Bush-Messer: Mit Stullen zum Präsidenten-Prügeln - DER SPIEGEL
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Bush-Messer Mit Stullen zum Präsidenten-Prügeln

Michael Moores Anti-Bush-Polemik "Fahrenheit 9/11" bricht in den USA alle Kassenrekorde und mobilisiert die Massen mehr, als es jeder Wahlspot bisher konnte - ein böses Omen für den Präsidenten.
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New York - Insgesamt 273 Millionen Dollar haben George W. Bush und John Kerry bisher für den US-Wahlkampf ausgegeben, ein historischer Rekord. Trotzdem ist ihnen nicht gelungen, was der Filmemacher Michael Moore mit schlappen sechs Millionen Dollar und einer Kamera nun geschafft hat: die Leute politisch aufzuwühlen. Washington könnte noch was lernen von dem Provokateur aus der Provinz.

Sagenhafte 21,8 Millionen Dollar hat Moores cineastischer Bush-Verriss "Fahrenheit 9/11" übers Premieren-Wochenende in Nordamerika eingespielt (knapp 22 Millionen, wenn man den strategischen Frühstart in zwei New Yorker Kinos hinzurechnet). "Fahrenheit 9/11" ist schon jetzt, nach nur ein paar Tagen, der erfolgreichste Dokumentarfilm aller Zeiten, trotz - oder dank? - aller republikanischer Proteste: "Diese Zahlen sprengen einem ja das Hirn", staunte da selbst der Regisseur. "Bush-Bashing", meldete die Nachrichtenagentur Reuters aus Los Angeles, "ist zum populärsten Zuschauersport der Nation geworden".

Sie kommen mit handgemalten Spruchbändern und selbst geschmierten Stullen, sie stehen Stunden lang Schlange, sie jubeln und brüllen, und vor den Kinos lauern die wackeren Wahlhelfer der Demokraten schon mit ihren Partei-Aufnahmeanträgen: Michael Moore mobilisiert die Massen, wie es kein einziger, teurer TV-Spot Bushs und Kerrys vermochte.

Und so bewegt die Debattier-Zirkel der US-Hauptstadt diese Woche meist nur eine Frage: Kann es sein, dass dieser schamlose Stänkerer - von links verehrt, von rechts verhasst - diesem Patt-Wahlkampf endlich mal den nötigen Drall in die eine Richtung gegeben hat?

Die Auflösung dieses Rätsels gibt's natürlich erst im November, doch schon heute sehen sich beide Seiten gleichermaßen bestärkt: die Demokraten in ihrem "wishful thinking" auf einen Machtwechsel, die Republikaner in ihrer Weiter-so-Bunkermentalität. "Fahrenheit 9/11" räumte nicht nur in den liberalen Hochburgen an der Ostküste ab, sondern auch in den konservativen Käffern des Mittleren Westens, nicht nur in "roten" Staaten wie Texas, sondern auch in "blauen" Staaten wie Kalifornien - und in Wankelwähler-Regionen wie Pennsylvania. Und auf gerade die hat es Moore abgesehen: jene 21 Prozent der Amerikaner, die sich nach jüngsten Umfragen noch nicht festgelegt haben, weder auf Bush noch auf Kerry. Alle anderen dürfte "Fahrenheit 9/11" in ihrer jeweiligen Meinung nur bekräftigen.

Bedeutet Moores enormer Erfolg aber wirklich, dass die US-Wähler aus ihrer Lethargie aufschrecken? Oder, dass es hier einem Polemiker nur gelungen ist, die alte Anti-Bush-Basis zu kitzeln, deren Crème-de-la-crème sich zur Premierenfeier im so trefflich benannten Restaurant "Leftbank" in Washington traf? So oder so, für den Präsidenten könnte das zu einem Problem werden: "Wähler der Mitte werden nach diesem Film eher zu Kerry tendieren", prophezeit Terry Neal, der politische Chefkorrespondent der "Washington Post". Und: "Fahrenheit 9/11" könnte die scheintote demokratische Basis neu beleben, "vor allem Liberale, die sonst nicht wählen".

Doch nicht nur das bereitet Bush Kopfschmerzen. Auch die Weigerung der US-Grünen, den Joker-Kandidaten Ralph Nader zu unterstützen, kommt nur John Kerry zu Gute. Der wiederum wagte sich langsam aus dem Off und ließ sich von Hollywood auf einer Fundraising-Gala feiern - ausgerechnet in der Walt Disney Concert Hall, benannt nach dem Gründer des Konzerns, der Moore zuerst den Vetrieb von "Fahrenheit 9/11" verweigerte. Da trällerte Barbra Streisand eine bissige Tirade auf Pentagon-Chef Donald Rumsfeld, Oscar-Chefverleiher Billy Crystal nannte Kerry einen "echten Action-Helden", und die hochkarätigen "Gäste" warfen allein an einem Abend fünf Millionen Dollar in Kerrys Wahlkampfkasse.

Kein Wunder, dass im Weißen Haus die Nerven inzwischen blank liegen. So blank, dass Bushs PR-Strategen jetzt mit Hitler Stimmung gegen Kerry zu machen versuchen und Bush-Vize Dick Cheney im Senat ausrastete, wo er dem Demokraten Patrick Leahy das F-Wort hinterherrief - und darob trotzig verkündete, er habe sich "hinterher besser gefühlt". Hätte Cheney das im Hörfunk oder im Fernsehen getan, hätte er sich zweifelos eine saftige Geldstrafe wegen Obszönität eingehandelt, wie sie Bushs Medienaufsicht seit Janet Jacksons Busen-Skandal ja verschärft verhängt.

Der Wahlkampf verkommt zur Farce. Derweil übergibt US-Zivilverwalter Paul Bremer im Irak die Macht an eine von US-Truppen beschützte Übergangsregierung, Terroristen drohen mit der Ermordung weiterer Geiseln und in Washington sorgen immer neue Pentagon-Memos für immer mehr Verwirrung im Folterskandal. Das Gewicht all dieser Bilder lastet schwer auf dem Bush-Messer. Dieser sieht die Wiederwahlchancen des Amtsinhabers nur noch bei 1:2 und empfiehlt demselben, vielleicht einen ebenso cleveren Agigator für seine Sache zu engagieren wie Michael Moore.