehe schließen zu dürfen. Momentan gibt es Pilgerfahrten nach San Francisco, wo man eine Lücke im Gesetz entdeckt hat. Die Hauptstadt der Bohème ist nämlich sowohl Stadt als auch County. Die County aber hat das Recht auf Eheschließung, und der junge Bürgermeister, der gerade ein paar Wochen im Amt ist, wies seine Standesbeamten an zu vermählen, wer immer vermählt werden möchte.
Dummerweise steht eigentlich die Verfassung Kaliforniens dagegen, aber der Gouverneur Arnold Schwarzenegger hält sich mehr oder weniger heraus. Anders der amerikanische Präsident, der vorige Woche seine feste Absicht bekundete, einen Zusatz in die Verfassung zu schreiben, wonach die Ehe das Monopol von Mann und Frau sei.
Womit wir dort angekommen wären, wo Ereignisse nach ihrem politischen Nutzwert gewogen werden: im Wahlkampf. George W. Bush und Karl Rove steht vor Augen, dass ein hübscher kleiner Kulturkampf genau das Richtige ist. Damit lässt sich die christliche Rechte mobilisieren, die unerlässlich für die Wiederwahl ist. Vor vier Jahren waren vier Millionen fromme Amerikaner, die eigentlich zu den Republikanern tendieren, zu Hause geblieben. Diese Lücke müssen der Präsident und sein überragender Stratege schließen, wenn denn die Aussichten diesmal besser sein sollen.
Also halten wir fest: Der Präsident wird sein halbes Amerika mobilisieren, um dort zu bleiben, wo er ist: im Weißen Haus. Er stützt sich auf die Interessengruppen, die ihm zugeneigt sind. Die Wechselwähler in der Mitte, die früher die "Reagan-Demokraten" hießen, weil sie eigentlich Demokraten waren, aber Gefallen am lässigen Gehabe des Präsidenten fanden, lassen die Republikaner diesmal links liegen.
Und was macht John Kerry? Morgen am "Super Tuesday" muss er erst einmal möglichst alle zehn Staaten gewinnen, damit John Edwards das Alibi aufs Weitermachen einbüßt. Die Demokraten sind schon darauf geeicht, alles dafür zu tun, dass Bush abgewählt wird. Mal sehen, welche Strategie der Kandidat dann wählen wird: Es gibt ja auch die Bush-Demokraten, jene Republikaner nämlich, die finden, dass der Präsident ziemlich viele Fehler gemacht hat, und die deshalb nicht abgeneigt wären, einen respektablen Demokraten zu wählen. Eigentlich könnte Kerry anfangen, sie zu umwerben - nach dem Motto: Der Bush, den ihr haben wollt, bin ich.
Der Bush-Messer diese Woche geht ganz kühl und zielsicher ein wenig zurück: auf 53 Prozent Wahrscheinlichkeit, dass Bush seiner Abwahl entgeht. Tendenz sinkend.