Bush-Messer PR-Blitz gegen Kerry
New York - Der Kandidat fiel auf die Nase. Es geschah vor den Augen der Reporter, im Luxus-Winteridyll Sun Valley im US-Bundesstaat Idaho, auf einer Piste des Bald Mountains kurz unterhalb des Gipfels. Zunächst wedelte John Kerry, im schmucken blauen Skianzug, noch elegant auf seinem Snowboard zu Tale. Doch dann fuhr ihm einer der zwei Bodyguards vom Secret Service, die ihn selbst hier bewachen, in die Spur, und der demokratische Slalom fand ein vorzeitiges Ende: Kopfüber landete der Senator im Schnee. "Ich stürze eigentlich nicht", grantelte er anschließend. "Der hat mich überfahren."
Selbst im Kurzurlaub ist der Hoffnungsträger der Demokraten nicht sicher vor unerwarteten Quergängern. Dabei hat sich John Kerry doch eigens für eine Woche aus dem US-Wahlkampf abgemeldet und bis Mittwoch mit seiner Gattin Teresa Heinz Kerry in seine Millionenvilla in Idaho verzogen, um noch einmal kurz durchzuatmen, bevor's so richtig los geht.
Er hat die Ruhe nötig: Die letzten Tage hatten Kerry ziemlich ins Straucheln gebracht. Erst allerlei verbale Fehlschüsse - etwa seine unbelegte, ja, unbelegbare Behauptung, er genieße die Gunst diverser ausländischer Staatschefs. (Der Einzige, der sich daraufhin offiziell zu Kerry bekannte, war der ultrarechte Ex-Ministerpräsident Malaysias, Mahathir Mohamed - ein Zuspruch, den Kerry dankend ablehnte.) Dann seine versehentlich von einem Mikrofon mitgehörte Beschimpfung der Republikaner als Lügen- und Gaunerbande. Dazu noch der erste TV-Großangriff von Präsident George W. Bush. Kerry, sagte sein Freund Sam Grossmann der "New York Times", brauche "so dringend wie sonst keiner" Urlaub.
So schnell kann das gehen. Gerade noch obenauf, als nunmehr offizieller Sieger der demokratischen Vorwahlen, und nun schon wieder im Strudel der Ungewissheit. Was soll's, mag man sich müde fragen: In acht Monaten kann - und wird - noch viel passieren. Über die Hälfte der Amerikaner, so zeigen Umfragen jedenfalls, haben bisher noch keine Meinung von Kerry. Bei den anderen leidet Kerry noch an vielfältigen Image-Problemen: Fast zwei Drittel glauben, er sage nicht, was er denke, sondern was die Leute hören wollten; fast genau so viele halten ihn für wirtschaftlich und außenpolitisch kompetent wie für inkompetent. Das ist viel Spielraum - nach oben oder unten.
"Kerry ist schlecht definiert", freut sich Bushs Medienstratege Mark McKinnon. "Das bietet uns die beste Gelegenheit." Und so kündigte das Weiße Haus am Wochenende ganz unverblümt eine 90-Tage-"Blitzkampagne" an, um in Kerrys Glaubwürdigkeitslücke hineinzustoßen und sein schwammiges Image "negativ zu definieren" - als unentschlossen, unpatriotisch und führungsschwach.
Der Frontalangriff, in Fensterreden und TV-Spots in 18 entscheidenden Wechselwähler-Staaten, hat zwei Etappen: Erst soll Kerry aller vermeintlich positiven Qualitäten beraubt werden, um dann von Bush nach Belieben als Verlierer gebrandmarkt werden zu können. Das Propagandawerk, für das Bush weit über 100 Millionen Dollar zur Verfügung hält, begann am Samstag, mit Bushs erster Großkundgebung - in Florida, dem umkämpftesten aller Staaten.
Bis Anfang Juni, so der detaillierte Schlachtplan des Weißen Hauses, müsse Kerry öffentlich zu Grunde gerichtet sein. Denn dann beginnt mit dem Memorial Day hier die Sommersaison, und die meisten Amerikaner dürften bis kurz vor der Wahl im November politisch abschalten - so sie das, von der frühen Schlammschlacht genervt, bis dahin nicht längst getan haben.
Auch die ersten TV-Salven ließ Bush schon los. Seine neuen Wahlspots der vorigen Woche waren knallharte, oft gar an Denunziation grenzende Attacken auf Kerry. Der, so höhnte die Bush-Werbung, behindere nicht nur den Krieg gegen den Terror, sonden wolle obendrein "die Steuern um mindestens 900 Milliarden Dollar erhöhen". Eine Fantasiezahl: Das Bush-Lager hat dazu, wie es offen zugibt, einfach die Langzeitkosten einer geplanten Kerry-Gesundheitsreform "geschätzt". Macht nichts: Image beruht ja selten auf Realität.
Dem Demokraten Kerry bleiben unterdessen selbst im Winterurlaub die Wahlkampf-Wehen nicht erspart. Als er sich zum Imbiss auf der Terrasse einer Skihütte niederließ, rief ihm ein Mann aus der Warteschlange des Liftes höhnisch zu: "Hey John, welche ausländischen Staatschefs haben denn mit dir gesprochen?"
Bushs Aufholjagd sichert dem Amtsverteidiger derweil also wieder ein paar Fleißpunkte. Der Bush-Messer steigt auf 55 Prozent Wiederwahl-Wahrscheinlichkeit. Doch wie gesagt: In acht Monaten kann - und wird - noch viel passieren.